Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2572
Tübingen

Schloß Hohentübingen und seine Geschichte

Schloß Hohentübingen thront hoch über der Neckarfront westlich der Altstadt und ist durch die beherrschende Lage ihre städtebauliche Dominante. Seine vier Flügel umschließen einen rechteckigen Innenhof. Der Hauptzugang erfolgt von Osten aus Richtung der Altstadt, wo der Besucher nacheinander zwei Gräben, dazwischen die Ostbastion und zwei befestigte Toranlagen überwinden muß. Die Außenmauer des Ostflügels ist die dickste Mauer des Schlosses. An jeder der vier Ecken befindet sich ein Befestigungsturm, wobei alle ganz unterschiedlich gestaltet und erhalten sind. Dicke Rundtürme sind an der Nordost- und an der Südwestecke zu sehen. Die Südostecke wird durch einen niedrigeren Turm von unregelmäßig fünfeckigem Grundriß abgesichert, während dahinter die klaffende Wunde im Gemäuer zeigt, daß sich hier ebenso ein Rundturm erhob wie an den anderen Ecken. Und an der Stelle, wo sich einst der Nordwestturm befand, ist nur noch ein Fundament vorhanden; geschützt wird die Stelle von der Westbastion, vor der der Hasengraben liegt. Der Südwestturm wird Haspelturm genannt; er wird von einem Zeltdach bekrönt und besitzt unterhalb des Dachabschlusses ein umlaufendes Band von Steingewände-Doppelfenstern. Im kuppelgewölbten Untergeschoß befand sich früher das Gefängnis. An ihn schließt sich die "alte Herberge" an. Im Innenhof gibt es eckständig Treppentürme, ein polygonaler im Nordosteck und viereckige in den anderen Ecken. Im Nordwesteck führt eine Treppe in den Faßkeller mit dem großen Faß aus dem Jahre 1548. Fast der ganze Nordflügel wird vom Rittersaal eingenommen, und in der Mitte der nördlichen Längsseite ist ein Erker mit drei aufwendig gewölbten Kompartimenten über die Außenlinie hinausgebaut. Etwa zwei Fünftel des Südflügels sind Schloßkirche, deren jetzige Ausstattung von 1886 stammt. Die herzoglichen Zimmer lagen ebenfalls im Südflügel.

Schloß Hohentübingen geht auf eine um 1050 entstandene Burg der späteren Pfalzgrafen von Tübingen zurück. Beachtung in den schriftlichen Zeugnissen fand diese Burg 1078 aus Anlaß einer Belagerung durch den Salierkaiser Heinrich IV., als "Castrum Tubingensis". Noch einmal belagerten welfische Truppen 1164 die Pfalzgrafenburg, ohne Erfolg. Die Pfalzgrafen von Tübingen wurden stets von Geldsorgen geplagt, und in ihrer finanziellen Lage verpfändeten sie 1301 ihre Burg und die ganze Stadt Tübingen an das Kloster Bebenhausen. Wenige Jahrzehnte später, 1342, wurden Burg und Stadt für 20000 Pfund Heller von Pfalzgraf Götz von Tübingen an die Grafen von Württemberg verkauft. Im 15. Jh. gab es einige Ereignisse, bei denen Hohentübingen den Hintergrund historischer Besuche bildete: König Sigismund war 1431 zu Besuch, angeblich mit einem Gefolge von über 100 Rittern. Und Kaiser Maximilian weilte 1498 einige Tage auf Hohentübingen. Für die Württemberger Grafen war Hohentübingen jedoch immer nur Nebenschauplatz, denn viel wichtiger waren Stuttgart und zeitweise das kleine Urach. 1423 wies man die Burg der Gräfin Henriette von Mömpelgard als Witwensitz zu. Herzog Eberhard, der zuvor als Graf 1477 Tübingen durch seine Universitätsgründung erheblich aufgewertet hatte und 1495 Herzog wurde, starb am 24.2.1496 auf dem Schloß. Bis zu diesem Zeitpunkt bestand Hohentübingen weitgehend noch aus seiner mittelalterlichen Substanz.

Einen Aufschwung nahm Hohentübingen erst unter Herzog Ulrich von Württemberg. Ab 1507 ließ er die heutige Vierflügelanlage im Stil der Renaissance errichten. Zuerst begann Herzog Ulrich, um die alte Burg der Pfalzgrafen eine Befestigungsanlage mit vier runden Ecktürmen zu bauen; diese äußere Schale entstand 1507-1519. Dann kam die Vertreibung des Herzogs dazwischen und sorgte für einen Baustop. 1519-1534 war Hohentübingen in österreichischer Hand. Noch in dieser Zeit wurde 1533 mit dem Südflügel begonnen, also mit der dem Neckar zugewandten Seite. Nachdem Herzog Ulrich sein Herrschaftsgebiet zurückerobert hatte, vervollständigte er 1534-1550 das Schloß zur Vierflügelanlage. Die alte Pfalzgrafenburg innerhalb des neuen Befestigungsringes wurde abgerissen. Deshalb tragen alle entscheidenden Stellen von Hohentübingen, das Obere Schloßtor innen wie außen sowie das Portal zum Rittersaal, Herzog Ulrichs Wappen.

Herzog Christoph vollendete des Ausbau von Hohentübingen. Die Vierflügelanlage als solche war fertig, da vollzog sich unter seiner Herrschaft nur noch der Innenausbau 1550-1568. Herzog Friedrich ergänzte später 1593-1606 im Westen die große Bastion "das Schänzle", und als Abschluß ergänzte er im Osten das Untere Schloßtor (siehe eigenes Kapitel). Auch die große Ostbastion ist auch erst im Zeitraum 1601-1606 erbaut worden.

Im 17. Jh. war Hohentübingen von untergeordneter Bedeutung für die in Stuttgart residierenden Herzöge, und es wurde kaum noch etwas gebaut. Das Schloß wurde im Dreißigjährigen Krieg belagert. Ganz kurz vor Abschluß des Westfälischen Friedens, 1647, sprengten französische Truppen den Südostturm in die Luft. Zwei Jahrzehnte später baute man statt dessen 1667 den Fünfeckturm. Im Eck zwischen den beiden Flügeln blieb eine Lücke, denn der neue Turm war niedriger und bekam eine ganz andere Form, das Fünfeck-Bastionssystem des Barocks stand schon Pate, und eine Geschützplattform ersetzte das frühere System der hohen und angreifbaren Rundtürme. Trotz dieser Änderung verlor Hohentübingen im 18. Jh. seine militärische Bedeutung. Auch als Nebenresidenz genügte es nicht mehr den gestiegenen Ansprüchen des württembergischen Hofes. 1746-1807 entstand in Stuttgart mit dem Neuen Schloß eine zeitgemäße Residenz. Als diese fertig war, schenkte der württembergische König 1816 Hohentübingen der Universität. Dazu wurden die Gebäude verändert, vor allem wurden die hofseitigen Laubengänge entfernt; nur die Galerie des Südflügels blieb erhalten. Die ehemalige Schloßküche wurde 1817 zum chemischen Labor umgebaut. Auf dem Nordost-Turm wurde eine Sternwarte eingerichtet. 1818 wurde dieser Turm der Bezugspunkt der württembergischen Landesvermessung, sozusagen der kartographische Nullpunkt von Württemberg. Von hier aus vermaß der Astronom und Geodät Prof. Johann Gottlieb Friedrich von Bohnenberger das gesamte Königreich. 1955 wurde die Sternwarte abgebaut, um den ursprünglichen Abschluß des Turmes rekonstruieren zu können. Im Rittersaal wurde 1821 die Universitätsbibliothek eingerichtet, die erst 1912 in eigene Räumlichkeiten auszog. Noch in der ersten Hälfte des 19. Jh. zogen verschiedene Uni-Institute in die Vierflügelanlage ein.

Das Obere Schloß-Portal (Ulrichstor)

Der Hauptzugang in das Kernschloß erfolgt von Osten her durch den zwischen Nordostturm und Fünfeckturm aufgespannten Flügel. Zwischen dem Unteren Schloßturm und dem Fünfeckturm ist eine Stützmauer aufgespannt, über deren Brüstung man einen phantastischen Blick nach Süden auf das Panorama vom Österberg über das Neckartal bis zum Albtrauf mit dem Roßberg hat. Vor dem Tor steht die sogenannte Ulrichslinde, deren Vorgängerbaum Herzog Ulrich persönlich gepflanzt haben soll als Zeichen der Dankbarkeit für seine Rückkehr nach fünfzehnjährigem Exil und der poetisch von Gustav Schwab im Gedicht "Die Schloßlinde" verewigt wurde. Vermutlich ist das alles nur hübsche Legende, denn in Unterlagen aus dem 17. Jh. ist von einem ganz jungen Baum die Rede, vermutlich bereits ein Ersatz. Aber auch dieser zweite Baum war 1982 so altersschwach, daß er gefällt werden mußte. Das gegenwärtig dort wachsende Exemplar wurde 1982 neu gepflanzt und muß noch kräftig zulegen, um frühere Dimensionen zu erreichen.

Links am Bildrand standen früher ein dem rechten ganz gleicher Rundturm, davor noch ein kleinerer zweiter Turm, der Schieferturm genannt wurde. So wird es auch noch auf einem Kupferstich von Matthaeus Merian in der Topographia Suevia 1643 dargestellt. Gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges wurden beide Türme am Südosteck zerstört. Die Grundmauern und die Wunde im Gemäuer der Schloßflügel sind noch zu sehen. Am 10.2.1647, also nur ein Jahr vor Kriegsende, hatten französische Truppen unter General Hocquincourt das von 200 Mann verteidigte Schloß eingekreist und in den folgenden Wochen eine Mine unter den Turm getrieben. Die Franzosen waren mit den Schweden verbündet, und im Schloß lagen bayerische Truppen, ein Überbleibsel der gewonnenen Schlacht bei Nördlingen. Am 4.3.1647 gingen die Explosionen im Minengang hoch und brachten die Türme zum Einsturz. Wenige Tage später wurde Hohentübingen an die Franzosen übergeben. Anderthalb Jahre später mußten die Franzosen die Festung wieder an die Württemberger übergeben, diesmal friedlich als Folge der Bestimmungen des Westfälischen Friedens. Beim Wiederaufbau gehörte diese Eckbefestigung nicht zu den vordringlichsten Maßnahmen, sondern man ging erst 20 Jahre später daran, diese Lücke in der Wehrhaftigkeit und Verteidigungsbereitschaft 1667 zu schließen, orientierte sich aber bereits an neueren fortifikatorischen Einsichten: Es wurde eine niedrigere Konstruktion im Stil einer fünfeckigen Bastei.

 

Die äußere Ansicht des Tores ist eine Mischung aus Symmetrie und Asymmetrie: Die Portalblende besitzt eine völlig symmetrische Grundform, sie besteht aus drei gleich breiten Abschnitten, die in der Vertikalen durch vier Wandvorlagen mit Postamenten unten und phantasievollen Kapitellen oben gegliedert werden. Über dem reich ornamentierten Gebälk werden in Verlängerung der Pilaster weitere vertikale Elemente positioniert. In der Mitte tragen zwei Säulen einen aedikula-artigen Aufsatz mit Dreiecksgiebel; beide Säulen tragen kleine Putten-Figuren als Abschluß. Die Aedikula wird gerahmt von zwei viertelkreisförmigen Seitenteilen, in denen jeweils ein Relief einen äsenden bzw. hochsehenden Hirsch darstellt, das Wappentier Württembergs. Außen bilden zwei Wächterfiguren den Abschluß. Bis hierhin wirkt die Gestaltung bis auf die Hirsche wie aus einem Musterbuch der italienischen Frührenaissance, was insbesondere durch die flächige Ornamentik unterstrichen wird. Doch hinter dieser Blende steckt ein noch dem Mittelalter verhaftetes Verteidigungswerk, bestehend aus einer großen Wagendurchfahrt und einer kleinen Fußgängerpforte rechts daneben. Für diese 2:1 Aufteilung in der Breite wurde die zweite Wandvorlage von links geopfert, um die beiden Felder zu einem großen vereinigen zu können. Das für das Konzept der Portalblende notwendige zweite Kapitell schwebt daher in der Luft, nur gestützt von einer ganz flachen Konsole, so daß das Ganze nur von ganz weitem wie ein mächtiger Schlußstein wirkt, sich aber bei näherem Hinsehen als separate Einheit oberhalb des Portalbogens und des Mauerfalzes erweist. Und dies ist das zweite Element, wo hier noch ein mittelalterliches Konzept durchschimmert: Beide Tore haben einen tiefen Anschlagfalz mit völlig glattem Mauerwerk, so daß man hier jeweils eine Zugbrücke hochziehen und bündig in der Maueraussparung einsenken konnte.

Das Obere Schloßtor wurde von Herzog Ulrich von Württemberg erbaut, nachdem er sein Herzogtum wiedererlangt hatte. Deshalb wird es auch Ulrichstor genannt. Herzog Ulrich ließ hier ein prächtiges Entrée zu der von ihm umgestalteten Residenz und Festung errichten, um seine Rückkehr zu feiern und sich als Herrn der Stadt in Szene zu setzen. Man sieht deutlich, daß das Tor als Blende vor ein älteres Bauwerk gesetzt wurde. Wenn man den Blick von der Portalblende abwendet, was wirklich schwerfällt, erkennt man einerseits über dem Aufsatz einen vermauerten hohen Bogen und andererseits rechts der Portalblende rings um das einzelne Viereckfenster einen niedrigeren vermauerten Bogen: Das war das frühere Tor in einer Form, wie es Herzog Ulrich vor seiner Vertreibung hat erbauen lassen. Das wurde jetzt 1538 umgebaut: Die Durchlässe wurden kleiner, Repräsentation und Prunk hielten Einzug. Kunstgeschichtlich steht das Tor in der Wertigkeit tiefer als das Untere Schloßtor, es ist aber trotz einiger Vorbehalte ein Musterbeispiel für die Adaptation der Formensprache der italienischen Renaissance in der deutschen Baukunst. Es erreicht aber nicht den programmatischen Tiefgang und die künstlerische Qualität des Unteren Schloßtores.

Das Wappen von Herzog Ulrich von Württemberg ist geviert, Feld 1: Herzogtum Württemberg, in Gold drei schwarze Hirschstangen übereinander, Feld 2: Herzogtum Teck, schwarz-golden schräggeweckt (schräggerautet), Feld 3: Reichssturmfahne via Markgröningen, in Blau eine goldene Fahne mit Schwenkel, belegt mit einem schwarzen Adler, Feld 4: Grafschaft Mömpelgard, in Rot zwei aufrechte, abgekehrte goldene Barben (Fische). Dazu werden zwei Kleinode geführt: Helm 1 (rechts): Herzogtum Württemberg, auf dem Helm mit rot-goldenen Decken ein rotes Jagdhorn (Hifthorn) mit goldenem Band und goldenen Beschlägen, mit drei Straußenfedern (blau-silbern-rot) im Mundloch, Helm 2 (links): Herzogtum Teck, auf dem ungekrönten Helm mit schwarz-goldenen Decken wachsend ein schwarz-golden schräggeweckter Brackenkopf mit rot ausgeschlagener Zunge. Damit hat dieses Wappen eine Form, welche 1495-1593 verwendet wurde.

Es gibt zwei Jahreszahlen zwischen den Kleinoden, oben die Zahl 1538, das Jahr der Erstherstellung, darunter das Jahr 1892, das Jahr der umfassenden Erneuerung. Zwischen beiden Jahreszahlen lesen wir die Abkürzung "VDMIAE", das steht für Verbum Domini Manet in Aeternum - das Wort des Herrn bleibt in alle Ewigkeit. Es handelt sich um die Devise von Herzog Ulrich von Württemberg (1487-1550). Aber es war nicht nur seine Devise, sondern das galt allgemein seit dem Reichstag zu Speyer 1529 als ein Bekenntnis evangelischer Reichsfürsten. Für Herzog Ulrich von Württemberg war der Schulterschluß mit diesen sehr wichtig. Er hatte bereits 1534 die Reformation im Herzogtum eingeführt, nach seiner Rückkehr aus seinem Exil in Mömpelgard. Er stand zuvor bereits in regem Austausch mit protestantischen Fürsten wie Landgraf Philipp I. von Hessen (1504-1567), pflegte überregionale Kontakte und schuf Bündnisse unter Glaubensgenossen, was ihm sehr dabei half, sein Herzogtum wiederzugewinnen. Das Benutzen dieser konfessionell motivierten Devise an prominenter Stelle, am Oberen Schloßtor bis hin zu seinem Grabmal in der Tübinger Stiftskirche, ist zugleich die visuelle Bekräftigung des Bündnisses mit den protestantischen Herrschern seiner Zeit. Denn er wußte genau, daß er ohne seine protestantischen Bündnispartner immer noch ohne sein Herzogtum gewesen wäre.

 

In den beiden oberen Ecken rechts und links der Kleinode ragen aus dem vegetabilen Ornamentwerk zwei Köpfe hervor, die in ihrem Maul jeweils den Stiel eines oben und unten von einem gestielten, mehrlappigen Blatt gleich einem Fruchtkelch eingefaßten Medaillons halten, das optisch links die Initialen K und O sowie rechts die Initialen C und W trägt. 

Das Portal ist mit keinem einzigen Stein noch original aus dem Jahr 1538. Der empfindliche Sandstein war Ende des 19. Jh. bereits so verwittert, daß eine Restaurierung unter Bewahrung des Erhaltenen nicht mehr sinnvoll erschien. Vielmehr entschied man sich, die komplette alte Portalblende abzureißen und als Kopie neu zu erbauen. Aber gegen Ende des 20. Jh. waren die unteren Partien durch den Sandsteintod Streusalz schon wieder völlig zerstört. Diesmal haben Abgase und Streusalz in nur 100 Jahren das geschafft, wofür die Verwitterung vorher die dreieinhalbfache Zeit gebraucht hat: Die Sockel und die unteren Teile der Pilaster wurden noch einmal erneuert, heute sieht man also Kopien der Kopien. Die verwitterten Originalteile aus dem 16. Jh. sind teilweise erhalten, so stehen die beiden Wächterfiguren im Stadtmuseum, nachdem sie lange im Foyer des Rathauses aufbewahrt worden waren.

 

Die beiden Wächterfiguren auf dem Gebälk stehen in Verlängerung der beiden äußeren Wandvorlagen. Sie sind im Stil antiker Krieger gekleidet und bewaffnet, in phantasievoller Interpretation mit üppigen Verzierungen. Beide Wächter halten in ihrer äußeren Hand eine lange, mit Nägeln beschlagene Stange; die innere Hand hängt frei herab. Der linke Wächter hat an einem Helm ein Paar Flügel und oben einen Federbusch. Auf seinem Brustharnisch sind zwei miteinander kämpfende Hirsche dargestellt, ein erneutes Auftreten des württembergischen Wappentieres. Der hinter seinem linken Bein abgestellte Schild in Renaissance-Formen trägt auf einer mit floraler Ornamentik damaszierten Fläche die Reichssturmfahne als Motiv. Auch der rechte Wächter trägt Flügel an seinem Helm. Über der Stirn ist eine menschliche Maske modelliert. Der Brustharnisch zeigt ebenfalls zwei Hirsche, hier sind sie aber friedlich und drehen sich den Hintern zu, nur einer wendet den Kopf. Die Kniebindungen zieren Löwenmasken. Auf dem hinter dem rechten Bein hervorkommenden Schild sind die Barben Mömpelgards dargestellt.

 

Die beiden Viertelkreisfelder beiderseits der zentralen Aedikula zeigen jeweils einen Hirsch in Waldumgebung mit Bäumen im Hintergrund. Links äst das Wappentier Württembergs, rechts schaut es angriffslustig nach oben. Genau wie auf den Harnischen der Wächterfiguren werden hier ein friedlicher und ein angriffslustiger Aspekt kombiniert.

 

Auf den Pilastern werden überreiche flächige Ornamente dargestellt, in die Szenen aus der Herkules-Sage eingebunden sind. In der linken Abb. sieht man Herkules im Ringkampf mit einem Gegner, in das unverletzliche Löwenfell gekleidet, das er anlegte, nachdem er den nemeischen Löwen erwürgt hatte. Der Löwenkopf dient ihm als Helm, das Löwenfell als Panzer. Am Tor lassen sich weitere Szenen der Herkules-Mythologie erkennen. Die Blumenvasen und Schalen folgen dem typischen Musterkanon der italienischen Renaissance.

Abb. oben und unten: Details der Ornamente, oben ein besonders phantasievolles Kapitell mit einem aus Akanthusblättern wachsenden Mann, der mit seinen muskelbepackten Armen die Schwänze zweier Delphine ergreift, wobei letztere erstaunlich raubtierhafte Gesichter tragen, und unten der Schmuckfries oberhalb dieses Kapitells mit Löwenmaske in der Mitte und geflügelten Engelsköpfen seitlich.

Einen separaten Fußgängerweg gibt es nach dem Tor nicht mehr, weil der Weg von der äußeren Fußgängerpforte im Gewölbegang (Abb. unten) allgemeinen Torweg mündet und nicht separat weitergeführt wird. Schließlich dient die Anlage der separaten, kleineren Öffnung außen der Sicherheit der Festung und der Bequemlichkeit der Besatzung, damit man nicht für einzelne Personen die große Brücke herablassen mußte und sicherer war vor unerwarteten Eindringlingen. Zur Hofseite mußte keine Rücksicht mehr auf Fußgänger genommen werden.

Das ganze Schloß wird von der Eberhard-Karls-Universität und verschiedenen Kulturinstitutionen genutzt. Die Universität besitzt eine der reichsten Sammlungen von allen deutschen Unis. Die zuvor auf viele Institute verteilten Sammlungen konnten in den Räumlichkeiten von Hohentübingen zu einem beeindruckenden Museumsensemble zusammengeführt werden. Die Institute mit den besten, schönsten und größten Sammlungen wurden komplett ins Schloß verlegt. Diese Idee entstand bereits 1913, wurde aber erst anläßlich der Generalrenovierung umgesetzt. Wegen fortgeschrittener Baufälligkeit wurde Hohentübingen im letzten Viertel des 20. Jh. umfassend saniert. In einem ersten Bauabschnitt baute man 1979-1985 den Süd- und den Westflügel einschließlich der Schloßkirche um und belegte die Räume neu mit folgenden Instituten der Universität: Urgeschichte, Vor- und Frühgeschichte, Ethnologie. Der zweite Bauabschnitt begann 1988 und betraf den Nord- und den Ostflügel. Die Geographie und andere sammlungsarme Institute zogen aus, die Altorientalistik, die Ägyptologie und die klassische Archäologie zogen ein. Der Großteil der universitären Sammlungen konnte so unter einem Dach vereint werden mit dem Ziel einer gemeinsamen Schausammlung. Hier sind unter anderem die Ägyptische Sammlung (ein Höhepunkt: die Opferkammer des Seschemnefer III. aus Giza), die Abguß-Sammlung (Glyptothek) berühmter antiker Skulpturen mit ca. 370 Objekten (darunter die Laokoon-Gruppe, der Fries des Siphnierschatzhauses in Delphi, der Diskuswerfer des Myron und die Nike von Samothrake) und die Altorientalische Sammlung (hauptsächlich mesopotamische Keilschrifttexte, dazu Siegel und Repliken altorientalischer Skulpturen und Reliefs) zu finden, alles Museen der Universität.

Hier im Schloß sind auch die Photosammlung der Klassischen Archäologie, die Keramiksammlung der Mittelalterarchäologie, die Münzsammlung der Klassischen Archäologie, die Originalsammlung der Klassischen Archäologie, die Sammlungen der Älteren und Jüngeren Urgeschichte, die Sammlung der Empirischen Kulturwissenschaft und die Gemäldesammlung der Universität untergebracht. Im Fünfeckturm ist die Ethnologische Sammlung mit ca. 4000 Ethnographica und einem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Dokumentation der Forschungsreisen auf ca. 2500 Glasplattendias aus den Jahren 1890-1910. Ein nächstes Museum nennt sich Schloßlabor Tübingen - Wiege der Biochemie und ist in der ehemaligen Küche des Schlosses Hohentübingen untergebracht, die im frühen 19. Jh. zum ersten biochemischen Laboratorium umfunktioniert wurde. Eine der bedeutendsten Entdeckungen an diesem Ort war die der Nukleinsäure durch Friedrich Miescher im Jahr 1869. Selbst die Schloßkirche ist auf gewisse Weise Museum, das aber nur zu besonderen Anlässen für den Publikumsverkehr geöffnet ist: Seit ihrer Gründung hat die Predigeranstalt der Evangelisch-Theologischen Fakultät hier ihren Sitz. Der Kirchenraum wird auch heute noch vom Institut für Praktische Theologien zu Lehrveranstaltungen genutzt. Die museale Sammlung besteht aus historischem liturgischem Gerät. In dem abgesetzten Gebäude im Westen hat das Ludwig-Uhland-Institut für Empirische Kulturwissenschaft seinen Sitz. Insgesamt wurde so das Schloß Hohentübingen zur Schatzkammer der Universität.

Die Innenseite des Oberen Schloßportals ist wesentlich schlichter ausgeführt. Auf zwei flankierenden Pilastern ruht über einem Gebälk mit rautenförmigen Verzierungen ein großer Dreiecksgiebel der an den Eckpunkten mit jeweils einer Steinkugel verziert ist und in seinem Dreiecksfeld ein rundes Medaillon mit dem württembergischen Wappen wie beschrieben trägt, umgeben von radialen, fischblasenförmigen Ornamenten in den Zwickeln. Die Inhalte des Wappens sind identisch mit denen der Außenseite.

Portal zum Rittersaal

Das zweite wappengeschmückte Portal im Inneren des Schloßhofes führt in den Rittersaal im Nordflügel der Vierflügelanlage. Es ist in eine Mauer aus schlichten, unverputzten Sandsteinen eingelassen. Wenn man sich aufmerksam im Schloßhof umschaut, erkennt man zwei ganz verschiedene Fassadengestaltungen in einem Schloß, das eigentlich in einem Guß und in einem Stil erbaut worden ist. Diese Zweigesichtigkeit ist das Ergebnis einer langen Renovierungszeit mit mehreren Bauabschnitten und zweier unvereinbarer (und auch unversöhnlich einander gegenüber stehender) Meinungen, wie zu renovieren sei. Schließlich entschied man sich für einen Kompromiß und gestaltete die eine Hofhälfte mit verputzten Wänden, auf die eine Quaderung mit weißen Strichen aufgemalt wurde, die andere Hofhälfte mit unverputztem, naturbelassenem Mauerwerk. Die verputzte Variante entspricht dem Vorgehen während der Renaissance-Zeit und wird durch historische Unterlagen gestützt; die monumentaler wirkende, rohe und schlichte Variante mit freigelegten Steinen entspricht der denkmalpflegerischen Behandlung um 1900, die jedoch unsere Wahrnehmung so beeinflußt hat, daß es unsere Erwartung dahingehend drängt. In der Renaissance jedoch hätte man, so schön und warm der Sandstein auch leuchtet, das nicht als "erhaben", sondern als unfertig empfunden und nur bei Mangel an Baugeld so belassen. Nur wenn man arm war, sparte man Putz und Bemalung ein.

Dieses Portal mit einen Reliefs und Plastiken ist ein weiteres Beispiel für die so selten und eigentlich nur in Tübingen anzutreffende Gestaltung im Stil der klassischen Renaissance. Hier ist die Komposition völlig symmetrisch angelegt, weil keine Rücksicht auf ein zweites, kleineres Portal genommen werden muß wie bei den Außentoren. Das Rundbogenportal ist reich profiliert. Blattmanschetten dienen der Verzierung. Es wird gerahmt von zwei Balustersäulen, die das Gebälk tragen. Der fein gearbeitete, flächige Fries im Gebälk trägt Blattfratzen, Füllhörner und in der Mitte ein Medaillon mit der Büste eines römischen Kaisers.

Der Aufsatz ist dreiteilig mit rechteckigem Mittelfeld, halbkreisförmigem oberen Abschluß und viertelkreisförmigen Seitenteilen. Der mittlere Teil wird durch zwei Pilaster von den Seitenteilen abgesetzt. Die Pilaster besitzen einen abgesetzten Sockel; ihre Flächen sind mit einem rechteckigen Profil gerahmt, das mit einem Kreiselement in der Mitte des oberen Abschnittes verschmolzen ist. Auf dem linken Pilaster ist ein Steinmetzzeichen in die Fläche eingeschlagen, zwei weitere sind in den Sockelfeldern zu sehen.

Das herzoglich-württembergische Wappen im zentralen Feld des Aufsatzes entspricht der oben gegebenen Beschreibung. Ein innerer Rahmen besteht aus sich aus Akanthusblättern erhebenden Säulen mit Kapitellen, über die sich eine verwirrend detailreiche Komposition aus Akanthusmotiven, Delphinen und Masken spannt.

Detail: der vierfeldrige Schild mit den Elementen Württemberg, Teck, Reichssturmfahne und Mömpelgard

Herzog Ulrich von Württemberg (8.2.1487-6.11.1550) wurde übrigens gar nicht als Ulrich geboren und getauft, sondern als Eitel Heinrich von Württemberg. Seinen Namen Ulrich erhielt er erst bei der Firmung. Obwohl es schon vor ihm mehrere Herrscher Württembergs mit Namen Ulrich gab, wird bei Herzog Ulrich die Zählung weggelassen, denn alle anderen Ulriche waren Grafen, und nur ein Ulrich war Herzog.

Die erste Regierung Herzog Ulrichs unterschied sich sehr von seiner zweiten. In summa war die erste Zeit seiner Regierung kein Ruhmesblatt. 1498 wurde Ulrich Herzog, nachdem sein Onkel, Eberhard II. von Württemberg, entmachtet und abgesetzt wurde (Horber Schiedsspruch: Rente gegen Verbannung, Exil in der Pfalz), Herzog, und 1503 wurde er für volljährig erklärt, obwohl er erst 16 Jahre alt war. Innerhalb kürzester Zeit schaffte es Herzog Ulrich, unglaubliche Summen zu verbraten, zum einen für seinen aufwendigen Lebensstil, angefangen mit seiner unfaßbar pompösen und teuren Hochzeit 1511, zum anderen für seine Kriegszüge. Er war ein Heerführer im Landshuter Erbfolgekrieg, doch der Gewinn einiger ehemals kurpfälzischer Territorien stand in keiner Relation zu den Kosten der Kriegsführung. Danach wollte er gegen Burgund zu Felde ziehen. Die Staatskassen waren schon tief im Defizit, also wurden Steuern erhöht, und dazu wurden die Gewichte reduziert. De facto hatten also diejenigen die Lasten aufzufangen, die eh am wenigsten hatten. Das Herzogtum stand kurz vor dem Bankrott, finanziell und innenpolitisch. Das führte 1514 zum Aufstand des Armen Konrad. Dieser Aufstand, der sich zur Staatskrise auswuchs, wurde mit Hilfe der bürgerlich-städtischen Eliten niedergeschlagen, die aber nur nach Abschluß des Tübinger Vertrages halfen. Dieser Vertrag war das Ergebnis eines vom Herzog zur Rettung der Lage einberufenen Landtages. Was herauskam, war ein Meilenstein der Rechtsgeschichte und eine wichtige Station der europäischen Verfassungsgeschichte. Denn im Gegenzug zum Hilfsversprechen mußte Herzog Ulrich der "Ehrbarkeit", den Landständen, dauerhaftes politisches Mitspracherecht einräumen. Hiervon war, wie auch von der Teilnahme am Landtag, jedoch die Landbevölkerung ausgeschlossen. Allen Untertanen jedoch wurden umfangreiche Grundrechte zugesichert, Freizügigkeit (Recht auszuwandern), ordentliche Gerichtsverfahren etc. Hier entstand erstmals so etwas wie eine grundlegende Landesverfassung, an die der Herrscher gebunden wurde. Dafür waren die Landstände auch bereit, den Aufstand niederzuschlagen und die herzoglichen Schulden in Höhe von fast 1 Mio. fl. zu übernehmen. Der Tübinger Vertrag vom 8.7.1514 ist heute eines der ältesten verfassungsgeschichtlichen Dokumente, eine Art württembergische Magna Charta.

Detail: optisch obere linke Ecke: Auf dem Kapitell ist ein gestürzter und einwärts gewendeter Delphin zu sehen, über der württembergischen Helmzier eine sich aus Blattwerk herausbildende Maske. Am Ende des Schmuckwerks in der Mitte läuft das Motiv in einen weiteren Kopf aus, aus dessen Rachen sich die Zunge dekorativ herausrollt.

 

Die beiden viertelkreisförmigen Seitenteile zeigen in unterschiedlichen Positionen den Hirschen, das Wappentier Württembergs. Im optisch linken Feld blickt der Hirsch heraldisch nach links, also einwärts, der andere Hirsch ist jedoch widersehend, so daß beide Körper zur Mittelachse hin ausgerichtet sind, beide Köpfe aber in Richtung Schloßeingang schauen.

Der Halbkreisgiebel ist mit drei (1:2) Zierurnen geschmückt, aus deren Öffnungen oben Flammen lodern. Der Rand des profilierten Rundbogens trägt filigranen durchbrochenen Dekor auf der Außenkante.

Das Zentralfeld zeigt einen aus wild wucherndem Blattwerk hervorwachsenden bärtigen Mann, beide Arme erhoben und von Pflanzen umschlungen.

Was hier entstand, datiert aber aus der zweiten Regierungszeit von Herzog Ulrich. Wie kam es zu seiner fünfzehnjährigen Vertreibung? Zuerst verlor er eine wichtige Allianz: Der Schwäbische Bund war eine Art Garant des Landfriedens, und Herzog Ulrich trat 1512 nicht nur aus, sondern er versuchte sogar, eine Allianz von Fürsten gegen diesen Bund aufzubauen, der immerhin die Rückendeckung des Kaisers genoß. Das war politisch sehr unklug, wenn man nicht weiß, daß man gewinnen wird. Seine jähzornige Art führte in Kombination mit Frauengeschichten zu seinem Sturz: Er erschlug 1515 den Ehemann seiner Geliebten, Ursula Thumb von Neuburg, das war Hans von Hutten. Herzog Ulrichs eigene Frau Sabina von Bayern ging daraufhin in offene Opposition, ließ vor dem Landtag in Stuttgart Klagen vorbringen und floh nach Zuspitzung des Konflikts nach München. Das wiederum torpedierte das bisherige familiäre und politische gute Einvernehmen zwischen Württemberg und Bayern. Schlecht, wenn man ausgerechnet die Frau vor den Kopf stößt, von deren Verwandten man sich politische Rückendeckung erhofft. Wegen des Mordes an Hans von Hutten wurde Herzog Ulrich am 11.10.1516 von Kaiser Maximilian mit der Reichsacht belegt. Daraufhin ließ der Herzog diejenigen, die sich wegen des Mordes an den Kaiser gewandt hatten, foltern und hinrichten. Mit dem Augsburger Reichstag 1518 wurde die Reichsacht rechtskräftig. Noch fehlte es an der Erzwingung und Durchsetzung. Der Anlaß dafür war da, als Ulrich von Württemberg 1519 die freie Reichsstadt Reutlingen überfiel, und nun handelte der Schwäbische Bund, der Georg Truchseß von Waldburg-Zeil mit der Vertreibung des Herzogs beauftragte. Württemberg wurde der Verwaltung durch das Haus Habsburg unterstellt; der Sohn und Erbe des Herzogs kam an den Hof von Kaiser Karl V. Erst 1534 gelang die Rückkehr Herzog Ulrichs.

 

Details: In den Bogenzwickeln befinden sich Medaillons, hier ein nackter Knabe mit einem Hund im Arm. Das Medaillon wird im unteren Zwickel gestützt von einem weiteren Putto.

Detail: Delphin und Akanthusblätter im Zwickel zwischen Portalbogen und Medaillon, links der Mittelachse.

Wie gelang die Rückkehr und Wiedereinsetzung Ulrichs als Herzog, der sich nach seiner Vertreibung in seine linksrheinische Grafschaft Mömpelgard zurückgezogen hatte? Der Schlüssel war hier die zwischenzeitlich stattgefundene Reformation, der sich der Herzog um 1523 angeschlossen hatte. Durch die Glaubensspaltung gab es neue Allianzmöglichkeiten und andere Bruchlinien im Reich. Die Reichsstände fanden die neue habsburgische Vorherrschaft wenig begeisternd, denn die Verwaltung Württemberg stärkte die habsburgische Position sehr und führte zu einem neuen Ungleichgewicht. Einer der engsten neuen Verbündeten des Herzogs war der ebenfalls zutiefst protestantisch gesonnene und entfernt verwandte Landgraf Philipp I. der Großmütige von Hessen (13.11.1504-31.3.1567), der gegen den katholischen Pfalzgraf Philipp den Streitbaren von Pfalz-Neuburg (12.11.1503-4.7.1548), welcher als habsburgischer Statthalter eingesetzt war, mit Truppen des Schmalkaldischen Bundes zu Felde zog und ihn bzw. seinen Nachfolger als Oberbefehlshaber der österreichischen Truppen, Dietrich Speth, am 13.5.1534 in der Schlacht von Lauffen besiegte. Damit war der Weg frei, wieder vom Herzogtum Besitz zu ergreifen - und das Schloß Hohentübingen zur Residenz auszubauen.

Detail: Delphin und Akanthusblätter im Zwickel zwischen Portalbogen und Medaillon, rechts der Mittelachse.

Der Preis für die Wiedererlangung des Herzogtums war aber hoch: Am 29.6.1534 wurde zwischen Kaiser Ferdinand I. und Herzog Ulrich der Vertrag von Kaaden geschlossen, in dem Herzog Ulrich der Besitz des Landes bestätigt wurde, wenn auch nur als österreichisches Afterlehen. Das bedeutet, daß Ulrich wieder Herzog war und Herr seines Landes, daß sein Land aber kein Reichslehen war, sondern ein Afterlehen aus österreichischer Hand, er also im Gegenzug Österreich gegenüber lehenspflichtig war. Ferdinand I. behielt den formellen Titel eines Herzogs von Württemberg. Das war ein ziemlicher Ansehensverlust für Ulrich, sozusagen eine Degradierung zu einem Fürsten zweiter Klasse. Außerdem wurde er dadurch erpreßbar, denn Ferdinand I. durfte laut Vertrag das Lehen jederzeit wieder einziehen, sollte Herzog Ulrich oder einer seiner Nachkommen jemals wieder gegen das Haus Habsburg agieren. Falls das Haus Württemberg aussterben sollte, wäre Habsburg außerdem mit dem Recht ausgestattet gewesen, die Neubesetzung des Herzogsstuhles selbst zu verfügen. Von der vorletzten Bestimmung machte der Kaiser Gebrauch, als Herzog Ulrich am Schmalkaldischen Krieg auf protestantischer Seite teilnahm. Erst 1552 konnte für Herzog Christoph eine Neuregelung getroffen werden. Die Befreiung vom österreichischen Joch gelang erst 1599, als Herzog Friedrich I. die Rückumwandlung des Afterlehens in ein Reichslehen erlangen konnte, also de facto erkaufte. Die Anwartschaft Habsburgs auf Württemberg im falle des Erlöschen des herzoglichen Hauses im Mannesstamm konnte jedoch nicht abgeschüttelt werden. Erst 1805 wurden die österreichischen Ansprüche im Frieden von Preßburg abgeschafft.

Spolie im Durchgang zu den Westbastionen

Wenn man den Innenhof von Hohentübingen durch einen engen Gang nach Westen verläßt, um zu den Westbastionen zu gelangen, passiert eine dort sekundär vermauerte barocke Steintafel, die ein Allianzwappen Württemberg/Oettingen trägt, wobei beide Schilde unter einem Herzogshut vereinigt sind. Zwei Lorbeerzweige mit Blättern und Früchten rahmen die zusammengestellten, in sich asymmetrischen Kartuschen ein. Diese Kombination paßt zu Eberhard III. Herzog von Württemberg-Stuttgart (16.12.1614-2.7.1674), Sohn von Johann Friedrich Herzog von Württemberg-Stuttgart (1582-18.7.1628) und Markgräfin Barbara Sophie von Brandenburg (26.11.1584-23.2.1636). Herzog Eberhard III. hatte zweimal geheiratet, in erster Ehe am 26.2.1637 in Straßburg Anna Katharina Wild- und Rheingräfin von Kyrburg (27.1.1614-27.6.1655) und nach deren Tod am 20.7.1656 in Ansbach Maria Dorothea Sophia von Oettingen-Oettingen (29.12.1639-29.6.1698), zu der der Wappenstein paßt. Sie war die Tochter von Joachim Ernst Graf von Oettingen-Oettingen (31.3.1612-8.8.1659) und Anna Dorothea von Hohenlohe-Neuenstein (26.1.1621-16.9.1643). Ihr Wappen zeigt vier Reihen von golden-rotem Eisenhutfeh, darüber ein blaues Schildchen (hier aus relieftechnischen Gründen vertieft dargestellt), über allem ein silberner Leistenschragen.

Herzog Eberhard III. von Württemberg-Stuttgart (16.12.1614-2.7.1674) mußte schon als 14jähriger Knabe im Jahre 1628 die Nachfolge seines Vaters antreten, zunächst noch unter Vormundschaft von Verwandten. Er begann seine Zeit als Herzog unter denkbar widrigen Umständen: Es tobte der Dreißigjährige Krieg im Land, und einer seiner Vormünder kämpfte auf schwedischer Seite. Dazu machte dem Herzogtum das 1629 von Kaiser Ferdinand erlassene Restitutionsedikt zu schaffen. Nach dem Passauer Vertrag waren 1552 etliche geistliche Güter säkularisiert worden, diese mußten jetzt alle zurückgegeben werden: Württemberg verlor etwa ein Drittel seines Territoriums. Das fachte die Konflikte zwischen den Konfessionen allgemein und insbesondere zwischen dem Kaiser und den evangelischen Fürsten und Ständen so richtig an. Im Frieden von 1648 wurde das Edikt aufgehoben; Bezugspunkt war der Konfessionsstand von 1624. 1633 wurde Eberhard III. für volljährig erklärt und übernahm die Regierung. Da Württemberg Mitglied des protestantischen Heilbronner Bundes war, wurde das Land nach der Niederlage vor Nördlingen 1634 von kaiserlichen Truppen geplündert und gebrandschatzt. Herzog Eberhard mußte sogar nach Straßburg ins Exil fliehen, und dort lernte er seine erste Frau kennen, die auch noch die Tochter eines Feldherrn in schwedischen Diensten war. Währenddessen verteilte der Kaiser großzügig territoriale Geschenke aus dem Württemberger Kuchen an seine Günstlinge und Anverwandten. Erst 1638 konnte Herzog Eberhard zurückkehren, und danach mußte er seine Territorien mit militärischer Gewalt und mit Verhandlungen auf dem Westfälischen Friedenskongreß zurückerkämpfen. Den Rest seiner Regierungszeit kümmerte er sich um die wirtschaftliche Wiederbelebung seines Landes. Herzog Eberhard III. wurde nach seinem Tod an einem Schlaganfall in der Stuttgarter Stiftskirche beigesetzt.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@48.5193383,9.0504916,18.75z - https://www.google.de/maps/@48.5193383,9.0504916,175m/data=!3m1!1e3
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Schloß Hohentübingen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Hohentübingen
Oberes Schloßtor auf Tüpedia:
https://www.tuepedia.de/wiki/Oberes_Schlosstor
Oberes Schloßtor vor der Erneuerung 1892:
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/4b/Sinner-T%C3%BCbingen-Schloss-Oberes_Portal_vor_1892.jpg
Alexandra Baier: Denkmalpflegerischer Werteplan Gesamtanlage Tübingen, vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart, 2016, S. 159-160
Udo Rauch: Der Tübinger Vertrag, in: 500 Jahre Tübinger Vertrag, ein Stadtrundgang zum Tübinger Vertrag von 1514, hrsg. vom Stadtmuseum und Stadtarchiv Tübingen, Tübingen 2014
Eckart Hannmann: Das Schloß in Tübingen, Sanierung des Süd- und Westflügels, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Nachrichtenblatt des Landesdenkmalamtes, 15. Jahrgang, Juli-September 1986, S. 93-101
Herzog Ulrich:
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Gabriele Haug-Moritz: Ulrich I., Herzog von Württemberg, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 26, Duncker & Humblot, Berlin 2016, ISBN 978-3-428-11207-4, S. 600-601
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Paul Friedrich von Stälin: Eberhard III., Herzog von Würtemberg, in: Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 5, Duncker & Humblot, Leipzig 1877, S. 559-561,
https://de.wikisource.org/wiki/ADB:Eberhard_III._(Herzog_von_W%C3%BCrttemberg-Teck)
Robert Uhland: Eberhard III., in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 4, Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. 236 f.,
https://www.deutsche-biographie.de/gnd101053800.html#ndbcontent, http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016320/images/index.html?seite=250
Unimuseum:
https://www.unimuseum.uni-tuebingen.de/de/sammlungen.html
Abguß-Sammlung:
https://www.unimuseum.uni-tuebingen.de/de/sammlungen/abguss-sammlung.html
Ägyptische Sammlung:
https://www.unimuseum.uni-tuebingen.de/de/sammlungen/aegyptische-sammlung.html
Altorientalische Sammlung:
https://www.unimuseum.uni-tuebingen.de/de/sammlungen/altorientalische-sammlung.html
Ethnologische Sammlung:
https://www.unimuseum.uni-tuebingen.de/de/sammlungen/ethnologische-sammlung.html
Schloßlabor:
https://www.unimuseum.uni-tuebingen.de/de/sammlungen/wiege-der-biochemie.html
Vertrag von Kaaden:
https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_Kaaden

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