Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 61
Würzburg (Unterfranken)

Neumünsterstift und Neumünsterkirche

Die Neumünsterkirche befindet sich direkt nördlich des Doms und parallel zu diesem, aber leicht nach Westen verschoben. Sie hat entsprechend ihrer Baugeschichte zwei völlig unterschiedliche Gesichter, der westliche Teil mit der Fassade zum Kürschnerhof ist eine beeindruckende, theatralisch inszenierte Barockfassade, eine der schönsten in ganz Süddeutschland, und auch die Kuppel dahinter gehört in diese Bauphase. Der östliche Teil zum Kiliansplatz und zur Martinstraße hin ist eine klassische romanische Basilika mit Querhaus. Im Barock wurde hier durch das Zusammenspiel mehrerer exzellenter Künstler ein originär Greiffenclau-würzburgisches Meisterwerk geschaffen, das kunstgeschichtlich von überregionaler Bedeutung ist.

Die Stelle, an der sich die Neumünsterkirche erhebt, ist der Martyriumsort der Frankenmissionare Kilian, Kolonat und Totnan. Die Kiliansgruft mit den Gebeinen der drei Märtyrer befindet sich im Westen des heutigen Kirchenbaus und ist sowohl von der Straße aus als auch vom Innenraum her zugänglich. Bereits im 8. Jh. wurde an dieser Stelle ein Memorialbau errichtet, der sogenannte Salvatordom. Nach einem Brand von 855 wurde der Dom nicht mehr an der ursprünglichen Stelle, sondern ein Stück weiter südlich neu gebaut. Der Kilianssarkophag und das Grab des zweiten Bischofs von Würzburg, Megingoz, blieben aber an der alten Stelle. Die Gebeine Kilians und seiner Gefährten wurden größtenteils in den neuen, unter Bischof Arn erbauten Dom überführt. Deswegen hat die Verehrung eine Zweiteilung erfahren: Die Stelle des Martyriums liegt unter dem Neumünster, die Gebeine sind im Dom, und die alten Bischöfe verblieben vermutlich auch im Neumünster. Diese Verknüpfung mit den Anfängen des Christentums in Franken machen das Neumünster zu einem ebenso ehrwürdigen Ort wie den Dom.

Im 11. Jh. wurde hier ein Chorherrenstift gegründet, wobei sich aber keine Gründungsurkunde erhalten hat. Als Gründer gilt in der Stiftstradition Bischof Adalbero (1045-1090). Die Quellenlage ist nicht eindeutig, eine andere Quelle sagt, daß das Dotationsgut von Königin Richeza von Polen stamme. Wiederum eine andere Quelle bezeichnet Graf Emehard von Rothenburg-Comburg und dessen Neffen, Graf Heinrich, als Gründer. Als Gründer gilt nach wiederum einer anderen Überlieferung Bischof Heinrich I. (reg. 996-1018), was nicht sein kann, weil es das Stift zu seinen Lebzeiten noch nicht gab. Von Bischof Heinrich I. glaubte man lange, daß er dem besagten Grafengeschlecht entstammte. Er wurde auch als Heinrich von Rothenburg bezeichnet. Das ist jedoch falsch, und spätere Forschungen sehen ihn im familiären Kontext der Konradiner. Heinrich I. entstammte einem rheinfränkischen Geschlecht, das in der Gegend von Worms und von Simmern im Hunsrück begütert war. Die Zuschreibung zu Heinrich I. ist wohl eine spätere Verwechslung und fußt auf einer Inschrift an der Kirchenapsis auf deren Außenseite: HENRICUS ME FECIT. Entweder wurde Graf Heinrich mit Heinrich I. verwechselt, oder aber der in der Inschrift genannte Heinrich ist gar nicht der Stifter, sondern ein Baumeister. Daß die Inschrift erst im 13. Jh. angebracht wurde, stützt die Theorie, daß es sich nicht um den Stifter handelt. Zurück zu Graf Heinrich von Rothenburg-Comburg, der als letzter männlicher Sproß der Familie gilt und ca. 1115/1116 gestorben ist: Er war der Bruder des Würzburger Bischofs Emehard (reg. 1089-1105) und zweier weiterer Brüder, Rugger und Burkard, welche Kloster Comburg stifteten. Vermutlich war die Sachlage so, daß Bischof Adalbero in geistlicher Hinsicht die führende Rolle bei der Gründung spielte, während die Grafen von Rothenburg-Comburg für die materielle Ausstattung des Stifts sorgten, wofür die reichen Besitzungen des Stifts im Taubertal und im Jagsttal sprechen, ebenso die erwähnte Königin Richeza von Polen.

Die ersten Chorherren kamen aus dem bisherigen Stift St. Peter, Paul und Stephan in der südlichen Vorstadt, das in Folge der Umsiedlung seiner Bewohner zu einem Benediktinerkloster wurde. Im Laufe des 12. Jh. löste sich im Neumünsterstift das gemeinschaftliche Leben zunehmend auf. Im 13. Jh. entstanden Einzelkurien der Dignitäten und der Kanoniker. Die Würzburger Bischöfe nutzten die Säkularkanonikerstifte, um aus dem Pool der Stiftsherren ihr Personal zur Verwaltung von Land und Bistum zu rekrutieren. Im 14. Jh. drehte sich das System um: Der Fürstbischof versorgte sein Personal mit Kanonikaten und Einnahmen durch eine oder mehrere Stiftspfründen. Die materielle Ausstattung des Kanonikerstifts wurde zur Ressource, über die der Fürstbischof seine Leute finanzierte. Dieses Personal wiederum war dadurch stärker an den Dienstherrn gebunden als an das Stift, was dessen Stellung insgesamt schwächte. Ein weiterer Mitspieler im Pfründen-Karussell war der Papst, der seit dem 13. Jh. durch Provisionen eigene Leute versorgte oder versorgen wollte, aber das Stift nahm selten die Providierten an. Sowohl die Praxis der Vergabe der Kanonikate als auch die geringe Höhe der Einzeleinkünfte führten zur Pfründenakkumulation, und die wiederum führten zu einer Veränderung der Struktur der Stiftsherrengemeinschaft: Die Präsenz sank, die Teilnahme an Chorgebet und Gottesdiensten nahm ab, und die Bindung an das Stift und seine Interessen sank mit jeder weiteren Pfründe in anderen Stiften: Das Stift war Teil eines Versorgungssystems. In der Reformationszeit kam als weiteres beeinträchtigendes Element hinzu, daß das Dasein als Kanoniker und die zugehörige Lebensform zunehmend als nicht dauerhaft wahrgenommen wurde: Es wurde vermehrt üblich, auf die Kanonikate zu verzichten, wenn sich etwas Besseres bot, sei es in der Verwaltung des Hochstifts oder in Diensten weltlicher Landesherren oder sogar in der sich konstituierenden protestantischen Kirche. Entsprechend drückte man sich so lange wie möglich vor Weihen. All das führte zu einer höheren Fluktuation der Stiftsherren, zu Personalmangel, zu geringerer Identifikation mit dem Stift und bald auch zu Verfall der Disziplin. Im 16. Jh. wurde wegen des Schuldenstandes des Stifts der Personalbestand reduziert, einerseits durch befristete Neubesetzungssperre bei erledigten Kanonikaten, andererseits durch Reduktion der Anzahl der Kanonikate an sich. Der Priestermangel wurde schlimmer, die Gottesdienste konnten kaum noch ausgerichtet werden. Das Neumünsterstift nahm erst mit Tridentinum und Gegenreformation in der zweiten Hälfte des 16. Jh. einen neuen Aufschwung.

 

Die erste Stiftskirche wurde um 1060 begonnen (Adalbero-Bau). Ein weitgehender Kirchenneubau wurde um 1200 begonnen und bis zur Jahrhundertmitte fertiggestellt. Die Kirche St. Johannes der Evangelist und St. Johannes der Täufer wurde mit zwei Querhäusern und einem Chor im Westen und einem im Osten versehen, sie folgt damit einem klassischen romanischen Schema. Erste Überlegungen zu einer Neugestaltung gab es bereits unter Fürstbischof Johann Gottfried von Guttenberg, der seine benachbarte Kanzlei neu bauen lassen wollte und dabei eine ästhetischere Gesamtwirkung erreichen wollte. Das Stift beschied ihm aber 1698, daß es keine Mittel dazu hätte und er bitteschön, wenn er eine neue Fassade haben wolle, diese doch selbst bezahlen möge, es wäre allenfalls ein zinsloses Darlehen als Möglichkeit zur Finanzierung zu erwägen. Die Verhandlungen waren zäh, und erst unter dem neuen Fürstbischof kam nach anfangs ebenfalls schleppenden Verhandlungen 1704 Schwung in das Projekt.

Die katholische Kollegiatstiftskirche wurde Anfang des 18. Jh. in der Regierungszeit des Fürstbischofs Johann Philipp von Greiffenclau-Vollraths, unter dem Propst Johann Philipp Fuchs von Dornheim (-20.6.1727), dem formal eigentlichen Bauherrn, und unter dem Dekan Johann Philipp Fasel (4.5.1673-15.2.1737) völlig umgestaltet. Der Fürstbischof engagierte sich angesichts der religiösen Bedeutung der Stiftskirche selbst in außergewöhnlichem Maße für die Umgestaltung und half auch bei der Finanzierung der Fassade aus seiner Privatschatulle mit erheblichen Summen aus. Bei der Finanzierung der Kuppel half er nicht mit privatem Geld, sondern anders, indem er dem Stift als Landesherr das "Subsidium charitativum" erließ. Dieser Umbau wurde das bedeutendste Kirchenbauprojekt der Greiffenclau-Zeit. Zwei weitere Personen treten als Förderer des Umbaus in Erscheinung, zum einen Alberich Ebenhöch, Abt des Benediktinerklosters St. Stephan, und Johann Gallus Jacob, später Jacob von Hollach/Hohlach, Hofkammerdirektor. Beide gaben ebenfalls bedeutende Summen zum Umbau. Beide waren übrigens ausgesprochene Parteigänger Greiffenclaus. Und natürlich wurde der Umbau, der einem halben Neubau gleichkam, nicht nur von diesen fünf Protagonisten getragen, sondern auch von den anderen Stiftsherren des Neumünsterstifts. Daraus ergibt sich, daß die Umgestaltung ein politisch-religiöses Großprojekt der Greiffenclau-Fraktion war, Greiffenclau-Finanzierung, Greiffenclau-Parteigänger, Greiffenclau-nahe Künstler, Greiffenclau-Bischof. Nicht beteiligt war die Schönborn-Fraktion, keine Schönborn-Baumeister, noch nicht einmal der damalige Dompropst Johann Philipp Franz von Schönborn machte auch nur einen Finger für den Bau krumm oder gab auch nur einen winzigen Beitrag dazu.

Das romanische Langhaus und der Chor wurden neu eingewölbt. Der Westchor verschwand, das westliche Querschiff wurde zu einem achtseitigen Zentralbau mit Gruft und Kuppel aufgeweitet. Ein romanisches Langhaus verschmolz nun mit einem barocken Zentralbau. Der Entwurf zu dem neugebauten Westteil im Stil des römischen Barocks stammt von Joseph Greissing. Die Grundsteinurkunde nennt nur Greissing und Pezani. Eine Beteiligung des Architekten Johann Dientzenhofer wird kontrovers diskutiert. Gegen seine Beteiligung spricht das Fehlen jeglicher Belege, außerdem hat der Bauherr, Johann Philipp von Greiffenclau, zeitlebens keinen Auftrag an den Baumeister seiner schärfsten Konkurrenten, der Schönborn-Bischöfe, vergeben. Für die Fassade ist sein Mitwirken auszuschließen; bei der Kuppel ist ein (letztendlich doch nicht benötigtes) Gutachten wegen der Statik wahrscheinlich, ein planerischer Einfluß jedoch nicht nachweisbar. Die Kuppel, ein in der Stadtsilhouette markanter Gegenpol zu den Domtürmen, entstand 1711-1716 (Grundsteinlegung am 18.6.1711, Ausführung: Steinhauer und Maurer Jacob Bauer, Bau- und Werkmeister Joseph Greissing, Zimmermeister Michael Franck), die Fassade 1712-1716 (Grundsteinlegung am 23.5.1712, Ausführung: Greissing, Valentino Pezani, Erhard und Michael Markart, Jacob van der Auwera, vermutlich auch Balthasar Esterbauer). Die doppelläufige Freitreppe vor der Fassade wurde ab 1719 errichtet, wobei diese ursprünglich auch aus rotem Sandstein war und im 19. Jh. durch eine neue Treppe aus grauem Muschelkalk ersetzt wurde.

Das Oktogon wurde dabei so eingebaut, daß die Proportionen der Langhausarkaden für die vier Schmalseiten des Kuppelbaus in den Nischen aufgegriffen werden. Entsprechend dem oktogonalen Unterbau wird die Kuppel als achtseitiges Klostergewölbe gestaltet. Die Kuppel greift einfühlsam die Formen des vom Vorgängerbau übernommenen, romanischen Neumünsterturmes auf. Die Rundbogenfenster des Tambours und die stark betonte Kämpferlinie finden ihr direktes Vorbild am romanischen Turm. Über den Bogen der Tambourfenster verläuft ein Stockwerksgesims, das sich auch genau so am Turm wiederfinden läßt und als Vorbild gedient hat. Die Verschieferung der Kuppel wurde aber über diese Gesimslinie hinaus nach unten bis zur Kämpferlinie gezogen, um optisch die Halbkugel zu bewahren. So rücken die Fenster mit ihrem Bogen in die verschieferte Zone hinein. Damals hatte übrigens der Turm immer noch einen Spitzhelm, erst viel später wurde dieser durch eine neue Zwiebelhaube von Zimmermeister Johann Jacob Löffler im Stil des Rokoko ersetzt. Deshalb ergab sich zur Bauzeit der neuen Kuppel ein ganz anderes Gesamtbild, weil die neue Kuppel zu beiden Seiten von Spitzhelmen flankiert war und gerade in dieser Gleichförmigkeit der oberen Abschlüsse ein noch deutlicheres, abweichendes, körperlich-voluminöses, eigenständiges Statement bildete. Und mit einem Innendurchmesser von 16,70 m war die Kuppel einer der seinerzeit größten, größer als die von Stift Haug. Bei 32,5 m Höhe ergibt sich eine Proportion von 1:2 für Durchmesser zu Höhe. Das romanische Langhaus wurde innen ebenfalls barock umgestaltet und mit einem Tonnengewölbe mit Stichkappen versehen. Bewußt wurden bei allen Baumaßnahmen Maße und Gestaltungselemente gewählt, die mit dem mittelalterlichen Restbau harmonieren.

 

Ganz anders als das Kuppelprojekt wirkt das Fassadenprojekt von Joseph Greissing. Sie ist plastisch stark durchgebildet, bewegt und dringt dreidimensional in den davor liegenden Raum ein. Schräggestellte Elemente lassen den eigentlich geraden Mittelteil konkav erscheinen, und auch die Seitenteile verstärken durch das gleiche Prinzip diese Bewegung aus hinten liegender, gerader Mittelpartie und nach vorne schräg gestellten Seitenpartien. Alle Achsen besitzen damit eine eigene konkave Wirkung, wobei das eine optische Illusion ist, denn tatsächlich stehen gerade Wandstücke in stumpfem Winkel zueinander. In der Seitenansicht kommt die Bewegung der Fassade am besten zur Geltung, und genau das ist bei dem Bauplatz auch so wichtig, weil ein vorgelagerter Platz fehlt und man die Kirchenfassade meistens nur von der Seite wahrnehmen kann. Dreiviertelsäulen und Pilaster tragen im Erdgeschoß ein kräftiges Gebälk mit ausladendem Konsolgesims. Im Mittelbereich wird letzteres durch einen verkröpften Segmentbogengiebel überfangen. Eine hohe Attika schafft den Höhenausgleich bis zu einer durchgehenden Blendbalustrade. Der Auszug im oberen Teil der Fassade wird von konkav eingebogenen Seitenteilen flankiert und trägt einen verkröpften Dreiecksgiebel. Die vielen Säulen und Pilaster erzeugen in Verbindung mit der scheinbar konkaven Biegung der Fassade eine unwiderstehliche Höhentendenz, die durch die Horizontalen der weit ausgreifenden Gesimse und der Blendbalustrade abgefangen wird. Die Freitreppe vor der Fassade zeichnet deren Vorschwingen und Zurückweichen, die ganze Dreidimensionalität nach und verstärkt sie dadurch noch. Die Säulen im Erdgeschoß besitzen eine korinthische, die superpositionierten Säulen des Obergeschosses eine komposite Ordnung. Die Fassade besitzt eine Verwandtschaft zu Carlo Fontanas S. Marcello al Corso und Giovanni Battista Sorias S. Maria della Vittoria in Rom. Auch die Fassade der Kirche S. Agnese in Agone von Carlo Rainaldi mit ihrer konkav einschwingenden Fassade kann zu den inspirierenden Mustern  gerechnet werden. Stichvorlagen dieser genannten Kirchen haben Greissing wohl als Vorbilder gedient.

Der Segmentbogengiebel trägt eine vergleichsweise riesige Szene der Himmelfahrt Mariens (Assunta), wobei das in der Mitte zurückspringende Segment geschickt für die Aufwärtsbewegung der Figurengruppe genutzt wird. Seitlich des Portals stehen die Figuren von Johannes dem Evangelisten (links des Portals, Patron des Ostchors) und Johannes dem Täufer (rechts des Portals, Namenspatron des Stifters), der beiden Stiftspatrone. Die oberen Figuren stellen Christus Salvator (in einer Nische im Obergeschoß, gerahmt von einer Aedicula mit gesprengtem Segmentbogengiebel mit dem Stiftswappen, auf den Bogensegmenten zwei Putten), die Frankenapostel Kilian (innen und etwas höher auf der Balustrade), Totnan (außen auf der Attika) und Kolonat (außen auf der Attika) sowie den hl. Burkard (innen und etwas höher auf der Balustrade) dar. Das Obergeschoß tritt oberhalb der Blendbalustrade hinter die Nullebene zurück und schafft so den Platz für die Präsentation der Skulpturen. Vier der oberen Figuren stehen frei wie auf einer Heiligenbühne, nur Christus Salvator ist in die Nische gestellt. Die Originale wurden ins Stift Haug verbracht, heute zieren Kopien die Fassade. An der Fassade sind zwei Schriftfriese vorhanden, der untere bezieht sich auf den Bauherrn: "ANNO MDCCXVI POSUIT / JOANNES PHILIPPUS EPISCOPUS / HERBIPOLENSIS F.O.D. (= Franciae orientalis Dux)", und der andere auf dem Fries des Fassadengiebelgebälks lautet: "SS. MM. (= Sanctis Martyribus) CHILIANO ET SOCIIS PATRIAE PATRONIS" - den heiligen Märtyrern Kilian und seinen Gefährten, den Patronen des Vaterlandes.

Das Stiftswappen zeigt in Silber den schwarzen natürlichen Adler des hl. Johannes mit erhobenen Flügeln, auf einem silbernen Spruchband stehend, auf dem mit goldenen Lettern steht "IN PRINCIPIO ERAT (VERBVM)" - im Anfang war (das Wort), die ersten Worte des Johannesevangeliums. Im Siebmacher Bd. Klöster S. 92 Taf. 103 wird eine Variante angegeben, der gleiche Johannesadler, aber auf dem Schriftband steht "S: IOANNES: EV:", der hl. Evangelist Johannes, Patron des Stifts. Belege für eine korrekte Tingierung gibt es nicht. Dieses Wappen ziert auch den Wappenkalender des Stiftes für das Jahr 1717. Dieser Johannesadler taucht auch in fliegender Form als Wetterfahne auf der Stiftskirchenkuppel auf (Abb. ganz unten). Weiterhin ist er im Inneren zwischen den oberen Fenstern und als Bekrönung des klassizistischen Chorgestühls zu finden.

Als Nebenwappen wird vom Stift Neumünster das apokryphe Wappen der Grafen von Rothenburg-Comburg verwendet, in Blau ein goldener, hersehender Löwenkopf (Löwenmaske, Leopardenkopf), der in die Spitze eines erniedrigten goldenen Sparrens beißt (der Sparren ist hier abweichend silbern angestrichen)). Dieses Nebenwappen ist in der unteren Fassadenebene über dem linken Fenster im Segmentbogengiebel angebracht. Das ist zugleich das Stiftswappen des Ritterstifts Comburg. Und es wird in Würzburg als Nebenwappen vom ehemaligen Benediktinerkloster St. Stephan und auch von Stift Haug geführt.

Das Stiftwappen wird den Grafen von Rothenburg-Comburg zugeordnet. Das muß aber cum grano salis gesehen werden: Nicht nur werden die Grafen von Comburg-Rothenburg erst in ihren letzten Generationen kurz vor ihrem Aussterben faßbar und belegbar, und eine tatsächliche Führung eines solchen Wappens ist nirgends belegt, sondern wir sprechen hier über das Jahr 1116, in dem das Geschlecht erlosch. Wir befinden uns hier in einer Zeit, wo die Entwicklung des Wappenwesens noch bevorstand, in der Tat aber im Verlauf des 12. Jh. eine rasante Entwicklung durchlief. Die älteste bekannte Wappenrolle Europas ist die Wappenrolle anläßlich der Aachener Krönung von Otto IV am 9.6.1198. Wir können also davon ausgehen, daß die Grafen von Rothenburg-Comburg tatsächlich vor der Schwelle zur Entwicklung des eigentlichen Wappenwesens lebten, und daß dieses Wappenbild mit der Löwenmaske und dem Sparren eine nachträgliche Zuschreibung ist. Deshalb ist es weniger das Wappen von den, sondern eher für die Grafen von Rothenburg-Comburg. Hier am Stift Neumünster ist dieses Nebenwappen ein Hinweis auf die Gründungsgeschichte, siehe oben.

In der unteren Fassadenebene ist ein zweites Nebenwappen über dem rechten Fenster im Segmentbogengiebel angebracht. Es steht für den Bischof Adalbero von Lambach-Wels (1045-1090), der zwar ebenfalls noch gar nicht wissen konnte, was Wappen einmal sein werden, für den aber in silbern-schwarz geteiltem Feld ein golden gekrönter Adler in verwechselten Farben geführt wird (abweichend angestrichen, Adler mit silbernem Balken belegt). Das ist ebenfalls ein Nebenwappen des ehemaligen Benediktinerklosters St. Stephan. Beide Kartuschen für die Nebenwappen tragen einen Fürstenhut als Bekrönung. Die von zwei Putten gehaltene Kartusche über dem Eingang in der Mittelachse trägt kein Wappen, sondern die vergoldeten Buchstaben IHS, das H oben zu einem Kreuz ausgezogen.

Ganz oben im bekrönenden Dreiecksgiebel ist das Wappen des Fürstbischofs Johann Philipp von Greiffenclau-Vollraths (reg. 1699-1719) angebracht. Der Wappenschild ist geviert, Feld 1: "Fränkischer Rechen" = von Rot und Silber mit drei aufsteigenden Spitzen geteilt, Herzogtum zu Franken, Feld 2 und 3: von Greiffenclau-Vollraths, erneut geviert, Feld a und d: silbern-blau geteilt, darüber ein goldenes Glevenrad, Stammwappen der von Greiffenclau-Vollraths, Feld b und c: in Schwarz ein silberner Schräglinksbalken, Ippelbrunn (Eppelborn), Feld 4: "Rennfähnlein" = in Blau eine (von der Stange aus gesehen) rot-silbern gevierte, schräggestellte und an den beiden senkrechten Seiten je zweimal eingekerbte Standarte mit goldenem Schaft, Hochstift Würzburg. Die Kartusche wird vom Fürstenhut überhöht. Schwert und Krummstab als Zeichen weltlicher und geistlicher Gerichtsbarkeit sind schräg hinter die Kartusche gesteckt.

Dazu werden drei Helme geführt, Helm 1 (Mitte): auf dem Helm mit blau-silbernen Decken eine goldene Greifenklaue mit silbern-blauer Befiederung, Stammwappen der von Greiffenclau, Helm 2 (rechts): auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken ein Paar Büffelhörner, jeweils im Spitzenschnitt rot-silbern geteilt, Herzogtum zu Franken, Helm 3 (links): auf dem mit einem Fürstenhut gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken drei Straußenfedern in den Farben Silber, Rot und Blau zwischen zwei rot-silbern gevierten Standarten mit goldenem Schaft, Hochstift Würzburg.

1907 wurde eine selbständige Pfarrei Neumünster ins Leben gerufen, seitdem ist sie unabhängig von der Dompfarrei. Am 16.3.1945 wurde die Kirche schwer beschädigt, aber nicht so schlimm getroffen wie der Dom. Dennoch verbrannten etliche Altäre und bedeutende Kunstwerke. Die gesamte Ausstattung des Kuppelbereichs verbrannte. Wegen der leichteren Wiederherstellung des Gebäudes diente die Neumünsterkirche nach Beseitigung der Schäden 1950-1967 während dessen Wiederherstellung als Ersatzdomkirche, ebenso während der Domrenovierung 2011-2012. 1983-1985 wurde die Westfassade renoviert. 2007-2009 wurde die Kirche innerlich renoviert und neu konzipiert, wobei in die Barockausstattung auch moderne Werke integriert wurden.

 

Liste der Pröpste des Neumünsterstifts
(hervorgehoben ist die Dignität während des Neubaus)

Liste der Dekane des Neumünsterstifts
(hervorgehoben ist die Dignität während des Neubaus)

Zur Übersicht ein Ausschnitt aus der Liste der Würzburger Fürstbischöfe
(hervorgehoben ist der mit seinem Wappen vertretene Fürstbischof während des Neubaus)

Literatur, Links und Quellen:
Position in Google Maps: https://www.google.de/maps/@49.793956,9.9316479,20z?hl=de - https://www.google.de/maps/@49.793956,9.9316479,84m/data=!3m1!1e3?hl=de
Neumünster auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Neumünster_(Würzburg)
Johannes Mack: Der Baumeister und Architekt Joseph Greissing, mainfränkischer Barock vor Balthasar Neumann, hrsg. von der Gesellschaft für fränkische Geschichte, VIII. Reihe: Quellen und Darstellungen zur fränkischen Kunstgeschichte, c/o Verlag PH. C. W. Schmidt, 1. Auflage 2009, 797 S., ISBN-10: 3866528167, ISBN-13: 978-3866528161, S. 230-261, S. 630-631
Neumünster im Würzburg-Wiki:
https://wuerzburgwiki.de/wiki/Neumünster
Webseite der Neumünsterkirche:
https://www.neumuenster-wuerzburg.de/
Rudi Held: Fassade der Neumünsterkirche:
http://www.rudis-kunstgeschichten.de/Neumuenster.htm
Anton P. Rahrbach, Reichsritter in Mainfranken. Zu Wappen und Geschichte fränkischer Adelsfamilien. Bauer & Raspe Verlag - Die Siebmacherschen Wappenbücher, die Familienwappen deutscher Landschaften und Regionen, Band 2, 2003, ISBN 3-87947-113-4
Peter Kolb: Die Wappen der Würzburger Fürstbischöfe. Herausgegeben vom Bezirk Unterfranken, Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte e.V. und Würzburger Diözesangeschichtsverein. Würzburg, 1974. 192 S.
Peter Kolb: Wappen in Würzburg, Mainfränkische Studien 90, Spurbuchverlag, 1. Auflage 2019, 170 S., ISBN-10: 388778572X, ISBN-13: 978-3887785727, S. 25-27, 51-53
Alfred Wendehorst: Das Bistum Würzburg 4: Das Stift Neumünster in Würzburg, Germania Sacra N. F. 26, Verlag: Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/New York 1989, DOI:
https://doi.org/10.26015/adwdocs-94, ISBN: 978-3-11-087397-9 - https://rep.adw-goe.de/handle/11858/00-001S-0000-0003-16EF-B - https://rep.adw-goe.de/bitstream/handle/11858/00-001S-0000-0003-16EF-B/NF%2026%20Wendehorst%20Stift%20Neum%c3%bcnster%20W%c3%bcrzburg.pdf?sequence=1&isAllowed=y
Winfried Romberg: Das Bistum Würzburg 8, die Würzburger Bischöfe von 1684 bis 1746 (= Germania Sacra. Dritte Folge 8), Berlin/Boston 2014, Verlag: Walter de Gruyter GmbH: Berlin/Boston, 648 S., DOI:
https://doi.org/10.26015/adwdocs-532, ISBN: 978-3-11-030537-1 - online: https://rep.adw-goe.de/handle/11858/00-001S-0000-0023-9A8C-9 - Download als pdf: https://rep.adw-goe.de/bitstream/handle/11858/00-001S-0000-0023-9A8C-9/3.F._8_Romberg_Bischoefe.pdf?sequence=1&isAllowed=y
Pius Bieri: Stiftskirche und Kollegiatstift Neumünster Würzburg, im Projekt "Süddeutscher Barock":
https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Werke/s-z/Wuerzburg_Neumuenster.html

Stift Haug - Hof Neulobdenburg - Hof z. Hl. Gallus - Haus Conti - alte Mainbrücke - Kurie Heideck - der Hof des Erhard von Lichtenstein - Juliusspital - Alte Universität - Hofgarten - Residenz - Domherrenkurien und andere städtische Anwesen (1) - Spital, Palais, Seminar und andere städtische Anwesen (2) - Neubaukirche - Bürgerspital - Stadtbefestigung - St. Peter - Priesterseminar - Grafeneckart - Domerschulgasse 13 - Deutschhaus - Alter Kranen - Madonnen-Ädikula in der Gerberstraße - St. Gertraud - Rückermainhof - Don Bosco-Kirche (Schottenkirche) - Franziskaner-Kirche - Karmelitenkirche in der Sanderstraße - erste und dritte Zobelsäule - Vierröhrenbrunnen - ehem. Hof Groß von Trockau

Festung Marienberg, Teil (1): Übersicht, Bergfried, Scherenbergtor, Scherenbergmauer - Festung Marienberg, Teil (2): Marienkirche außen und innen, Brunnentempel - Festung Marienberg, Teil (3): das Schloß der Renaissance - Festung Marienberg, Teil (4): Umbau zur Festung, innerer und äußerer Schönbornring - Festung Marienberg, Teil (5): Ausbau der Festung nach Westen, zweite Vorburg, Greiffenclau-Bauten - Festung Marienberg, Teil (6): die jüngsten Festungswerke bis zum Maschikuliturm

Die Wappen der Fürstbischöfe von Würzburg - Teil (1) - Teil (2) - Teil (3) - Teil (4)
Der Fränkische Rechen - Das Rennfähnlein

Oestrich-Winkel (Rheingau): Schloß Vollrads, Wohnturm - Schloß Vollrads, Herrenhaus - Schloß Vollrads, Nebengebäude

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