Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 981
Bamberg (Oberfranken)

Unterer Kaulberg 30 (Waisenhaus)

Bei diesem Anwesen am Unteren Kaulberg 30, gegenüber dem Schulplätzchen gelegen, das aktuell als Jugendgästehaus mit 108 Betten in 31 Zimmern, Speisesaal, Aufenthaltsraum, Seminarraum und Freizeitraum genutzt wird, handelt es sich um das ehemalige fürstbischöfliche Waisenhaus ("Orphanotrophium" , wörtlich die Einrichtung zur Ernährung der Verwaisten) zur hl. Magdalena (Seelhaus). Ein erstes Waisenhaus wurde an dieser Stelle am 30.4.1588 von Fürstbischof Ernst von Mengersdorf begründet. Er verwendete für seine Gründung das alte, bereits 1435 erwähnte Seelhaus auf dem Kaulberg, das bis dahin der Versorgung bedürftiger Pilger diente. 1671 ließ der Fürstbischof Philipp Valentin Voit von Rieneck den Bau auf den Fundamenten von vier älteren Häusern neu errichten, weil das alte Waisenhaus dem Einsturz nahe war und 1624 bereits ein Nachbargebäude eingestürzt war und das Waisenhaus baulich in Mitleidenschaft gezogen hatte. Die Magdalena kommt daher, daß die Institution beim Neubau mit der Magdalenenkapelle vereinigt wurde.

Als fürstbischöfliche Stiftung und wegen der Lage in der Kaulberg-Immunität lag die Aufsicht über die wirtschaftliche Führung des Waisenhauses beim fürstbischöflichen Vikariat. Ursprünglich war die Institution nur für Waisenknaben konzipiert. Die Voll- oder Halbwaisen (Vollwaise = "Erster Klasse", bevorzugt) mußten außer ihrer Bedürftigkeit zudem drei Bedingungen erfüllen, erstens mußten sie aus dem Stadtgebiet von Bamberg stammen, ihre Eltern mußten also Bamberger Bürger gewesen sein, zweitens mußten sie ehelich geboren sein; beides mußte durch Vorlage des Taufscheins bei der geistlichen Regierung nachgewiesen werden. Und die dritte Bedingung war natürlich katholische Konfession oder andernfalls Konvertierung. Da die Hauptabsicht des Waisenhauses war, die Kinder von der Straße zu holen, vom Betteln abzuhalten, ihnen Schulbildung und Berufsausbildung bzw. Lehrstellen zu vermitteln und zu selbständigen Mitbürgern heranzuziehen, die ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können, wurden behinderte und chronisch kranke Kinder, also solche mit dauerhaftem Versorgungsbedarf auch als Erwachsene, in der Regel nicht aufgenommen. Denn solche Kinder erforderten einen höheren Betreuungsaufwand, waren schwer vermittelbar und waren außerdem nicht in der Lage, die notwendigen täglichen Arbeiten im Haus mit zu erledigen, wie es die Pflicht für alle Kinder vorsah. Die Waisen leisteten zudem an Sonn- und Feiertagen Ministrantendienst in den umliegenden Kirchen.

Der breitgelagerte Bau ist zweigeschossig und besitzt genutete Lisenen an den Seiten und ein Rundbogenportal mit radial geschnittener kräftiger Rustika als Einfassung, auf dem Schlußstein befindet sich eine groteske Maske; über dem Schlußstein ist auf einem antikisierenden Sockel ein Kugelornament angebracht. Das Satteldach hat eine durchgehende Traufe zur Straße hin.

Im ersten Obergeschoß ist ein großer barocker Wappenstein zwischen dem zweiten und dem dritten Fenster von rechts angebracht. Der Knorpelstil verweist auf den Bildhauer Samuel Koch als mutmaßlichen Künstler. Die Inschrift im unteren Teil des Steines lautet: "EXSTRVXIT / ORPHANOTROPHIVM HOC S(ANCTAE) MAGDALENAE / SACRVM / R(EVERENDISSI)MVS ET ILL(VSTRISSI)MVS S(ACRI) R(OMANI) I(MPERII) PRINCEPS / D(OMINVS) D(OMINVS) PHILIPPVS VALENTINVS EP(ISCOPVS) BAMB(ERGENSIS) / AERE PROPRIO / ANNO MDCLXXI". Es wird betont, daß der hochwürdigste und durchlauchtigste Fürst des Heiligen Römischen Reiches und Bamberger Bischof Philipp Valentin Voit von Rieneck sich hier nicht nur als Landesherr verewigt hat, sondern daß er die Stiftung mit seinem eigenen Geld (AERE PROPRIO) finanziert hat. Das Baujahr ist 1671.

Das Wappen des Bamberger Fürstbischofs Philipp Valentin Voit von Rieneck (regierte 1653-1672) wird hier als aus zwei separaten Kartuschen zusammengestelltes Wappen dargestellt, heraldisch rechts: in Gold ein rotbewehrter und rotgezungter, schwarzer Löwe, überdeckt von einer silbernen Schrägleiste, Hochstift Bamberg, aus Courtoisie einwärts gewendet, heraldisch links: in Rot ein silberner Widder, Stammwappen der Voit von Rieneck. Über allem ruht sehr groß und breit die Kaiserkrone des Reichs, schrägrechts ragt das Vortragekreuz (kein Schwert!) hinter den Kartuschen hervor, schräglinks der Krummstab. Die Endstücke der Stäbe schauen ganz unten außen heraus. Zwischen den beiden Schildkartuschen ist eine groteske Maske eingearbeitet.

Eine ganz ähnliche Wappenkomposition kann man in Forchheim an der St. Petri- oder Dernbach-Bastion sowie an der Valentini-Bastion sehen, außerdem in Kronach an der Festung Rosenberg jeweils an der Bastion St. Kunigunde im Südwesten und an der Bastion St. Valentin im Nordwesten jeweils auf der Spitze der Dreiecksbastion.

Eine spätere Erweiterung des Waisenhauses war möglich, nachdem der Domkapitular Franz Carl von Ostheim, der Fürstbischof Franz Conrad Graf von Stadion und Thannhausen und der geheime Rat Phillip Eppenauer neues Geld für das Stiftungsvermögen gespendet hatten. Für die Waisenmädchen wurde 1753-1756 auf der rechten Seite des Anwesens ein Rückflügel über abfallendem Gelände angebaut, ein verputzter Massivbau von drei Geschossen über hohem Sockelgeschoß; das Mansardwalmdach wurde 1930 gebaut.

Die Institution wurde nach der Aufhebung des Fürstbistums Bamberg in der Säkularisation am 12.8.1803 geschlossen; die Kinder kamen in Pflegefamilien oder zu entfernten Verwandten. Ab 1804 wurde das Gebäude als Schullehrerseminar genutzt, das vorher in der Karolinenstraße 9 untergebracht war. Auf massives Betreiben des Pfarrers Augustin Andreas Schellenberger (1746-1832) entschloß man sich 1827 zur Wiedereröffnung des Waisenhauses, was 1828 mit der Aufnahme von 20 Jungen geschah. 1965 wurde das Waisenhaus endgültig geschlossen. Die Waisenhausstiftung als Besitzer vermietete die Immobilie an gewerbliche Nutzer, Vereine und eine städtische Einrichtung. 2007 stand das Waisenhaus seitens der Stadt zum Verkauf; es wurde von der Stadtbau GmbH Bamberg erworben und zur Jugendherberge umgebaut.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@49.8889809,10.8829164,19.68z - https://www.google.de/maps/@49.8890753,10.8829152,63m/data=!3m1!1e3
Bamberger Baudenkmäler:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Baudenkm%C3%A4ler_in_Bamberg/Kaulberg
Jugendgästehaus:
https://www.jugendherberge.de/jugendherbergen/bamberg-am-kaulberg-734/portraet/
Philipp Voit von Rieneck:
https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Valentin_Voit_von_Rieneck
Dieter J. Weiß: Philipp Valentin Albert Voit von Rieneck, in: Neue Deutsche Biographie, Bd,  20, Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 372-373,
https://www.deutsche-biographie.de/pnd104207299.html#ndbcontent - http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016338/images/index.html?seite=386
Dieter J. Weiß: Philipp Valentin Albert Voit von Rieneck, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd. 27, Bautz, Nordhausen 2007, ISBN 978-3-88309-393-2, Sp. 1485-1488.
Kathrin Imhof: Das Kinderseelhaus auf dem Kaulberg, Administration und Alltag des Bamberger Waisenhauses in der Frühen Neuzeit, in: Soziale Strukturen und wirtschaftliche Konjunkturen im frühneuzeitlichen Bamberg, hrsg. von Mark Häberlein et al., Bamberg, 2013, Bamberger historische Studien 10, Veröffentlichungen des Stadtarchivs Bamberg 17, S. 131-198 -
https://opus4.kobv.de/opus4-bamberg/frontdoor/index/index/docId/51281 - https://doi.org/10.20378/irbo-51281
Waisenhaus auf Bamberga:
http://www.bamberga.de/waisenhaus.htm
auf den Seiten zum Tocklerhof:
http://www.tocklerhof.de/vorgeschichte.html - http://www.tocklerhof.de/waisenhaus.html

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