Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2987
Würzburg (Unterfranken)

Marienkapelle am Markt: Ludwig Wilhelm von Bibra

Diese epitaphiengleich an der Wand aufgestellte Grabplatte erinnert an Ludwig Wilhelm von Bibra (7.10.1689-11.9.1704) aus der Linie zu Schwebheim, der im Alter von nicht einmal 15 Jahren starb. Zu ihm gehört das große Hauptwappen in der Mitte, in Gold ein aufspringender, schwarzer Biber mit geschupptem Schwanz, auf dem gekrönten Helm mit schwarz-goldenen Decken ein goldener Flug, beiderseits einwärts belegt mit einem schwarzen Biber mit geschupptem Schwanz. Der Erhaltungszustand der Platte ist schlecht, die Inschrift kaum noch zu entziffern, die Frontpartie des Helms ist zerstört. Dennoch ist das Studium der Platte sehr lohnenswert, weil man hier einige in Franken selten mit ihren Wappen vertretene Familien entdecken kann. An den beiden Längsseiten sind insgesamt acht Wappen der Ahnenprobe angebracht, von denen eines, dasjenige optisch rechts oben, ganz fehlt und drei stark beschädigt sind. Nur eines ist in wirklich gutem Erhaltungszustand, das zweite von oben heraldisch links. Diese Wappenschilde sind untereinander mit reliefierten Tuchstreifen verbunden, die in den Lücken zwischen den Schilden jeweils eine Zierschleife bilden.

 

Ludwig Wilhelm von Bibra hatte einen berühmten und hochangesehenen Vater, denn er war der Sohn von Johann Ernst von Bibra (10.3.1662-19.8.1705), der in jugendlichem Alter in ein Infanterie-Regiment des Hochstifts Würzburg eintrat, 1688 Kriegsrat und Kriegmarschkommissar im Fränkischen Reichskreis wurde, 1697 würzburgischer Generalfeldmarschallleutnant, 1701 kaiserlicher Feldmarschallleutnant, 1704 zum Reichs-Generalfeldmarschallleutnant aufstieg und ebenfalls 1704 zum kaiserlichen österreichischen Generalfeldzeugmeister ernannt wurde. Er nahm am Pfälzer Erbfolgekrieg teil, in dessen Verlauf er Oberkommandant der Festung Marienberg war, und an den Türkenkriegen in Ungarn. Er war es, der 1698 gemeinsam mit seinen Brüdern Georg Friedrich, Heinrich Karl und Christoph Erhard das Reichsfreiherrendiplom erhielt. Dieser Vater fiel nicht im Kampf, sondern starb banal an einer Lungenentzündung während eines Feldzuges in Bergamo. Die Mutter von Ludwig Wilhelm war Maria Anna Agnes von Tastungen. Das Wappen der von Tastungen befand sich auf der Schwertseite ganz oben, es ist bis zur völligen Unkenntlichkeit zerstört (ohne Detail-Abb.). Nur von der Beschriftung ist "..ASTUNGEN" erhalten. Der namengebende Ort liegt im Eichsfeld. Als Inhalt würden wir hier erwarten: In Silber zwei schwarze (es werden auch andere Farbvarianten beschrieben, Siebmacher Band: BayA3 Seite: 106 Tafel: 70, Band: SaA Seite: 165 Tafel: 108). Die Familie hatte auch ein vermehrtes Wappen, geviert, Feld 1 und 4: in Silber zwei schwarze Flügel, Feld 2: golden-schwarz gespalten mit einem gekrönten Adler in verwechselten Farben, Feld 3: umgekehrt, schwarz-golden gespalten mit einem gekrönten Adler in verwechselten Farben.

 

Die Großeltern väterlicherseits waren Georg Christoph von Bibra jun. (26.10.1635-5.4.1687), Direktor der sechs Kantone des fränkischen Kreises, postum nach seines Vaters Tod geboren, und seine erste Ehefrau Maria Barbara von Bronsart (14.5.1635-6.1.1685). Zu ihr gehört das erste erhaltene Wappen auf der Spindelseite ("V. BROMS..."), das zweite Wappen von oben in ursprünglicher Anordnung (Abb. oben rechts); der Schild der Bronsart ist silbern mit rotem Balken und drei blauen Rauten je oberhalb und unterhalb des Balkens (wird allgemein aber mit sieben (4:3) Rauten beschrieben, vgl. Jahrbuch des Deutschen Adels, Bd. 1, 1896, vgl. Siebmacher Band: Pr Seite: 100 Tafel: 131). Ohne Tinkturen kann man es leicht mit dem Wappen der schwäbischen von Schwendi verwechseln, aber hier ist es durch die Beschriftung und die Genealogie eindeutig zuzuordnen. Die hier nicht verwendete Helmzier wären zu blau-silbernen Decken zwei wie der Schild bezeichnete Büffelhörner. Die von Bronsart sind eine preußische Familie, die in einer Linie auch in Thüringen in Schwickershausen ansässig war. Die Familie wird auch unter der Bezeichnung Bronsart von Schellendorff geführt, doch diese Namenserweiterung kam erst 1823 zustande, als man sich die Ansicht zu eigen machte, stammesgleich mit den erloschenen Freiherren von Schellendorff zusein, und dafür gab es 1891 eine königlich-preußische Genehmigung zur Weiterführung dieses Namens. Zum Zeitpunkt des Entstehens dieser Platte ist "von Bronsart" korrekt.

Die Großeltern mütterlicherseits waren Johann Christoph von Tastungen zu Eckeroda und Maria Johanna von Rosenbach, Witwe des Franz Albrecht Hartmann Voit von Rieneck. Deswegen kommt das Wappen der von Rosenbach hinzu(Abb. oben links), als zweites auf der Schwertseite und einwärts gewendet ("V. RO...BACH"), von Silber und Schwarz geteilt, oben aus der Teilung hervorkommend ein schwarzer, rotgezungter, golden gekrönter Löwe. Die hier nicht verwendete Helmzier wäre zu schwarz-silbernen Decken zwischen zwei silbern-schwarz geteilten Büffelhörnern ein wachsender, schwarzer, rotgezungter, golden gekrönter Löwe.

 

Die Urgroßeltern väterlicherseits waren Georg Christoph Freiherr von Bibra sen. (-1651) und Amalia Magdalena von Bibra (-1662, Tochter seines Onkels Hans von Bibra) einerseits und Erhard Bronsart von Schweikershausen zu Saalfeld und dessen Frau Christina Barbara von Aulack andererseits. Deshalb kommt auf dieser Ebene das Wappen der von Aulack hinzu, in Silber ein schwarzer, schreitender Auerochse. Die hier nicht verwendete Helmzier wäre zu schwarz-silbernen Decken der Auerochse wachsend (vgl. Band: PrA Seite: 4 Tafel: 1, im Text Blau statt Silber). Das Wappen ist an unterster Stelle der Spindelseite angebracht; der Inhalt ist komplett zerstört, die Beschriftung "V: AVLACH" ist erhalten (ohne Detail-Abb.).

Die Urgroßeltern mütterlicherseits waren Valentin von Tastungen und Anna Catharina von Hagen zu Deuna einerseits und Weiprecht von Rosenbach und Scholastica von Falkenstein andererseits. Hier kommen zwei neue Wappen ins Spiel, die noch relativ gut erhalten sind. Das Wappen der von Hagen zu Deuna zeigt in Silber zwei schwarze Haken mit der Krümmung nach oben Rücken an Rücken. Die Familie kommt aus dem Eichsfeld und kommt auch in Thüringen vor, alternative Schreibweisen des Namens sind von dem Hagen, Hayn oder Hain (Siebmacher Band: SchwA Seite: 12 Tafel: 8). Das Wappen der von Falkenstein zeigt in Blau auf goldenem Dreiberg einen schreitenden goldenen Hirsch, hier aus Courtoisie einwärts gewendet. Die hier nicht verwendete Helmzier wäre zu blau-goldenen decken der goldenen Hirsch wachsend (Siebmacher Band: Bad S. 7 T. 6, Alberti S. 182).

Die Ururgroßeltern der väterlichen Seite waren Georg von Bibra (1587-1624), Ritterhauptmann des Kantons Rhön-Werra, und Maria Margaretha von Heßberg sowie Johann (Hans) von Bibra und Juliana Martha Voit von Salzburg, weiterhin Lorenz von Bronsart, Margaretha von der Graben, Caspar von Aulack und seine Frau Maria unbekannter Familie. Die Ururgroßeltern mütterlicherseits waren Christoph von Tastungen, Barbara von Hanstein, Otto von Hagen zu Deuna, Anna Maria von Knorr, Adam Hector von Rosenbach (17.4.1563-16.7.1633), Maria Esther von Schönau, Johann Erhard von Falkenstein und Susanna von Wesenberg. Die hierbei neu hinzutretenden Familien sind nicht mehr Teil dieser Ahnenprobe.

Ungewöhnlich ist die Anordnung der Schilde auf der Platte. Üblich ist es, auf der Schwertseite (heraldisch rechts, optisch links) die väterlichen Vorfahren und auf der Spindelseite (heraldisch links, optisch rechts) die mütterlichen Vorfahren zu plazieren. In allgemeiner Listung wären dann optisch links von oben nach unten Bibra, Bronsart, Bibra und Aulack zu erwarten, optisch rechts von oben nach unten Tastungen, Rosenbach, Hagen und Falkenstein. Hier ist es exakt umgekehrt, alle mütterlichen Vorfahren befinden sich optisch links, alle väterlichen Vorfahren optisch rechts. Die logische Reihenfolge 1-3-5-7 und 2-4-6-8 ist jedoch beibehalten. Damit können die fehlenden Schilde wie folgt ergänzt werden: Ganz oben optisch rechts und das dritte von oben optisch rechts wären jeweils eine Wiederholung des Bibra-Schildes. Übrigens gibt es eine teilweise Überschneidung der hier beschriebenen Ahnenprobe mit einer Grabplatte in Schloß Adelsdorf für Christoph Erhard Freiherr von Bibra (10.5.1656-29.1.1706).

Die Genealogie zu diesem Epitaph noch einmal übersichtlich zusammengestellt:
Eltern:

Großeltern:

Urgroßeltern:

Ururgroßeltern:

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@49.7947946,9.9295677,20z - https://www.google.de/maps/@49.7948267,9.9295932,81m/data=!3m1!1e3
Homepage der Dompfarrei:
https://www.dom-wuerzburg.de/seelsorge/dompfarrei/
Marienkapelle in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Marienkapelle_(Würzburg)
Marienkapelle im Würzburg-Wiki:
https://wuerzburgwiki.de/wiki/Marienkapelle
Marienkapelle im Historischen Lexikon Bayerns:
https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Marienkapelle,_Würzburg
Marienkapelle auf der Webseite des Bistums Würzburg:
https://www.bistum-wuerzburg.de/bildung-kunst/sehenswuerdigkeiten/marienkapelle-wuerzburg/
Verwendung der Innenaufnahmen mit freundlicher Erlaubnis von Frau Alexandra Eck, Referentin für die Dombesucherpastoral, vom 27.6.2022, wofür ihr an dieser Stelle herzlich gedankt sei.
Siebmachers Wappenbücher wie angegeben
Wilhelm von Bibra: Beiträge zur Familien-Geschichte der Reichsfreiherrn von Bibra, 1888, Bd. II, S. 166 ff, Bd. III., S. 11., S. 25, S. 34, S. 47 und Stammbäume im Anhang. Online:
http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/content/zoom/494109 ff., http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/content/zoom/493758 ff., http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/content/pageview/493774 ff., http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/content/pageview/493791 ff., http://digital.ub.uni-duesseldorf.de/ihd/content/pageview/493800 ff., auch unter https://fuldig.hs-fulda.de/viewer/toc/PPN22960823X/8/-/
https://www.geni.com/people/Johann-Ernst-Freiherr-von-Bibra-Herr-auf-Schnabelweyd/6000000097216968850
https://gw.geneanet.org/cvpolier?lang=en&n=von+bronsart&oc=0&p=maria+barbara
Genealogie:
https://www.genealogieonline.nl/de/genealogie-richard-remme/I613645.php - https://www.genealogieonline.nl/de/genealogie-richard-remme/I650662.php und abhängige Seiten
Peter Kolb: Wappen in Würzburg, Mainfränkische Studien 90, hrsg. vom Verein der Freunde Mainfränkischer Kunst und Geschichte e. V. Würzburg, 169 S., Spurbuch-Verlag, Würzburg 2019, ISBN: 978-3-88778-572-7
Johann Ernst von Bibra:
https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Ernst_von_Bibra
Bronsart von Schellendorff:
https://de.wikipedia.org/wiki/Bronsart_von_Schellendorff

Marienkapelle: Johann Friedrich Eckenbert von Dalberg - Marienkapelle: Johann Philipp Eckenbert von Dalberg - Marienkapelle: Anton Franz Friedrich Stein von Nord- und Ostheim - Marienkapelle: Johann Georg von Mauchenheim gen. Bechtolsheim - Marienkapelle: Maria Johanna Faust von Stromberg - Marienkapelle: Anna Maria Amalia Sophia von Würtzburg - Marienkapelle: Maria Rosina von Greiffenclau-Vollraths - Marienkapelle: Konrad von Schaumberg - Marienkapelle: Maria Anna Theresie von Breidbach-Bürresheim - Marienkapelle: Jörg Schrimpf - Marienkapelle: Valentin von Münster und seine zwei Frauen - Marienkapelle: Martin von Seinsheim - Marienkapelle: Johanna von Gebsattel

Ortsregister - Namensregister - Regional-Index
Zurück zur Übersicht Heraldik

Home

© Copyright bzw. Urheberrecht an Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2022
Impressum