Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 417
Würzburg (Unterfranken)

Karmelitenkirche (Reuererkirche) in der Sanderstraße

In der Sanderstraße 12 befindet sich die Klosterkirche der Unbeschuhten Karmeliten, die fälschlicherweise auch als Reuererkirche bezeichnet wird. Das kommt daher, daß hier früher das Magdalenen-Kloster der Reuerinnen, der Schwestern zur büßenden Hl. Magdalena, war. Seit 1627 ist es jedoch ein Karmelitenkloster. Das erste Patrozinium des hl. Josef und das Patrozinium vom Vorgängerorden der hl. Maria Magdalena wurden übernommen. Bereits Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn plante die Ansiedlung von Karmeliten in Würzburg, doch erst unter Fürstbischof Philipp Adolph von Ehrenberg gelang das Vorhaben, nachdem Kaiser Ferdinand II. ein wenig Druck ausgeübt hatte. Der Orden paßte in die Zeit, sowohl als volksfrömmigkeitsverbundener Bettelorden als auch als Träger der katholischen Erneuerung, und seine Ansiedlung wurde von Kaisern und Päpsten gefördert. In Würzburg bekamen sie den bereits etwas heruntergekommenen, seit der Reformation leerstehenden Konvent der Reuerinnen zugewiesen. Ein schon direkt nach der Ansiedlung der Unbeschuhten Karmeliten geplanter Neubau wurde wegen des Schwedeneinfalls und der Wirren des Dreißigjährigen Krieges ein Vierteljahrhundert auf Eis gelegt. Erst 1655 begann man mit dem Neubau des Konvents; die Klausur war 1657 beziehbar. 1661 waren die Klostergebäude fertig. Danach ging man an den Kirchenbau.

Die Fassadengestaltung der 1662-1669 erbauten Klosterkirche ist herausragend, weil sie so gar nicht dem fränkischen, manieristischen Barock entspricht, sondern dem römischen Hochbarock. Die Fassade läßt als Vorbild die 1624 nach einem 1592 angefertigten Entwurf von Francesco da Volterra erbaute Kirche S. Maria della Scala an der Piazza della Scala in Rom erkennen, auch wenn die Vereinfachungen offensichtlich sind, insbesondere bei den Voluten. Die starke, fast kopierende Anlehnung an das Vorbild, das als Klosterkirche des gleichnamigen Konvents der Unbeschuhten Karmeliten diente, geschah auf ausdrücklichen Wunsch der Ordensoberen, die bewußt das römische Vorbild adaptieren wollten. Und dieses Vorbild besitzt seinerseits als Vorbild die 1626 vollendete, aber früher entworfene Kirche S. Maria della Vittoria an der Via XX Settembre in Rom, auch dies eine Kirche der Unbeschuhten Karmeliten. Und das Vorbild aller Vorbilder wiederum ist in der Fassade von Leon Battista Alberti zu suchen und in seiner Kirche Santa Maria Novella in Florenz. Zurück zur Würzburger Karmelitenkirche: Früher galt Antonio Petrini (1621-1701) als Architekt der Kirche und Urheber der Fassadengestaltung. Es gibt aber keinen Beleg in den Archiven für seine tatsächliche Urheberschaft, und der Vergleich mit anderen Werken, Stift Haug z. B., läßt Zweifel an der tatsächlichen Urheberschaft des Baus in der Sanderstraße aufkommen. Aber letztlich kommt es hier gar nicht auf die geistige Eigenleistung eines Architekten an, sondern auf den gestalterischen Schulterschluß mit berühmten römischen Vorbildern des Ordens, auf eine Kirche, die bei allen Ordens-Vorgaben zur Einfachheit dennoch gestalterische Größe und Großartigkeit besitzt. Die Säulenordnungen und die dadurch vorgegebenen Proportionen erzeugen einen zwingenden Rhythmus, in dem die einzelnen, selber einfach und schlicht gehaltenen Glieder nur Mittel zum Zweck sind.

Was wir heute sehen, ist freilich ein Wiederaufbau, denn die alte Karmelitenkirche wurde am 16.3.1945 vollständig zerstört, alle Gewölbe stürzten zusammen, die Ausstattung verbrannte. Nur die Krypta, in der ca. 500 Menschen den Angriff überlebten, hielt der Bombardierung Würzburgs stand. Bis 1950 erfolgte der Wiederaufbau der Kirche, bis 1958 erfolgte die Neuausstattung, zunächst provisorisch und schlicht. Die verlorene barocke Innengestaltung wurde von 1977 bis 2001 vom Bildhauer und Maler Paul Nagel wiederhergestellt.

 

Die Fassade besitzt eine mehrteilige Inschrift, deren erster Teil oben auf dem Gebälk über den ionischen Pilastern des Obergeschosses verläuft, deren zweiter Teil sich auf den Friesstreifen unterhalb der Volutenbögen und dem Gebälk des Untergeschosses verläuft und deren dritter Teil mit der Datierung über dem Hauptportal zu finden ist. Sie lautet: "MUNIFICA EMIN(ENTISSI)MI PRINCIPIS IOANNIS PHILIPPI LIBERALITATE / PIA MAGNATUM OPE / CIVIUM PATRATA / RELIGIONIS STUDIO / DEO O(PTIMO). M(AXIMO). AD HONORE(M) SS. IOSEPH(I) ET M(ARIAE). MAGDALENAE HAEC STAT DOMUS / ANNO DOMINI MDCLXVIII". Das bedeutet: Dieses Haus, vollendet durch die freigebige Gesinnung des hochwürdigsten Fürsten Johann Philipp, durch den frommen Beistand der Vornehmen und durch den Eifer der Bürger für die Religion, steht für den allerhöchsten Gott zu Ehren des heiligen Josephs und der heiligen Maria Magdalena.

Ganz oben im leicht verkröpften Dreieckgiebel der Kirchenfassade, kaum in vernünftiger Perspektive vom Straßenniveau aus zu sehen, sondern nur von den dem Touristen unzugänglichen oberen Stockwerken des gegenüberliegenden Hauses, befindet sich das Wappen des Würzburger Fürstbischofs Johann Philipp von Schönborn aus der Zeit von 1663 bis 1673. Johann Philipp von Schönborn, seit 1663 Reichsfreiherr, war in drei Bistümern Bischof: Würzburg ab 1642, Mainz ab 1647 und Worms ab 1663. Der Hauptschild ist geteilt und zweimal gespalten, Feld 1: "Fränkischer Rechen" = von Rot und Silber mit drei aufsteigenden Spitzen geteilt, Herzogtum zu Franken, Feld 2 und 5: in Rot ein silbernes sechsspeichiges Rad, Erzstift Mainz, Feld 3 und 6: in Schwarz ein schräg aufwärts gerichteter und schräggestellter silberner Schlüssel, begleitet von 4:4 goldenen Schindeln, Hochstift Worms, Feld 6: "Rennfähnlein" = in Blau eine rot-silbern gevierte und an den beiden senkrechten Seiten je zweimal eingekerbte, schräggestellte Standarte mit goldenem Schaft, Hochstift Würzburg, Herzschild: in Rot auf drei silbernen Spitzen ein schreitender goldener Löwe mit blauer Krone, Stammwappen der Grafen von Schönborn.

 

Auf den beiden seitlichen, dreieckigen Flächen mit eingebogenem Rand befinden sich noch einmal separat die Wappenkartuschen mit dem Fränkischen Rechen und dem Rennfähnlein (beide Abb. oben). Neben diesen beiden Wandsegmenten stehen zwei Flammenvasen. Im gesprengten Dreiecksgiebel des Hauptportals ist das Wappen des Karmelitenordens (Ordo Fratrum Beatissimae Mariae Virginis de Monte Carmelo) zu finden (Abb. unten), in Silber eine eingebogene, oben zu einem Tatzenkreuz ausgezogene schwarze Spitze mit drei (2:1) sechszackigen Sternen, hier die beiden oberen golden, der untere silbern, i. a. in verwechselten Farben dargestellt. Das gleiche Wappen kann man weiter links am Gebäude des Karmelitenklosters sehen (ohne Abb.).

Die zugehörige Devise lautet: ZELO ZELATUS SUM PRO DOMINO DEO EXERCITUUM - mit Eifer habe ich mich bemüht für Gott, den Herrn der Heerscharen, ein dem Propheten Elija zugeschriebenes Wort. Dieses Wappen, das auch ohne das ausgezogene Kreuz verwendet wird, wird vollständig dargestellt mit einer aus der Krone hervorkommenden Hand, die ein Flammenschwert hält, und mit einem Kranz von 12 Sternen. Die Sterne sollen für Maria und die biblischen Propheten Elija und Elischa stehen, die Spitze für den Berg Karmel.

Das Würzburger Karmelitenkloster in der Sanderstraße wurde 1803 nicht säkularisiert, eine große Ausnahme, im Gegensatz zu dem Karmelitenkloster des Stammordens in der Karmelitenstraße (jetzt Teil des Rathauses). Dadurch wurde der lebendig gebliebene Würzburger Konvent in der von Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz neu gegründeten Ordensvariante der Karmeliten zum Ausgangspunkt der Wiederbelebung der ganzen Ordensprovinz.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@49.7883092,9.9307883,20z - https://www.google.de/maps/@49.7883092,9.9307883,69m/data=!3m1!1e3
Karmelitenkloster:
https://de.wikipedia.org/wiki/Karmelitenkloster_Maria_Magdalena_(W%C3%BCrzburg)
Christian Hecht: Die Würzburger Karmelitenkirche und die Anfänge des Barock in Franken, in: Dieter J. Weiss (Hrsg.): Barock in Franken, Bayreuther Historische Kolloquien, 302 S., Verlag J. H. Röll, 1. Auflage 2004, ISBN-10: 3897541025, ISBN-13: 978-3897541023, S. 33-45, Inschrift S. 42
Karmelitenkloster:
https://wuerzburgwiki.de/wiki/Karmelitenkloster_Maria_Magdalena
Karmelitenkirche:
https://wuerzburgwiki.de/wiki/Karmelitenkirche
Würzburger Karmeliten:
http://www.reuerer.de/ - Geschichte: http://www.reuerer.de/?page_id=9 - Kloster und Kirche: http://www.reuerer.de/?page_id=122
Karmelitenkloster:
https://www.hdbg.eu/kloster/web/index.php/detail/geschichte?id=KS0445
Karmelitenkirche:
https://www.wuerzburg.de/tourismus/wuerzburg-entdecken/kirchen1/15026.KarmelitenkircheReurerkirche.html
Karmelitenorden:
https://www.karmelocd.de/
Karmelitenkloster Würzburg (Hrsg.): Die Karmelitenkirche zu Würzburg, Gerchsheim 2002

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