Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 3025
Geisenheim (Rheingau-Taunus-Kreis)

Pfarrkirche Heilig Kreuz ("Rheingauer Dom"): Kanzel

An einem der nördlichen Langhauspfeiler ist die Kanzel im Stil des Rokoko angebaut, mit an der rechten, dem Hochaltar zugewandten Seite hochführenden Treppe. Der weit ausladende Schalldeckel, auf dem zwei geflügelte Putten ins Auditorium herabblicken, nutzt die Verbreiterung der verfügbaren Fläche durch die das Seitenschiff abgrenzenden und die Empore tragenden Langhausarkaden. Der Schalldeckel trägt unten drunter in einer eingetieften Fläche die Taube des Heiligen Geistes auf einem Strahlenkranz. Die Flächen des Kanzelkorbes und der Treppe tragen elegante schmale Innenborde mit Rocaille-Ornamenten an den Ecken und in der Mitte der Horizontalen. Diese Kanzel wurde 1752 gestiftet.

 

Auf der Vorderfläche sind zwei Rokoko-Kartuschen als Ehewappen unter einer gemeinsam genutzten Krone vereint. Das heraldisch rechte Teilwappen steht für die Grafen von Ingelheim, geviert, Feld 1 und 4: in Schwarz ein rot-golden geschachtes Kreuz, von Ingelheim, Feld 2 und 3: in Blau ein silberner Schrägbalken, belegt mit drei blauen Ringen, Echter von Mespelbrunn. Das linke Wappen für die Ehefrau steht für die Kämmerer von Worms gen. von Dalberg, geviert, Feld 1 und 4: unter einem mit drei Spitzen abgeteilten goldenen Schildhaupt in Blau 6 (3:2:1) silberne Lilien, Kämmerer von Worms, Feld 2 und 3: in Gold ein schwarzes Ankerkreuz, von Dalberg. Hier werden keine heraldischen Farben verwendet, sondern das weiß-goldene Farbschema der ganzen Kanzel wurde übernommen. Es gibt noch ein weiteres heraldisches Element an dieser Kanzel, denn der Schalldeckel trägt oben drauf eine Krone, aus der das rot-golden geschachte Ingelheim-Kreuz herausragt.

In der Geschichte der Grafen von Ingelheim ist diese Wappenkombination genau dreimal möglich. Die erste Ehe zwischen den beiden Familien ist die zwischen Franz Adolph Dietrich Graf von Ingelheim gen. Echter von und zu Mespelbrunn (25.12.1659-15.9.1742), Vicedom im Rheingau, kaiserlicher wirklicher Geheimrat, Kammergerichtspräsident zu Wetzlar, der 1698 die Namen- und Wappenvereinigung mit den Echter von und zu Mespelbrunn vornahm und der 1737 Reichsgraf wurde, denn dieser war vermählt mit Maria Ursula Kämmerer von Worms genannt von Dalberg (-30.1.1730). Er war der Sohn von Philipp Ludwig Freiherr von Ingelheim (19.2.1627-1687), kurmainzischer geheimer Rat, Oberamtmann zu Miltenberg, kurmainzischer Oberstleutnant, und dessen Frau, Maria Ottilia Echter von Mespelbrunn (1648-6.8.1701), worauf sich der Anspruch der von Ingelheim auf das Erbe der Echter von Mespelbrunn gründete. Die Kanzel ist aber erst 1752 entstanden, deshalb ist es nicht dieses Paar, und es steht deshalb auch nicht für Johann Philipp Freiherr von Ingelheim gen. Echter von Mespelbrunn, der Eva Josepha Sophia Maria Augustina Franziska Kämmerer von Worms gen. von Dalberg (-1713) geheiratet hatte, auch diese Ehepartner lebten früher.

Diese Stiftung der Kanzel erfolgte vielmehr durch das dritte mögliche Paar, durch Johann Philipp Graf von Ingelheim gen. Echter von und zu Mespelbrunn (2.11.1698-14.3.1784), kaiserlicher und kurmainzischer Geheimrat, Obristhofmeister, und seine Frau, Maria Clara Philippina Kämmerer von Worms gen. von Dalberg (15.8.1707-27.3.1774). Ersterer war der Sohn des erstgenannten Paares, und letztere war die Tochter von Johann Friedrich Eckbert Kämmerer von Worms Freiherr von Dalberg (4.8.1658-11.2.1719) und Elisabetha Susanna Theresia Lukretia Freiin Kottwitz von Aulenbach. Ein gleichlautendes Ehewappen für das oben genannte Ehepaar ist an Schloß Mespelbrunn jeweils über dem äußeren Hauptportal und am Seitenflügel zu finden.

Ein paar Querverbindungen sollten aber noch erwähnt werden: 1.) Die Ehefrau des Kanzel-Wappens war die Nichte ihrer Schwiegermutter, denn ihr Vater Johann Friedrich Eckbert Kämmerer von Worms Freiherr von Dalberg war der Bruder von Maria Ursula Kämmerer von Worms genannt von Dalberg (-30.1.1730), der Mutter des Ehemannes von der Kanzel. 2.) Die Großmutter der Ehefrau des Kanzel-Wappens, Maria Klara von Schönborn (26.9.1647-1716), war die Tochter von Philipp Erwein Freiherr von Schönborn (1607-4.11.1668), dessen Epitaph rechts im Chor dieser Kirche steht. 3.) Die Ehepartner, die diese Kanzel stifteten, waren die Großeltern von Friedrich Carl Joseph Graf von Ingelheim gen. Echter von und zu Mespelbrunn (9.4.1777-17.10.1847), dessen Wappen sich am rechten Seitenaltar dieser Kirche (Dreikönigsaltar) befindet.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@49.9827454,7.9674183,20.46z - https://www.google.de/maps/@49.9827454,7.9674183,81m/data=!3m1!1e3
Kirchenwebseite:
https://heilig-kreuz-rheingau.de/
Manfred Laufs, Elisabeth Will-Kihm: Der Rheingauer Dom Geisenheim, Kirchenführer, hrsg. von dem kath. Pfarramt Hl. Kreuz Geisenheim, Geisenheim 2008
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Familie Kämmerer von Worms:
https://de.wikipedia.org/wiki/Dalberg_(Adelsgeschlecht) - https://de.wikipedia.org/wiki/Kämmerer_von_Worms
Familie von Ingelheim:
https://de.wikipedia.org/wiki/Ingelheim_(Adelsgeschlecht)
Verwendung der Innenaufnahmen mit
freundlicher Erlaubnis von Frau Ursula Semmler, Verwaltungsleitung, vom 1.9.2022, wofür ihr an dieser Stelle herzlich gedankt sei.

Rheingauer Dom: Philipp Erwein von Schönborn und Maria Ursula von Greiffenclau-Vollraths - Rheingauer Dom: Sittich Herbold Graf von Berlepsch - Rheingauer Dom: Johann Franz Heinrich Carl Sebastian Graf von Ostein - Rheingauer Dom: Friedrich von Stockheim und Irmel von Carben - Rheingauer Dom: Schlußsteine im Chorgewölbe - Rheingauer Dom: Dreikönigsaltar - Rheingauer Dom: Wilhelm von Scharfenstein - Rheingauer Dom: Wappen der ehemaligen Landwehr

Ortsregister - Namensregister - Regional-Index
Zurück zur Übersicht Heraldik

Home

© Copyright bzw. Urheberrecht an Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2022
Impressum