Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2552
Obersontheim (Landkreis Schwäbisch Hall)

Herrenmühle

Die Herrenmühle ist im Südosten des Ortes an der Hauptstraße (Nr. 47) zu finden, im Rücken das Flüßchen Bühler. Das Gebäude an der Straße nach Bühlertann entstand lange, bevor die Schenken von Limpurg die Dorfherrschaft übernahmen. Der Kern des Gebäudes ist romanisch, und damit ist die Herrenmühle das älteste erhaltene Gebäude im Ort. Ursprünglich verlief der Mühlkanal im Untergeschoß, im Erdgeschoß lag die Mahlstube, und von oben wurde die Mühle befüllt. Die massiven, im Erdgeschoß mehr als meterdicken  Außenmauern stammen noch aus der Zeit um 1200, doch das heutige Aussehen erhielt die Mühle bei der Wiederherstellung in der Mitte des 16. Jh. nach einem vorausgegangenen Brand, vorbehaltlich etlicher späterer Umbauten, wovon die vermauerten Tür- und Fensteröffnungen zeugen. Die Mühle wird seit 2010 privat bewohnt von dem aus Stuttgart stammenden Grundofenbauer Walter Hofacker, der sich autodidaktisch auf historisches Handwerk spezialisiert hat und sich die Renovierung der Mühle zum Ziel gesetzt hat.

Von der Wiederherstellung im Jahre 1557 zeugt ein Wappenstein an der südlichen, straßenseitigen Außenmauer, über dem alten Tor, das tiefer als das heutige Straßenniveau lag und zugemauert ist. Dieses Datum fällt vermutlich mit dem Erwerb der Rechte an der Mühle durch Friedrich VII. Schenk von Limpurg-Obersontheim (6.8.1536-29.1.1596) zu Speckfeld und Obersontheim zusammen, worauf die Herrichtung folgte. Bevor die Mühle nach der Dorfherrschaft den Namen Herrenmühle bekam, hieß sie einfach Obere Mühle, und so wird sie auch im Gültbuch von 1512 genannt, in dem die zu entrichtenden Abgaben der Untertanen vermerkt wurden.

Das Wappen der Schenken von Limpurg ist geviert, Feld 1 und 4: in Rot vier aufsteigende silberne Spitzen, Feld 2 und 3: in Blau 5 (3:2) aufrechte silberne Heerkolben, an der Herzstelle ein goldener Schenkenbecher (Doppelbecher). Auf dem gekrönten Helm mit blau-silbernen oder auch rot-silbernen Decken (je nachdem, welcher Inhalt in Feld 1 ist) ein goldener Schenkenbecher (Doppelbecher, hier teilzerstört) zwischen zwei rot-silbern im Spitzenschnitt geteilten Büffelhörnern, in den Mundlöchern jeweils mit einem rot-silbern im Spitzenschnitt geteilten Fähnchen an silberner Stange besteckt.

Hier eine Anmerkung zum Schenkenbecher und zum Schenkenamt: Durch den Schenkenbecher, das Zeichen ihres Erbamtes, welches als Beizeichen schon im 13. Jh. in Siegeln vorkommt, wird das Wappen eine Kombination aus einem Familienwappen und einem Amtszeichen. Schenken gab es viele im Reich, doch es gab nur einen Reichserbschenken. Das Reichserzschenkenamt war eines der vier Erzämter; die anderen drei waren Truchseß, Kämmerer und Marschall. Diese vier Ämter hatten die vier weltlichen Kurfürsten inne. Der König von Böhmen war im Reich der Erzmundschenk (Archipincerna), und dieser hatte den Herren von Limpurg das Schenkenamt als Erbamt zur Vertretung weiterverliehen, und diese hatten stellvertretend die zeremoniellen Aufgaben bei der Kaiserkrönung zu übernehmen. Das heißt, sie durften und mußten die zeremoniellen ehrenvollen Pflichten des Reichserzschenken übernehmen, aber natürlich nicht deren Rechte wahrnehmen wie Kaiserwahl etc.

Bereits in der Goldenen Bulle 1356 waren die Stellvertreter-Familien festgeschrieben: Die Kurfürsten von Sachsen ließen sich von den Grafen von Pappenheim vertreten, die Kurfürsten von der Pfalz von den Truchsessen von Waldburg, die Kurfürsten von Brandenburg von den Hohenzollern und die Könige von Böhmen durch die Schenken von Limpurg. Das war eine Stellvertreter-Regelung für den Verhinderungsfall, also eigentlich die Ausnahme. Später wurde das insbesondere bei den protestantischen Kurfürsten die Regel. Ein Verhinderungsgrund ist natürlich auch, wenn man selbst zum Kaiser gewählt wird - und da wird die herausgehobene Stellung der Schenken von Limpurg deutlich: Da die Habsburger die böhmische Krone innehatten und recht viele Kaiser des Heiligen Römischen Reiches stellten, sprangen zwingend in all jenen Fällen die Schenken von Limpurg ein, also ab 1438 bis zu ihrem Erlöschen bis auf 3 Ausnahmen immer.

Problematisch wurde das Ganze, als sich die Schenken von Limpurg in zwei Linien teilten: 1441 teilten sich die Brüder Konrad IV. und Friedrich V. ihr Gebiet in zwei gleich große Teile auf, ersterer hatte Gaildorf als Zentrum, letztere Speckfeld. Beide Linien waren unabhängig und in ihrem jeweiligen Territorium souverän. Und beide Linien teilten sich in der nächsten Generation noch einmal, die ältere in die Linien Gaildorf und Schmiedelfeld, die jüngere in die Linien Speckfeld und Obersontheim. Was wurde nun aus dem Schenkenamt? Bereits 1441 wurde folgende Regelung festgehalten: Wenn eine Kaiserkrönung ansteht, hatte der jeweils ältere Chef des jeweiligen Hauses das Recht auf die Ausübung des Schenkenamts. Und wenn es nur wenige Tage waren wie bei Karl Schenk von Limpurg-Speckfeld (17.3.1498-2.9.1558, vgl. Wappenstein an Schloß Sommerhausen) und Wilhelm III. Schenk von Limpurg-Gaildorf (12.4.1498-9.3.1552), bestimmend für die Würde des amtierenden Reichserbschenken war allein das Geburtsdatum.

Übrigens wurde für jede Krönung ein neuer Schenkenbecher angefertigt. Erst war er aus Edelmetall, später seit der Zeit des Dreißigjährigen Krieges aus Kristallglas, weil man damals glaubte, das Material würde eventuell vorhandene Gifte binden. Der Schenk erhielt für seinen Einsatz den benutzten Becher zum Geschenk, außerdem ein Pferd. Theoretisch gab es also 62 Schenkenbecher im Laufe der Geschichte. Heute sind noch genau zwei erhalten. Der erste ist derjenige, der 1562 bei der Krönung von Kaiser Maximilian II. in Frankfurt am Main verwendet wurde; amtierender Schenk war Christoph III. Schenk von Limpurg-Gaildorf (1531-1574). Dieser 2 kg schwere und 58 cm hohe Schenkenbecher ist ein Deckelpokal aus vergoldetem Silber und wurde 1561/62 in Nürnberg von dem Goldschmied Christoph Ritter (-1598) angefertigt. Der Haller Goldschmied Philipp Bonhöffer (-1613) reparierte wenig später die Trinkschale. Der Deckel wurde in Augsburg angefertigt. Dieser Schenkenbecher aus dem Besitz der Gaildorfer Linie wurde 1848-1907 im Neuen Schloß und heutigen Rathaus der Stadt Gaildorf aufbewahrt. Die gräflichen Familien Bentinck, Waldeck-Limpurg und später Ortenburg gaben dem Landesmuseum Württemberg den Pokal als Dauerleihgabe. Im Jahre 2014 wurde der Pokal an die Sammlung des Künzelsauer Unternehmers und Kunstmäzens Reinhold Würth verkauft. Dieser Erbschenkenpokal stellt aufgrund seiner außergewöhnlichen Größe, seiner kunstvollen Gestaltung und seiner historischen Bedeutung ein herausragendes Meisterwerk der Goldschmiedekunst der deutschen Hochrenaissance dar. Im Gaildorfer Rathaus steht eine im Jahr 2000 von Landeskonservator Peter Heinrich geschaffene Replik. Der andere erhaltene Schenkenbecher stammt aus dem Jahr 1636, ist aus Kristall und wurde bei der Krönung von Kaiser Ferdinand III. verwendet.

Das allerletzte Mal waltete ein Schenk von Limpurg 1690 bei der Krönung von Joseph I. (1678-1711) zum römischen König in Augsburg seines Amtes. Es war der letzte Schenk im Mannesstamm, Schenk Vollrath von Limpurg-Speckfeld. Beim näheren Hinsehen merken wir, daß da ein zwölfjähriges Kind gekrönt wurde. Bei der nächstfolgenden Krönung, die von Karl VI. am 22.12.1711 in Frankfurt am Main zum Kaiser, sah sich Schenk Vollrath wegen seines hohen Alters schon nicht mehr in der Lage, die zeremoniell notwendigen Tätigkeiten zu verrichten, vor allem die Reise nicht mehr zu unternehmen. Er war schon 70 Jahre alt und sollte zwei Jahre später schon das Zeitliche segnen. In Frankfurt ließ er sich von Aloys Graf von Harrach vertreten. Mit dem Erlöschen der Schenken von Limpurg im Mannesstamm (Frauen konnten dieses Amt nach traditioneller Auffassung nicht ausüben) übernahmen die österreichischen Grafen von Althann das Amt.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@49.0562329,9.9022029,18.95z - https://www.google.de/maps/@49.0562329,9.9022029,162m/data=!3m1!1e3
Steffen Hinderer: Die Schenken von Limpurg:
https://adw-goe.de/fileadmin/dokumente/forschungsprojekte/resikom/pdfs/HBIV/A_B_C_Limpurg.pdf
Schenken von Limpurg auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schenken_von_Limpurg
Gerd Wunder, Max Schefold, Herta Beutter: Die Schenken von Limpurg und ihr Land, Forschungen aus Württembergisch Franken, Band 20, Sigmaringen 1982, ISBN 3-7995-7619-3, S. 23 f.
Herrenmühle auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Herrenmühle_(Obersontheim)
Sigrid Bauer: Experte für altes Handwerk - Walter Hofacker baut spezielle Öfen, Artikel vom 5.9.2012
https://www.swp.de/suedwesten/landkreise/lk-schwaebisch-hall/experte-fuer-altes-handwerk_-walter-hofacker-baut-spezielle-oefen-20765419.html
Schenkenbecher:
https://www.gaildorf.de/de/stadtinfo/stadtinfo-geschichte/stadtgeschichte/schenkenbecher/ - https://www.swp.de/suedwesten/staedte/gaildorf/wuerth-kauft-schenkenbecher-19134295.html - https://www.swp.de/suedwesten/staedte/gaildorf/kleinod-gibt-raetsel-auf-19162973.html
Schenken von Limpurg:
https://adw-goe.de/en/digital-library/hoefe-und-residenzen-im-spaetmittelalterlichen-reich/gsn/rf15_IV-2442/
Heike Krause: Vor 325 Jahren: Ein Limpurger versieht zum allerletzten Mal das Schenkenamt, Artikel vom 6.2.2015 auf SWP
https://www.swp.de/suedwesten/staedte/gaildorf/vor-325-jahren_-ein-limpurger-versieht-zum-allerletzten-mal-das-schenkenamt-17441183.html

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