Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2571
Tübingen

Das Untere Schloß-Portal (Friedrichstor)

Wenn man von der Stadt aus zum Schloß Hohentübingen hinaufsteigt, kommt nach der steilen Burgsteige an eine erste, weit vorgelagerte Verteidigungsbastion: Jenseits des 12 m breiten und 10 m tiefen Bärengrabens erhebt sich die beiderseits von einem kleinen viereckigen Ecktürmchen gekrönte Bastei. Der massive Wehrbau kontrastiert mit einem prächtigen Schmuckportal, das man über eine steinerne Brücke erreicht. Schon allein das Material sorgt für einen starken Kontrast: Die Bastei ist aus Kalktuffquadern gemauert, deren Oberfläche durch große Poren gekennzeichnet ist. Das Portal aber ist aus feinem Schilfsandstein gearbeitet, der sich hervorragend bearbeiten läßt und feinste Reliefs erlaubt. Das hat man auch nach Kräften genutzt, so daß sich die Ornamentik wimmelbildartig vor dem den Berg hinaufschnaufenden Besucher entfaltet: Man entdeckt mit jedem Moment des Verweilens neue Details. Der verwendete Kalktuff stammt aus den Brüchen bei Gönningen am Albtrauf; mit der Zeit hat er eine fast schwärzliche Farbe angenommen. Der Stuben- oder Schilfsandstein stammt aus dem Schönbuch. Einen Teil des Baumaterials beschaffte man aus dem Kloster Bebenhausen, dessen Klosterkirche man zu jener Zeit als Steinbruch nutzte.

Dieses manieristische Schloßportal ist eines der künstlerisch am meisten herausragenden Renaissance-Kunstwerke in Baden-Württemberg und eines der schönsten Portale in ganz Süddeutschland. Der Bauherr dieser ab 1603 geplanten und 1604-1608 errichteten Bastion war Herzog Friedrich I. von Württemberg. Es war eines seiner letzten Projekte, denn er starb im Jahr der Fertigstellung; er wurde nur 51 Jahre alt. Die Tübinger Bürger mußten dazu Frondienste leisten, was sie widerwillig taten. Der Baumeister dieses Portals ist nicht sicher bestimmt. Von Hans Braun sind Entwurfszeichnungen mit Vermessungen zur Bastei erhalten, die eingezeichneten Portale sind gestalterisch weit entfernt von dem Ergebnis. Hans Braun hat an den Festungsbauten mitgewirkt, doch die Portalgestaltung entspricht weder seinen Aufgaben noch seinen Fähigkeiten. Die eigentliche Gestaltung des Portals ist bei Hofbaumeister Heinrich Schickhardt zu suchen, der einer der bedeutendsten Baumeister seiner Zeit war und an allen wichtigen Bauprojekten Herzog Friedrichs beteiligt war. Deshalb ist anzunehmen, daß eine solche Repräsentationsarchitektur wie diese nicht ohne seine Beteiligung zustande kam. Virtuos werden hier militärische Zweckmäßigkeit und höchste Kunstfertigkeit miteinander kombiniert. Die Ausführung der Skulpturen und der Reliefs oblag dem Tübinger Bildhauer Christoph Jelin und seiner Werkstatt, dessen Arbeiten wir u. a. in der Grablege der Tübinger Stiftskirche bewundern können. Hier wie dort sehen wir eine unglaubliche Liebe zum Detail und einen minutiös ausgearbeiteten Formenreichtum. Aber nicht alle Figuren haben diese Qualität, so daß manche Teilarbeiten wohl von weniger versierten Mitgliedern der Werkstatt ausgeführt worden sind.

Das Portal und sein Schmuck bilden eine faszinierende Mischung aus antikisierenden, mittelalterlichen und neuzeitlichen Elementen. Die Portalblende ist dreiteilig, mit der großen Wagendurchfahrt in der Mitte und einer kleinen Fußgängerpforte im schmalen linken Seitenteil. das entsprechende rechte Seitenteil ist jedoch blind. Nicht nur vermauert, sondern dahinter war nie ein Durchgang geplant. Die drei Abschnitte werden jeweils flankiert und getrennt von insgesamt vier in der oberen Hälfte kannelierten und in der unteren Hälfte mit Beschlagwerk überzogenen Säulen auf hohen, reliefierten Postamenten. Damit wird einerseits die Grundstruktur römischer Triumphbögen aufgegriffen, andererseits wäre in der Antike eine so asymmetrische Gestaltung mit nur zwei echten Durchgängen undenkbar gewesen - hier bricht die Logik des Festungsbaus durch, nicht mehr Öffnungen als notwendig zu schaffen. Vielmehr ist diese Kombination von großer Durchfahrt für Wagen und Berittene und kleiner Schlupfpforte daneben für das Fußvolk der mittelalterlichen Architektur entlehnt, als es noch getrennte Zugbrücken für die verschieden großen Pforten gab.

 

Bei aller Begeisterung für die Schmuckformen wollen wir doch kurz bei den wehrtechnischen Details innehalten: Bis 1783 gab es hier tatsächlich noch keine Steinbrücke, sondern eine ca. 6 m breite Holzbrücke. Kurz vor dem Tor teilte sie sich in zwei parallele bewegliche Brückenteile von ca. 4 m Länge, der linke Teil ca. 1 m breit, der rechte ca. 3 m breit. Kleine viereckige Öffnungen für die Ketten belegen, daß hier wirklich einst Zugbrücken vorhanden waren. 1783 baute man die beweglichen Teile ab und ersetzte sie durch eine durchgehende feste Holzbrücke, die ihrerseits 1877 durch eine Eisenkonstruktion ersetzt wurde. Der Verteidigung des Tores dienten die beiden Ecktürmchen mit Schießscharten, zwei noch heute erkennbare Aussparungen für Fallgatter am Anfang und am Ende des Torweges und ein quadratisches Gußloch im gewölbten Torweg.

 

Zurück zum Portalschmuck: Frappierend ist die Kombination des Triumphbogenmotivs mit seinem Aufsatz: Im Paradigma römischer Triumpharchitektur bleibend, würde man einen flachen oberen Abschluß mit kräftigem Gebälk erwarten. Hier ist das ganz anders gelöst: Die ornamentale Blende ist von flach dreieckigem Umriß und läuft oben über einem riesigen zentralen Medaillon spitz zu, dazu ist der Formenschatz alles andere als römisch: Das ist eine Gestaltung, die ihre Wurzeln in der niederländischen Kunst um 1600 hat.

 

Der Figurenschmuck des Portals ist renaissance-typisch, in seiner Auswahl und Zusammenstellung programmatisch. Die Absicht dieses Portals, an dem der Besucher erstmals den eigentlichen Schloßbereich betritt, ist, ihn mit einem Programm zu empfangen, das einem politischen Manifest gleichkommt und zu einer Selbstdarstellung eines frühabsolutistischen Herrschers wird.

Mehrere antike Gottheiten werden am Portal dargestellt. Optisch rechts des großen Durchgangs wird Athena, die in Rüstungsteile und Helm gekleidete griechische Weisheits- und Kriegsgöttin (röm.: Minerva), auf der Frontfläche des Säulen-Postamentes dargestellt, sich auf einen Ovalschild mit Medusenhaupt stützend, neben ihr die Eule auf einem Quaderstein. Links gegenüber ist Nike zu finden, die griechische Siegesgöttin mit federgeschmücktem Helm, Bogen und Pfeil-Köcher, die Hand mit dem Lorbeerkranz erhoben. Die acht Seitenflächen der Postamente tragen Löwenmasken und groteske Gesichter. Die beiden verbliebenen Frontflächen der beiden äußeren Postamente tragen ebenfalls flächige Masken. Diese Reliefs auf den beiden inneren Postamenten waren in ihrem unteren Teil bereits stark beschädigt, deswegen wurden sie zur Renovierung entfernt (Photos zeigen Zustand Ostern 2009). Zwei weitere Götter sind in den Zwickeln der zentralen Durchfahrt zu sehen: Im linken Zwickel wird der griechische Meeresgott Poseidon (röm.: Neptun, Abb. oben) dargestellt, mit Dreizack und einem Hippocampos, einem Zugtier seines Streitwagens. Die ausgestreckte Linke hält einen Laubkranz. Im rechten Zwickel ist die griechische Jagdgöttin Artemis (röm.: Diana, Abb. unten) zu sehen, oben barbusig entblößt. Hinter ihrem Rücken kommt eine Jagd-Bracke hervor. In ihrer Linken hält sie einen Pfeil; die zum Portalscheitel hin ausgestreckte Rechte hält wie ihr Gegenüber einen Laubkranz. Das vordere Bein der Göttin ist ab dem Knie verlorengegangen.

Warum gerade diese Götter aus der Vielfalt des antiken Pantheons? Die Wahl der Götter läßt sich in Verbindung bringen mit wichtigen Ländereien und Städten des Herzogtums, als Personifikationen wichtiger Positionen des Landesherrn. Athena als Göttin der Weisheit könnte für die Universitätsstadt Tübingen stehen. Friedrich I. war ein eifriger Förderer von Wissenschaft und Kunst, beides Tugenden, für die Pallas Athene steht. Poseidon steht hier nicht für den Ozean, sondern für den Fluß Neckar. Die Göttin Artemis könnte für den Schönbuch stehen. Und Nike ist selbstverständlich als Göttin des Sieges immer auf der Seite des Herzogs. Und die Wahl antiker Götter zeigt zugleich die klassische und humanistische Bildung dieses Herrschers an.

Oberhalb des Haupttores ist noch einmal ein Gorgonenhaupt (Abb. oben) mit riesigen Hauern angebracht, das uns bereits auf dem Schild der Pallas Athene begegnet ist. In der antiken Mythologie lät diese Schreckgestalt mit Schlangenhaaren jeden zu Stein erstarren, der sie anblickt, und hier ist sie genau über dem Durchgang zur symbolischen Abwehr angebracht. Es gab drei Gorgonen, Stheno, Euryale und Medusa, wobei nur letztere sterblich war und von Perseus getötet wurde, der das Haupt der Athena brachte. Die apotropäische, schützende Wirkung nutzt man hier symbolisch über der gefährdetsten Stelle der Bastei. Komischerweise wird diese garstige Wirkung dadurch relativiert, daß unter dem Unterkiefer Früchte die letzten freien Flächen füllen. Das Gorgonenhaupt, die Ritterbüsten (s. u.), die furchterregende Fratzen - alles zusammen erschafft ein im Mittelalter verwurzeltes Abwehrprogramm.

Rechts und links des Gorgonenhauptes sieht sich ein Fries über das Gebälk, dessen Relief eine bunte Mischung aus römischem und zeitgenössischem Kriegsgerät zeigt (zwei Abb. oben): Ein römischer Helm wird mit einer Kanone und einer Trommel kombiniert, ein Krummsäbel und ein Rapier neben einen antiken Brustpanzer gestellt, Fahne, Hellebarde, Feldtrompete, ein Morgenstern mit Schlagkugeln etc. ergänzen das Arrangement über dem Haupttor. Der linke Abschnitt oberhalb der Fußgängerpforte zeigt eine weitere Kanone mit Kugeln und eine Armbrust, darüber am Fries ein geflügelter Engelskopf. Der rechte Abschnitt über dem Blendmauerwerk zeigt eine weitere Kanone mit Kugeln und Pulverfaß sowie einen großen Renaissance-Bidenhänder mit zwei verschieden langen, gebogenen Parierstangen und sehr langem Griff. Auch hier ist der geflügelte Engelskopf darüber am Gesims angebracht. Der Trophäenfries als Ganzes antizipiert einen imaginären Sieg über Feinde und stellt die Wehrhaftigkeit des Landesherrn zur Schau.

 

Die am meisten ins Auge fallenden Figuren sind die beiden über den äußeren Säulen stehenden, welche den seitlichen Abschluß des Schmucks oberhalb des Triumphbogen-Gesimses bilden. Aufgrund ihrer Größe und ihrer exponierten Stellung bilden sie den gestalterischen Höhepunkt. Sie stellen zwei Landsknechte in zeittypischer Tracht dar. Die beiden Figuren wirken unglaublich lebensnah und erzeugen durch ihre Stellung eine künstlerisch neue Spannung und Dynamik in der Komposition, die weit über ihren Aufstellungsort hinausreicht. Der linke Landsknecht (beide Abb. oben) steht leicht gebogen und hat eine Handfeuerwaffe auf eine metallene Gabel gelegt, die er mit seiner Linken hält. An der Seite hängt eine trapezförmige Pulverflasche. Auf dem Kopf trägt er einen federgeschmückten Hut. Um die Hüfte hat er einen Degen gebunden, dessen Klinge links hinter dem Knie hervorkommt. Die Feuerwaffe zielt klar auf denjenigen, der sich auf der Brücke dem Tor nähert. Wegen der herausgehobenen Stellung und der Große wurde die Figur künstlerisch bis ins Feinste detailliert ausgearbeitet. Allein der Mechanismus der Feuerwaffe ist sehenswert, jedes kleinste Teil der Mechanik ist im weichen Schilfsandstein modelliert. Auch die Kleidung ist extrem detailliert gearbeitet, bis auf das rautenförmige Steppmuster der Kniehose. Kniebänder, Schnürsenkel - alles ist ausgearbeitet. Das Gesicht wirkt natürlich und individuell.

 

Künstlerisch weisen die dynamische Positionierung und die Benutzung der Figuren zur Erzeugung von Spannungsbögen über das Gesamtobjekt bereits in die kunstgeschichtliche Zukunft. Noch ist die Komposition in sich geschlossen, noch ist die Dynamik nach innen gerichtet, aber es zeichnet sich bereits der Weg in die spätere theatralische Inszenierung von Skulpturen ab. Der andere Landsknecht auf der rechten Seite (beide Abb. oben) steht aufrecht und hat ein Zweihänderschwert zum Schlag erhoben, bereit, einen sofortigen wuchtigen Hieb gegen jeden unerwünschten Eindringling zu führen. Zusätzlich hat er noch einen Degen an der Seite. Auch diese Figur besticht durch die Feinheit der Ausarbeitung, wie man an der Kleidung, dem Ornament auf der Brustpanzer oder an der gefältelten Halskrause sieht. Das sicher einmal genauso fein und individuelle ausgearbeitete Gesicht ist durch Witterung und Abgase bereits stark geschädigt und hat Substanz eingebüßt. Die extrem herausgehobene Stellung der beiden Landsknechte spiegelt das Bemühen Friedrichs um die Schaffung eines stehenden Berufsheeres wider, gegen den Widerstand der Landstände. Die Landsknechte so stark und beherrschend in Szene zu setzen, entbehrt nicht eines gewissen Trotzes: "Genau das halte ich für richtig." Weiterhin gehören die Landsknechte mit ihrer bedrohlichen Haltung gegenüber dem Ankommenden zum Programm der Darstellung militärischer Stärke, wozu auch bewaffnete Götter und Waffendarstellungen gerechnet werden können. Immerhin war Hohentübingen neben dem Hohentwiel und dem Hohenneuffen eine der stärksten Festungen des Landes.

Der im Umriß dreieckige Hauptteil, der eigentliche Aufsatz zwischen den beiden Landsknechten, ist eine extrem verwirrende Komposition aus Ornamenten (Abb. oben). Über dem Gebälk des Triumphbogens kommt zunächst eine geometrisch verzierte Reihe von sich abwechselnden horizontalen Diamantbossen und vertikalen Ovalformen. Darüber folgt eine Reihe mit verflochtenem geometrischem Beschlagwerk, das sich immer wieder überkreuzt und durchdringt.

Damit kommen wir zum zentralen Medaillon (Abb. oben) mit dem Wappen von Herzog Friedrich I. von Württemberg: Der Wappenschild (Abb. unten) ist geviert, Feld 1: Herzogtum Württemberg, in Gold drei schwarze Hirschstangen übereinander, Feld 2: Herzogtum Teck, schwarz-golden schräggeweckt (schräggerautet), Feld 3: Reichssturmfahne via Markgröningen, in Blau eine goldene Fahne mit Schwenkel, belegt mit einem schwarzen Adler, Feld 4: Grafschaft Mömpelgard, in Rot zwei aufrechte, abgekehrte goldene Barben (Fische).

Dazu werden drei Kleinode geführt (Abb. unten): Helm 1 (Mitte): Grafschaft Mömpelgard, auf gekröntem Helm mit rot-goldenen Decken das Fischweiblein (wachsende Frau mit den Barben anstelle der Arme) mit rotem Kleid und goldenem Gürtel, Helm 2 (rechts): Herzogtum Württemberg, auf dem Helm mit rot-goldenen Decken ein rotes Jagdhorn (Hifthorn) mit goldenem Band und goldenen Beschlägen, mit drei Straußenfedern (blau-silbern-rot) im Mundloch, Helm 3 (links): Herzogtum Teck, auf dem ungekrönten Helm mit schwarz-goldenen Decken wachsend ein schwarz-golden schräggeweckter Brackenkopf mit rot ausgeschlagener Zunge. Damit hat dieses Wappen eine Form, welche 1593-1707 verwendet wurde.

Um das Wappen herum sind zwei Ordenszeichen gelegt: Beide sind vergleichsweise groß dargestellt, indem sie nicht nur um den Schild gelegt sind, sondern um das ganze Vollwappen herum. Vermutlich war der Herzog besonders stolz daraus, daß er sie so groß, detailliert und ins Auge springend anbringen ließ, so daß sie quasi das Rund des Medaillons formen, das die Wappendarstellung wie ein kreisrunder Rahmen umgibt.

Das innere Ordenszeichen ist der englische Hosenbandorden (Order of the Garter). Das Ordensband, eigentlich ein Strumpfband, ist wie ein Gürtel geformt mit Schnalle unten und einmal um die feste Part herumgeführter und nach unten abhängender loser Part. Das Band trägt die Devise "HON(I) SOIT QVI MAL Y PENSE", ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Seltsamerweise fehlt bei der Schrift der Buchstabe "i" von "Honi". Die Aufnahme erfolgte 1597, überreicht wurde der Orden aber erst 1603. Für Queen Elisabeth I. war Friedrich ein möglicher Verbündeter gegen habsburgische Interessen und ein möglicher Beschützer der englischen Fernhandelskaufleute im Reich. Bereits 1592 machte sie Friedrich, damals noch allein Graf von Mömpelgard und auf Tour u. a. durch Oxford und Cambridge, während einer persönlichen Audienz mehr vage als halbherzige Aussichten auf eine Mitgliedschaft. Als er die Herrschaft im Herzogtum übernommen hatte, ließ er Queen Elisabeth an ihre Zusagen erinnern, vergeblich, sie wußte genau, daß sie nichts Konkretes versprochen hatte. Dazu gab es noch einen handfesten Skandal, weil ein Betrüger als selbsternannter Interessensvertreter in London herumgetrieben hatte und Friedrich gehörig das Terrain verdorben hatte. Vorgeblich im Auftrag des Herzogs verhandelte er über den Hosenbandorden, "lieh" sich nach seinem Auffliegen Pferde auf Nimmerwiedersehen und prellte noch ein paar Wirte um die Zeche - und jedesmal war der Name des Herzogs genannt worden - ein Alptraum für den Herzog und den echten herzoglichen Emissär, Hans Jakob Brauningen, der vor Ort "aufräumen" mußte. Friedrich hatte sich auch noch vorzeitig in der Ordenstracht abbilden lassen, so sehr begehrte er die Mitgliedschaft, Grund für Spott seiner Fürstenkollegen. Nun mußte er noch ein paar Jahre warten, bis ihm diese Ehre zuteil wurde.

Erst 1597 wurde Herzog Friedrich in den Orden aufgenommen. Es war aber auch danach gar nicht so einfach, den Herzog auch wirklich aufzunehmen. Ein halbes Jahr nach Elisabeths Tod sandte King James I. eine Nachricht an Friedrich, daß er Sir Robert Spencer als Gesandten mit den Insignien der Ordensmitgliedschaft schicken würde. Im November 1603 traf diese Gesandtschaft in Begleitung des Ordens-Herolds, Sir William Dethick, in Stuttgart ein. Am 6.11.1603 wurde Friedrich dann in seiner Residenzstadt Stuttgart feierlich eingekleidet. Vom Künstler Franz Hogenberg gibt es Kupferstiche, welche die Verleihung dieses Ordens und den begleitenden Festakt darstellen. Die aus diesem Anlaß gegebenen Festlichkeiten kosteten ca. 60000 fl., ein Viertel des gesamten Landeshaushaltes. 6000 Ochsen und 140000 Liter Wein wurden dabei verbraucht - aber man wird ja schließlich nur einmal in den Hosenbandorden aufgenommen. Die Landschaft, die Vertretung der Städte und der höheren Stände, durfte den Betrag vorstrecken. Zu den Schätzen des Herzogs, heute im Hauptstaatsarchiv Stuttgart aufbewahrt, gehört das ihm überreichte Statutenbuch, in dem auf der Eingangsseite übereinander die Wappen von King James I. und des Herzogs abgebildet sind, beide mit dem blauen Ordensband. Dort umschlingt das Ordensband aber nur den Schild (wie üblich), nicht auch die drei Kleinode wie hier am Portal, wo die Mitgliedschaft im persönlichen Bedeutungsmaßstab herausgestellt wird. Weiterhin bekam Friedrich ein Buch mit den Wappen aller gegenwärtigen Ordensmitglieder. In der Ordenskapelle in Windsor Castle und in der Royal Chapel von London war Friedrichs Platz ("stall") von dem des Königs nur durch den des dänischen Königs getrennt. Die Zusammenarbeit der Herrscher konnte aber aufgrund des Todes des Herzogs 1608 nicht vertieft werden.

Das äußere Ordenszeichen ist die Kette des französischen St. Michaels-Ordens. Die goldene Ordenskette des Ordre de Saint-Michel besteht aus mit Knotenschnüren (Zweifelsknoten) verbundenen Jakobsmuscheln, das Medaillon zeigt den Hl. Michael als Drachenbezwinger mit der Umschrift: Immensi tremor oceani (der Furchterreger des unermeßlichen Ozeans). Der Orden wurde am 1.8.1469 in Amboise von König Louis XI. gegründet und ist damit der älteste der großen französischen Ritterorden. Er war als Konkurrenz zum Orden vom Goldenen Vlies gedacht und unterstand der Leitung durch den König, wodurch die auf ihn vereidigten Angehörigen des Hochadels besonders an das Königshaus gebunden wurden. Die Idee war eine Stärkung der Zentralmacht und des Königshauses und eine Schwächung des Hochadels. Er ist Anfangs waren es nur 31, dann 36 Ritter aus den allerersten Familien: Die Herzöge von Berry, Anjou, Bourbon und Orléans waren ebenso Mitglieder wie Angehörige der Häuser Luxembourg, Laval, La Trémoille, Chabannes, Crussol, Rohan, Dunois, Melun und Artois. Dann folgten erste ausländische Mitglieder, ein König von Dänemark und ein König von Schottland, dann kamen Angehörige der Häuser Stuart und Savoyen hinzu und der Botschafter Venedigs, Luca Spinola. Im Jahre 1565 wurde das Limit auf 50 angehoben. Später, insbesondere unter Charles IX., wurde der Orden großzügiger vergeben. 1578 hob man das Limit auf 100 an. Das ist das offizielle Limit - tatsächlich war die Mitgliederzahl weit höher. Als Henry III. 1574 die Regierung antrat, sollen es ca. 700 Ritter gewesen sein. Das führte zu einem Ansehensverlust, so sehr, daß man den Orden zeitweise " le collier à tous les bêtes" nannte, Jedermannsordenskette. Henri steuerte dem entgegen, indem er den exklusiveren Orden vom heiligen Geiste gründete. Wer dort Mitglied war, war auch automatisch Mitglied im Ordre de Saint-Michel. Louis XIV. erneuerte den Orden und legte die maximale Anzahl der Ordensträger wieder auf 100 fest. In der französischen Revolution ging der Orden unter, wurde aber von Louis XVIII. im Jahre 1816 noch einmal neu aufgelegt, er bestand aber nur bis 1831, denn Louis Philippe hob ihn wieder auf.

Herzog Friedrich I. von Württemberg wurde 1596 unter König Henri IV. le Bon in den Ordre de Saint Michel aufgenommen. Herzog Friedrich I. hatte als Sproß der Linie zu Mömpelgard und als Graf von Mömpelgard (Montbéliard) eine besondere Nähe zu Frankreich. Zur Abrundung der linksrheinischen Gebiete erwarb er noch die Herrschaft Franquemont. Der eigentliche Deal zwischen dem Herzog und dem König aber war folgender: Friedrich unterstützte Henri finanziell und bekam zum Dank für größere gemeinsame Finanzgeschäfte das 1549 an die französische Krone zurückgefalle Herzogtum Alençon in der Normandie pfandweise überlassen. König Henri war auch jemand, mit dem man als überzeugter Protestant gut zusammenarbeiten konnte: Er war es, der den Hugenotten im Toleranzedikt von Nantes Religionsfreiheit gewährt hatte - und Friedrich hatte zuvor vielen Hugenotten Zuflucht gewährt. Was beide Herrscher einte, war das Denken in europäischen Dimensionen, die Weite ihres politischen Horizontes. Unter der Regierung von Herzog Friedrich erreichte das Herzogtum Württemberg seine größte territoriale Ausdehnung. Ihm gelang es, die Lehensabhängigkeit von den Habsburgern loszuwerden und die Herrschaft auf eine unabhängige Reichsbasis zu stellen. Im Prager Vertrag wurde festgelegt, daß das Afterlehen in eine Anwartschaft im Falle des Aussterbens umgewandelt wurde, was freilich 400000 fl. kostete. Zu dieser Abschüttelung des österreichischen Jochs paßt die Annahme der jeweiligen Orden der beiden wichtigsten antihabsburgischen Höfe. Henri im Gegenzug hatte als Ziel die Großmachtstellung Frankreichs innerhalb Europas. Zudem waren beide Herrscher vereint in der frühabsolutistischen Interpretation ihrer souveränen Macht.

Friedrich I. Herzog von Württemberg war damit "Ritter beider Orden", also ein Fürst von nachweislich internationalem Renommée, und er war äußerst stolz darauf, weil sie seine Wertschätzung durch die entsprechenden Königshäuser illustrierten. Die Orden, um deren Erlangung er sich sehr bemüht hatte, wurden in großen Festumzügen dem Volke präsentiert. Hier illustrieren sie seine großartigen internationalen Beziehungen, seine Anerkennung durch die ausländischen Könige, sein Ansehen, seine Bedeutung und seine Ebenbürtigkeit mit den anderen Mitgliedern dieser exklusiven Zirkel.

Über dem Wappen-Medaillon sind zwei Liegefiguren zu sehen, das sind Herakles (röm.: Hercules, Abb. oben) und Aphrodite (röm.: Venus, Abb. unten). Ersterer könnte aufgrund seiner legendären Kräfte und als Held der Tugend das Selbstverständnis des Landesherrn untermauern, letztere für eine blühende Herrscherfamilie mit geliebten Frauen und Nachwuchs stehen: "Wir sind tugendhaft und stark und haben eine blühenden Familie". Beide zusammen könnte man auch als ideales Herrscherpaar idealisieren, links der edle Herrscher, rechts die Liebesgöttin für ein blühendes Haus.

Das Paar wird flankiert von zwei auf den Schneckenornamenten positionierten Ritterbüsten, die so gar nicht zu ersteren passen, sowohl thematisch nicht als auch künstlerisch, denn sie wirken vergleichsweise grobschlächtig im Vergleich zu den elegant gelagerten Figuren der Göttin und des Halbgottes. Sie sind zwar zeitgleich, aber offensichtlich von unterschiedlichen Handwerkern ausgeführt worden. Die unglaubliche Fülle der Fruchtbündel im Aufsatz ist nach antiker Manier ein Symbol für Wohlstand und Überfluß und steht programmatisch für ein unter der Herrschaft des Landesherrn prosperierendes Land.

Wie paßt das alles zusammen? Wir sehen keinerlei Portrait des Landesherrn, nur sein Wappen. Wir haben keine Inschrift, die ihn nennt, kein Baujahr, das eine eindeutige Zuordnung erlaubt. Rein theoretisch ist der Landesherr nicht präsent. Und doch ist seine Gegenwart mittelbar übermächtig: Wir sehen sein Selbstverständnis, die Inszenierung seiner politischen Werte, die Spiegelung seines Selbstverständnisses in der Wahl des Figurenprogramms. Denn aufgrund der beiden Ordensbänder ist die Zuordnung des Wappens auch ohne Namensnennung eindeutig. Die internationale Bedeutung streicht ihn so heraus, daß er auch ohne Namensnennung präsent wird. Für diese damit eindeutig bestimmte Person des Herrschers zitiert man das antike Triumphbogenmotiv (Abb. oben), und in den Reliefs strecken drei antike Götter dem Triumphator Lorbeerkränze entgegen (Abb. unten): Friedrich I. schafft dadurch eine Szene, die ihn einem römischen Kaiser gleich einlädt, als Triumphator in sein Schloß einzureiten. Damit hat sich Friedrich I. mit dieser Portalblende ein ihn selbst überhöhendes Ehrenmal geschaffen.

 

Trotz einiger Restaurierungsarbeiten im 19. Jh. ist der Skulpturenbestand noch weitgehend bauzeitlich und original. Leider ist dieses Kunstwerk durch Witterungseinflüsse stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Der weiche Schilfsandstein ist besonders empfindlich gegen Schadstoffe und vor allem gegen ohne Gedanken über die Folgen verteiltes Streusalz. Der Sockelbereich ist praktisch komplett vom Streusalz zerfressen. Auch in den Bereichen darüber gibt es starke Schäden: Einige Oberflächen waren im ersten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende schon durch Abplatzungen bleibend geschädigt, und bei einigen Partien war es zu massiven Substanzverlusten gekommen, weil die Konservierung aus Geldmangel immer wieder aufgeschoben wurde. Dann steht eben Neuanfertigung auf dem Plan, wenn man zu lange wartet. Die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 2009, und wie sie zeigen, hat man bereits die beiden inneren Postamente mit den antiken Göttinnen herausgenommen und provisorisch durch Holzstützen ersetzt, der Anfang der Restaurierung an der schlimmsten Stelle, wieder einmal. Im Jahre 2010 sind die Sockel in Form einer Replik wieder eingesetzt worden.

 

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@48.519584,9.0520009,18.73z - https://www.google.de/maps/@48.5195794,9.0519155,47m/data=!3m1!1e3
Michael Weiß: Das Tübinger Schloß - von der Kriegsfeste zum Kulturbau, Verlag Schwäbisches Tagblatt, Tübingen 1996, ISBN 3-928011-20-0, insbesondere S. 18-24
Heike Frommer: Ein politisches Manifest - das Untere Tübinger Schloßportal, in: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Nachrichtenblatt des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, 1/2004, 33. Jahrgang, S. 30-35
https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/nbdpfbw/article/download/12958/6787
Heike Frommer: Das Untere Schloßportal in Tübingen, Magisterarbeit, Universität Tübingen 1999
Friedrich I. von Württemberg:
https://www.landesarchiv-bw.de/web/42049
Friedrich I. von Württemberg:
https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_I._(Württemberg)
Wolfgang Willig, Landadel-Schlösser in Baden-Württemberg, eine kulturhistorische Spurensuche, 1. Auflage 2010, ISBN 978-3-9813887-0-1, S. 525-526
Unteres Schloßtor auf Tüpedia:
https://www.tuepedia.de/wiki/Unteres_Schlosstor
Schloß Hohentübingen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Hohentübingen
Werner Fleischhauer: Renaissance im Herzogtum Württemberg, Kohlhammer, Stuttgart 1971, 484 S.
Wilfied Setzler: Das Tübinger Schloßportal - ein Meisterwerk der Renaissancezeit, in: Schwäbische Heimat, 47, 3, 1996, S. 238 ff.
Sönke Lorenz (Hrsg.): Heinrich Schickhardt - Baumeister der Renaissance, Leinfelden-Echterdingen 1999
Ordre de Saint-Michel:
https://fr.wikipedia.org/wiki/Ordre_de_Saint-Michel - https://de.wikipedia.org/wiki/Ordre_de_Saint-Michel
Jean Pierre Collignon: Ordres de Chévalerie - Décorations et Médailles de France, La Mothe - Achard, 2004, S. 26
Fürst ohne Grenzen: Herzog Friedrich I. von Württemberg (+ 1608), Ausstellung im Hauptstaatsarchiv Stuttgart
https://www.landesarchiv-bw.de/web/42049 - https://www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/49748/Folderfranz%F6sisch.29467.pdf
Meinrad Schaab (Hrsg.) und Hansmartin Schwarzmaier (Hrsg.): Handbuch der Baden-Württembergischen Geschichte, Band 2: Die Territorien im Alten Reich, hrsg. von der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Klett-Cotta, Stuttgart 1995, ISBN 3-608-91466-8, S. 121-123
Dirk H. Breiding: A Knife with the Arms and Orders of Duke Friedrich I of Württemberg, in: The Armorer's Art - Essays in Honor of Stuart Pyhrr, 2014, S. 133-142
http://www.academia.edu/12800263/A_Knife_with_the_Arms_and_Orders_of_Duke_Friedrich_I_of_Württemberg
Ritter des Hosenbandordens:
https://heraldik-wiki.de/wiki/Liste_der_Ritter_des_Hosenbandordens
Heinrich Schickhardt auf Tüpedia:
https://www.tuepedia.de/wiki/Heinrich_Schickhardt

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