Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2917
Marktbreit (Landkreis Kitzingen, Unterfranken)

Das Rathaus von Marktbreit

Das historische Rathaus von Marktbreit, das nach wie vor von der Stadtverwaltung genutzt wird, bildet das nördliche Eck der Altstadtbebauung und steht giebelständig an der Ostseite der Marktstraße zwischen dem Maintor und dem zum Befestigungsring gehörenden Schwarzen Turm (Marktstraße 4). Das im Stil der Renaissance errichtete, 14 m breite und 25 m tiefe Gebäude mit Satteldach ist ein Werk von Baumeister Hans Keesebrod (1537-16.7.1616), der in Marktbreit u. a. auch das Seinsheimsche Schloß und ebenfalls in Obernbreit und in Segnitz am anderen Mainufer tätig war und insgesamt viele wichtige Bauwerke der fränkischen Renaissance schuf. Das Marktbreiter Rathaus entstand ab 1579 als unverputzter Bruchsteinbau. Die Lage am Nordrand ist ungewöhnlich, aber das lag an der Straßenführung im Ort: Eine Hauptstraße durchzog den Ort von Norden nach Süden (heute: Marktstraße und Bahnhofstraße), eine andere von Westen nach Osten (heute Ochsenfurter Straße und Schustergasse, wobei letztere im stumpfen Winkel geknickt war. Wo sich beide Straßen trafen, wurde der Markt abgehalten, und das Rathaus stand im Norden dieses wirtschaftlich wichtigen kleinen Platzes. Somit gab es ein Marktzentrum im Norden mit Rathaus in der Nähe und ein Herrschaftszentrum in der Mitte des Ortes mit einem weiteren Platz und dem Schloß.

 

Am Rathaus ist zur Marktstraße hin eine Stiftertafel angebracht mit folgendem Wortlaut: "Als man za(eh)lt 1579 habe(n) / Schulthays Bu(e)rge(r)meister u(nd) / Rath alhie diesen Baw angef(angen) / sind Bawmeister gewest / Claus Beringer u(nd) Matthes / Jhon Werckmaister Hans / Kessebrot steinmetzmeister", fortgesetzt auf der unteren Schräge mit "und Leonhart go(e)tz Zim(m)ermann / Gott Allein die Ehre".  Den Rand des Hauptfeldes bedeckt noch eine zusätzliche lateinische Inschrift. Hier werden die beiden Hauptverantwortlichen für die Ausführung des Neubaus genannt, der Steinmetz Hans Keesebrod aus Segnitz und der Zimmermann Leonhard Götz aus Ermetzhofen. Bis 1580 stand der Rohbau, und 1581 war das neue Rathaus vollendet. Im Erdgeschoß lag eine Markthalle (viele der einst offenen Bögen sind nun zugemauert), im Obergeschoß die Ratsstube, und im zweiten Obergeschoß war die Konsistorialstube untergebracht. Den Dachboden nutzte man in Kriegszeiten später als Getreidelager.

An der Ostseite des Rathauses ist ein großes Wappen als Hinweis auf die Grund- bzw. Ortsherrschaft angebracht, die seit 1451 bei den Herren von Seinsheim lag, welche bereits seit 1409 in Niedernbreit nachweisbar sind, wie der Ort vor der Erhebung zum Markt hieß, alternativ auch Unternbreit. Bis zum Ende des Alten Reiches lag die Ortsherrschaft bei der Familie bzw. bei den nachfolgenden Fürsten von Schwarzenberg. Das zentrale Vollwappen der Herren von Seinsheim im Zentrum wird von zwei kannelierten Pilastern mit Konsolen und Kapitellen flankiert, die einen geraden Architrav tragen. Seitlich sind insgesamt vier weitere Wappenschilde angebracht und bilden eine Ahnenprobe, so daß dieses Wappen insgesamt Georg Ludwig von Seinsheim und Hohenkottenheim (26.1.1514-11.11.1591) zugeordnet werden kann. Es handelt sich nicht mehr um das aus heimischem Sandstein gefertigte Original, sondern um eine ca. 1910 aus dem beständigeren Muschelkalk gefertigte Kopie. Die Freiherren von Seinsheim führen einen fünfmal silbern-blau gespalten Schild, auf dem Helm mit blau-silbernen Decken einen wachsenden, rot mit silbernem Kragen gekleideten, bärtigen Mannesrumpf mit rotem, silbern gestulptem Hut, an dessen Spitze drei Straußenfedern in den Farben blau-silbern-blau stecken.

Bei der Ahnenprobe wird heraldisch oben rechts der Schild der Freiherren von Seinsheim wiederholt, darunter sieht man den Schild der anderen Linie der im Grunde gleichen Familie, den der Freiherren von Schwarzenberg, die einen siebenmal silbern-blau gespalten Schild führten. Heraldisch links oben ist das Wappen der Grafen von Rieneck angebracht, neunmal golden-rot geteilt, darunter ist, erfreuliche gegenständliche Abwechslung nach den ganzen Linienscharen, das Wappen der Herren von Eyb angebracht, die in Silber drei (2:1) rote Pilgermuscheln führten. Unüblich ist die Anordnung der Ahnenprobe: Normalerweise würde man erwarten, daß die Wappen der Eltern und damit der beiden Großväter oben stehen und die der beiden Großmütter unten. Hier ist das aber anders angeordnet, rechts oben steht der Schild für den Vater, Melchior von Seinsheim zu Hohenkottenheim und Seehaus (-1520) und den Großvater väterlicherseits, Erkinger von Seinsheim zu Kottenheim und Seehaus (-20.1.1461). Der Schild rechts unten steht für die Mutter, Anna von Schwarzenberg und Hohenlandsberg (8.9.1492-1520), und den Großvater mütterlicherseits, Johann von Schwarzenberg (26.12.1463-21.10.1528) gen. der Starke. Heraldisch links oben ist in dieser ungewöhnlichen Anordnung die Großmutter mütterlicherseits zu finden, Kunigundis Gräfin von Rieneck (1469-28.10.1502), und zuletzt kommt links unten die Großmutter väterlicherseits, Dorothea von Eyb. Die Eltern hatten am 26.5.1508 geheiratet, der Ortsherr hatte beide Elternteile im Alter von nur 6 Jahren während einer Pestepidemie verloren. Die Großeltern väterlicherseits hatten am 20.1.1461 geheiratet, die mütterlicherseits am 7.10.1485.

Mit dieser Genealogie im Hinterkopf müßten die Wappenschilde wie folgt angebracht sein: Heraldisch oben rechts der Schild Seinsheim, oben links der Schild Schwarzenberg, unten rechts Eyb, unten links Rieneck. Über die Gründe der unüblichen Anordnung kann man nur spekulieren, denn eigentlich wurde das Schema des Typs: Großvater väterlicherseits oben rechts, Großvater mütterlicherseits oben links, Großmutter väterlicherseits unten rechts, Großmutter mütterlicherseits unten links üblicherweise streng beachtet, weil es auch nur so eindeutig lesbar war. Auch die etwas hilflose Argumentation, die als einzigen gräflichen von Rieneck auf einem "besseren" Platz darzustellen, hilft nicht wirklich weiter und widerspricht gängiger und damit auch allgemein verstandener Praxis. Es drängt sich vielmehr der Verdacht auf, daß bei der Erneuerung des Reliefs 1910 die Originalschilde nicht mehr klar zu erkennen waren und bei der Neuanfertigung die Positionen verwechselt wurden.

Aufgrund des frühen Todes seiner Eltern wurde Georg Ludwig von Seinsheim von seinem Großvater, Johann dem Starken von Schwarzenberg, erzogen. Er stand in wechselnden Diensten, in denen des bayerischen Herzogs Wilhelm IV., der Markgrafen von Brandenburg, dreier Kaiser und dreier Würzburger Fürstbischöfe. Georg Ludwig von Seinsheim selbst heiratete in erster Ehe am 23.4.1543 Margaretha von Rüdigheim (-1557) und in zweiter Ehe am 27.11.1558 Barbara von Heßberg (-10.9.1661), verwitwete von Hutten (ein Allianzwappen mit seiner zweiten Frau ist in der Halle des Friedhofs angebracht). Kaiser Rudolf II. erhob ihn 1580 in den erblichen Reichsfreiherrenstand. Georg Ludwig von Seinsheim war eine der wichtigsten Persönlichkeiten für die weitere Geschichte und Entwicklung des Ortes. Die unter seiner Regierung ausgelöste wirtschaftliche Blüte Marktbreits lag nicht nur am erhaltenen Marktrecht, sondern auch an der 1562 gewährten Steuerfreiheit. Entsprechend stiegen die Einnahmen, die Zahl der Haushalte und die Bedeutung des Ortes. Georg Ludwig von Seinsheim wurde wie sein Vater in Nordheim begraben.

An der abgefasten Südostecke wird die Fassade in Höhe des ersten Obergeschosses von einem Standbild des hl. Georg geschmückt, der unter einem kleinen polygonalen Baldachin seine Lanze in den sich unter ihm krümmenden Lindwurm stößt. Es handelt sich nicht mehr um die Originalfigur, denn die war 1903 so verwittert, daß sie abstürzte. Heute sehen wir hier einen vom Münchener Bildhauer Christoph Nüßlein 1907 geschaffene Kopie. Die Reste des Originals sind verschollen. Eine weitere Georgsfigur steht hoch oben auf dem obersten Absatz des Ostgiebels. Diese wurde 1888 durch eine Arbeit des Würzburger Bildhauers Andreas Herbst ersetzt. Marktbreit war 1557 durch König Ferdinand I. zum Markt erhoben worden, und aus diesem Anlaß bekam es zu den Marktprivilegien hinzu am 29.10.1557 ein Marktwappen verliehen, das auch den hl. Georg zeigt. Damit ging auch die Umbenennung von Niedernbreit in Marktbreit einher.

 

In seiner heutigen Form zeigt das Stadtwappen (Marktbreit wurde 1819 zur Stadt erhoben) über einem blauen Schildfuß mit einem silbernen Wellenbalken in Blau den silbern gerüsteten hl. Georg mit Helm und Schwert, der dem aufgereckten grünen Lindwurm unter ihm die goldene Lanze in den Rachen stößt, auf dem an ihr befestigten silbernen Banner ein fünfmal von Blau und Silber gespaltener Schild. So ist es auf der am Rathaus herabhängenden, silbern-blau gestreiften Stadtflagge dargestellt. Dieses Schildchen auf dem Banner ist in Zusammenhang mit der Georgsfigur ein Hinweis auf den damaligen und mit seinem Wappen bereits vorgestellten Ortsherren Georg Ludwig von Seinsheim und Hohenkottenheim (1514-1591), der dem Dorf die Anlage einer Befestigung erlaubte, die bis zur Mitte des 16. Jh. fertig war, und so den Weg zur Erhebung zum Marktflecken und später zur Stadt ebnete. Der Wellenbalken deutet die Lage am Main an. Bis auf die Farben, die lange Zeit unsicher waren, ist dieses Wappen seit den ältesten Siegeldarstellungen nicht mehr verändert worden. Man kann nun darüber spekulieren, warum an der Fassade zweimal die Figur des hl. Georg auftaucht. Bei der Figur an sich kann man einen direkten Bezug zum Motiv des Marktwappens annehmen, das wiederum einen Bezug zum Ortsherrn hat. Da die Giebelfigur hoch steht, kann sie von außerhalb der Stadtmauern gesehen werden und gibt so einen weithin sichtbaren Hinweis darauf, daß hier regelmäßig Markt abgehalten wird. Die Eckfigur blickt jedoch genau auf den Platz, wo der Markt stattfand, und könnte so zusätzlich ein Hinweis auf die Marktgerechtigkeit sein, also eine spezielle Form eines Rechtszeichens sein.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@49.6678699,10.1436743,20z - https://www.google.de/maps/@49.6678995,10.1436988,56m/data=!3m1!1e3
Otto Selzer: Schmuck am Rathaus zu Marktbreit, zum europäischen Denkmalschutzjahr 1975 -
http://frankenland.franconica.uni-wuerzburg.de/login/data/1975_17.pdf
Otto Selzer: 400 Jahre Rathaus Marktbreit, Beiträge zu Kultur, Geschichte und Wirtschaft der Stadt Marktbreit und ihrer Nachbarschaft, Heft 6, Verlag Siegfried Greß, Markbreit 1979, ISBN 10: 3920094182ISBN, 13: 9783920094182
Das Rathaus von Marktbreit in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Rathaus_(Marktbreit)
Hans Keesebrod in Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Keesebrod
Wappen von Marktbreit auf den Seiten des Hauses der Bayerischen Geschichte:
https://www.hdbg.eu/gemeinden/index.php/detail?rschl=9675147
Wappen von Marktbreit:
https://www.marktbreit.de/stadt-verwaltung/geschichte/wappen
Adelsgeschlecht von Seinsheim auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Seinsheim_(Adelsgeschlecht)
Adelsgeschlecht von Schwarzenberg auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzenberg_(fränkisch-böhmisches_Adelsgeschlecht)
Grafen von Rieneck auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Rieneck_(Adelsgeschlecht)
Adelsgeschlecht von Eyb auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Eyb_(Adelsgeschlecht)
Kulturpfad Castell, Kapitel zu Marktbreit:
http://www.kulturpfad-grafen-castell.de/html/marktbreit.html

St. Nicolai: Epitaph für Wolfgang Eckhardt - der historische Tretradkran - das Haus "Zur Groe" - Epitaphien und Wappen in der Friedhofshalle

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