Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 47
Würzburg (Unterfranken)

Domherrenkurie Neulobdenburg

Beim Haus Neulobdenburg, einem dreigeschossigen Walmdachbau in der Hofstraße 10 an der Südseite eines kleinen Platzes, handelt es sich um einen alten Domherrenhof, wie die Inschrift am Haus erzählt: "DIESES HAUS GENANNT HOF NEULOBDENBURG UND LANGE ZEIT IM BESITZ DER FREIHERRN VON WÜRTZBURG HAT CLAUS HOLLER NACH DER TOTALEN ZERSTÖRUNG AM 16. MÄRZ 1945 WIEDER AUFBAUEN UND IM JAHRE1965 NEU VERZIEREN LASSEN". Das Haus trägt den Namen "Neu", weil es auch eine Kurie Altlobdenburg gab, die aber den Charakter einer Domherrenkurie verlor.

Das Domkapitel konnte durch einen Grundstückstausch an das jetzige Grundstück gelangen. Im Detail lief das so: Lothar Franz von Schönborn (nicht Fürstbischof von Würzburg!) bekam dabei vom Domkapitel die Kurie Altlobdenburg und privatisierte daraufhin die ehemalige Kurie. Der damalige Würzburger Fürstbischof Johann Philipp von Greiffenclau-Vollraths bekam dafür von Lothar Franz ein Grundstück am Rennweg, was ihm für sein Schloßprojekt gelegen kam. Und das Domkapitel bekam dafür vom Fürstbischof dessen privaten Hof Plönlein und ein Vikarienhaus. Dazu wurden drei angrenzende Bürgerhäuser hinzugekauft. Aus den fünf letztgenannten Positionen wurde ein Ganzes geformt, der Bauplatz für Neulobdenburg. Bereits 1711 wollte man einen Hof auf dem neuen Gelände erbauen, doch das verzögerte sich bis 1730.

In enger Nachbarschaft lagen noch mehr Domherrenkurien, westlich die große Kurie Grindlach und zur Weide, südlich und östlich die Kurie Schrotzberg, gegenüber die Kurie Altlobdenburg (ab sofort Schönbornscher Privatbesitz, heute an dieser Stelle: Sparkasse Mainfranken, ehemaliges Fassadenwappen in der Schalterhalle) und östlich davon im Eck bis zur alten mittelalterlichen Stadtmauer reichend die Kurie Katzenwicker. Der Name kommt von der in der Mitte des 15. Jh. erloschenen Familie von Lobdeburg, die mit Otto I. und Hermann I. zwei Würzburger Fürstbischöfe im 13. Jh. stellte.

Der Domherr Johann Veit von Würtzburg (19.10.1674-9.5.1756) war der erste Bewohner; er hatte noch 1721 an der alten Adresse gewohnt und war dann hierhin gezogen. Seitdem wurde der Hof innerhalb der Familie von Würtzburg weitergegeben und von den vielen Klerikern aus dieser Familie bewohnt. Nach der Säkularisation wurde das Anwesen von der Familie von Würtzburg käuflich erworben, und sie besaß das Haus bis zum Erlöschen 1922. Danach wurde das Anwesen in ein Wohn- und Geschäftshaus umgewandelt. Am 16.3.1945 wurde es beim Bombenangriff auf Würzburg zerstört und nach 1947-1950 wiederaufgebaut; dabei wurden die barocken Portale, soweit noch vorhanden, wiederverwendet. Nach dem Bauherrn des Wiederaufbaus wird das Anwesen auch als Holler-Haus bezeichnet. Erst 1965 bekam das Haus seine illusionistische Putzdekoration mit den alternierenden Fenstergiebeln, die einmal dreieckig und einmal segmentbogenförmig sind, und mit anderen Zierformen.

Über dem Mittelportal ist das Wappen der Freiherren von Würtzburg angebracht; ein weiteres Wappen befindet sich im Hof, und ein drittes am Portal der Westseite. Letzteres zeigt nur den gekrönten Schild, die beiden anderen sind Vollwappen. Am Haupttor (Abb. oben) ist der Kopf abgewandt, im Hof desgleichen (Abb. unten), an dem Nebentor in der Bibrastraße (ganz unten) nach rechts gewendet. Vermutlich sollte der Kopf über dem Hauptportal im städtebaulichen Kontext zum Dom schauen, andererseits sind für das Wappen beide Varianten auch an anderen Orten bekannt. Das Wappen der von Würtzburg zeigt in Gold das Brustbild eines bärtigen Mannes, schwarz gewandet mit silbernem Kragenaufschlag, auf dem Kopf eine spitze, nach hinten umgebogene schwarze Mütze mit silbernem Aufschlag, an der Spitze ein roter sechszackiger Stern, auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken aus einer Krone ein Stoß Pfauenfedern, außen je zwei besonders tingierte umgebogene Hahnenfedern oder Straußenfedern: rechts gold und schwarz, links schwarz und golden. In der Literatur ist die Helmdecke schwarz-golden auf beiden Seiten, über dem Hauptportal ist sie gespalten. Unter dem Wappen des Hauptportals steht: "HOFF NEU-LOBDENBURG 1730", darunter trägt der Keilstein des Torbogens eine grimmige Maske.

Das Geschlecht derer von Würtzburg ist eines der ältesten in Franken. Bis ins 12. Jh. ist die Tätigkeit im Dienste der Hochstifte von Bamberg und Würzburg urkundlich belegt. Die lückenlose Stammreihe beginnt mit Hans von Würtzburg um 1372. Ihre Besitzungen lagen in den Kantonen Gebirg und Odenwald. Im einzelnen besaßen sie beispielsweise Rothenkirchen, Mitwitz, Burggrub, Haig, Hohlach, Walkershofen, Meckenhausen, Dauenstein, Pressig etc. Die Familie stellte zahllose Persönlichkeiten im Dienste der mainfränkischen Hochstifte, zwischen 1458 und 1808 allein 17 Domkapitulare in Würzburg, Propste, Kustoden, Scholaster, auch einen Domdekan von Würzburg und ein Bamberger Fürstbischof. Im 17. Jh. erhielt diese uradelige und seit dem frühesten Mittelalter turnier- und stiftsfähige Familie das Freiherrendiplom. Im Königreich Bayern hatten sie die erbliche Reichsratwürde inne. Ausgestorben ist die Familie erst 1922.

Der Wappenstein im Hof ist mit einer 8er Ahnenprobe kombiniert. Heraldisch rechts sehen wir die beschrifteten Schilde der Familien von Würtzburg (wie oben beschrieben), Groß gen. Pfersfelder (von Silber und Blau gespalten und von einem roten Balken überdeckt), von Ebeleben (silbern-rot geteilt), Groß von Trockau (von Silber und Blau gespalten und von einem roten Balken überdeckt). Auf der anderen Seite sind die Wappen von Redwitz (in silbern-blau siebenmal geteiltem Schild ein roter Wellenschrägbalken), von Schaumberg (geviert, Feld 1 und 4: gespalten, rechts in Gold eine schwarze Schafschere, links in Rot ein silberner Sparren, Feld 2 und 3: von Silber, Rot und Blau halbgespalten und geteilt), von Aufseß (in Blau ein silberner, mit einer roten Rose belegter Balken) und von Sparenberg (rot-silbern-schwarz zweimal geteilt) zu sehen. Die Eltern des Bauherrn waren Freiherr Hans Veit IV. von Würtzburg (21.12.1638-7.4.1703) und Maria Cordula von Redwitz-Wildenroth (-7.2.1696). Seine Großeltern waren Freiherr Hans Veit III. von Würtzburg (1609-1647) und Sophie Magdalene Groß-Pfersfelder (-23.8.1645) väterlicherseits sowie Georg Reinhard von Redwitz-Wildenroth (-1.2.1661) und Barbara Eva von Schaumberg mütterlicherseits. Die acht Urgroßeltern, für diese acht Schilde der Ahnenprobe stehen, waren Freiherr Hans Veit I. von Würtzburg (1561-4.1.1610) und Margarethe von Ebeleben (-4.2.1639), Georg Dietrich Groß-Pfersfelder und Christina Brigitta Groß von Trockau, Wilhelm von Redwitz-Wildenroth (-29.11.1629) und Dorothea Catherina von Aufseß (-20.10.1626) sowie Hans Otto von Schaumberg auf Mupperg (-1632) und Euphemia von Sparenberg (-28.5.1663). Der dritte Wappenstein auf dem Keilstein an der rückwärtig-seitlichen Hofeinfahrt wird begleitet von der Inschrift "IOANN VEIT V. WÜRTZBURG / DOMBDECHANT 1730".

Der Bauherr Johann Veit Freiherr von Würtzburg (19.10.1674-9.5.1756) wurde in Mitwitz geboren. Am 10.2.1688 wurde er Domicellar und bekam die Präbende des verstorbenen Franz Reinhard von Elter. Er studierte in Würzburg und Salzburg. Die Diakonsweihe empfing er 1709. Am 1.6.1715 wurde er Kapitelmitglied, am 29.11.1719 Domscholaster, am 20.3.1720 Cellarius und am 18.12.1724 Domdekan. Erst am 20.5.1725 hat er sich zum Priester weihen lassen. Es war nicht sein einziges Eisen im Feuer: Am 19.4.1720 bekam er in Bamberg eine Präbende am Domstift, und am 22.5.1728 ging er in Bamberg zu Kapitel. Am 9.11.1716 wurde er Propst des adeligen Ritterstifts Comburg. Und am 30.8.1729 wurde er noch Propst des Kollegiatstifts Neumünster. Er war außerdem kurfürstlich-mainzischer und hochfürstlich-würzburgischer und -bambergischer Geheimer Rat, er wurde fürstbischöflicher Statthalter und 1725-1729 und 1736-1745 Rector Magnificus der Universität Würzburg, und am 28.2.1720 wurde er Regierungspräsident. Er wurde im Würzburger Dom begraben, wo ein Epitaph mit seinen Lebensdaten, mit seinem Wappen und 8 Ahnenwappen (zwei fehlen) hängt. Sein Wappen ist auch am Dietricher Spital (Marktplatz 36) angebracht, dort nicht als Eigentümer, sondern in seiner Funktion als Domdekan.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps:
https://www.google.de/maps/@49.7930589,9.9352037,21z - https://www.google.de/maps/@49.7930589,9.9352037,42m/data=!3m1!1e3
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag Degener 3. Aufl. 1999
Aschaffenburger Wappenbuch
Siebmachers Wappenbuch
Anton P. Rahrbach, Reichsritter in Mainfranken. Zu Wappen und Geschichte fränkischer Adelsfamilien. Bauer & Raspe Verlag - Die Siebmacherschen Wappenbücher, die Familienwappen deutscher Landschaften und Regionen, Band 2, 2003, ISBN 3-87947-113-4
Hof Neulobdenburg im Würzburg-Wiki:
https://wuerzburgwiki.de/wiki/Kurie_Neulobdeburg
Jörg Lusin: Die Baugeschichte der Würzburger Domherrnhöfe, hrsg. vom Verein Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte e. V., Würzburger Diözesangeschichtsverein, Würzburg 1984, S. 73 ff.
Franziska Hauck: Zum Gedächtnis... Gedenktafeln in der Würzburger Altstadt, ein Katalog, 2010, 77 S., S. 34
Domdekan Johann Veit Freiherr von Würtzburg im Würzburg-Wiki:
https://wuerzburgwiki.de/wiki/Johann_Veit_von_Würtzburg
Alfred Wendehorst: Das Bistum Würzburg 4: Das Stift Neumünster in Würzburg, Germania Sacra Neue Folge 26, Verlag Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/New York, 1989, DOI:
https://doi.org/10.26015/adwdocs-94, ISBN: 978-3-11-087397-9, online: https://rep.adw-goe.de/handle/11858/00-001S-0000-0003-16EF-B - https://rep.adw-goe.de/bitstream/handle/11858/00-001S-0000-0003-16EF-B/NF%2026%20Wendehorst%20Stift%20Neum%c3%bcnster%20W%c3%bcrzburg.pdf?sequence=1&isAllowed=y, S. 323 f.
Joh. Octavian Salver, Proben des hohen deutschen Reichs Adels oder Sammlungen alter Denkmäler
http://books.google.de/books?id=ZONWAAAAcAAJ, S. 659-661
Genealogie:
https://www.von-wuertzburg.de/p2.htm#i1301

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