Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2551
Obersontheim (Landkreis Schwäbisch Hall)

ehemaliges Waisenhaus in der Bachstraße

In der Bachstraße ist eine alte Wappentafel in ein modernes Haus eingelassen, rechts unten am Sockel. Diese Tafel stammt vom ehemaligen Waisenhaus von Obersontheim. Ganz oben steht: "Ober=Sontheimisches Waysen-Hauß". Die Inschrift unter dem Wappen nennt das Jahr 1705 als Stiftungsdatum. Wir sind mit diesem Jahr in der letzten Phase der Schenken von Limpurg in Obersontheim: 1676 waren die Linie erloschen, und Vollrath Schenk von Limpurg (12.6.1641-19.8.1713) aus der Speckfelder Linie, ein Sohn von Franz Friedrich Schenk von Limpurg (27.6.1596-5.12.1651) und Magdalena Elisabeth von Hanau-Münzenberg (1611-26.2.1687) und damit ein Urenkel von Friedrich VII., hatte die Herrschaft in Obersontheim übernommen, zusammen mit seiner am 1.9.1673 in Speckfeld geehelichten Frau, Sophia Eleonora von Limpurg-Gaildorf (29.9.1655-18.5.1722), Tochter von Johann Wilhelm Schenk von Limpurg-Schmiedefeld (13.12.1607-7.11.1655) aus der Gaildorfer Hauptlinie. Unter diesen beiden erlebte Obersontheim noch eine letzte Blütezeit, ehe 1713 mit Schenk Vollrath der letzte Schenk im Mannesstamm starb und komplizierte Erbauseinandersetzungen und Schwierigkeiten der gemeinsamen Regierung unter den Erben das Leben im Ort lähmten.

Pfarrer und Hofprediger Johannes Müller (1659-1721) wollte 1694 ein Waisenhaus gründen, welches im Jahre 1700 als eines der ersten seiner Art fertiggestellt war und 1705 noch einmal erweitert wurde. Schenk Vollrath spendierte einen Garten und Bauholz. Es gibt zwei Gründungsdekrete, datiert auf 1703 und 1713. Schenk Vollrath war im sozialen und religiösen Leben des Ortes sehr engagiert: Er gab der Kirche 1695 eine Kirchenzuchtordnung, führte 1709 die Konfirmation ein und gab dem Ort 1702 eine neue Schulordnung mit detaillierten Angaben über Lehrmittel, Unterrichtsstoff und Unterrichtsmethoden inklusive eines hohen Stellenwertes der religiösen Durchdringung des Schulalltags in einem heute unvorstellbar frommen Ausmaß.

Die Inschrift lautet: "Durch Gottes Hand, und große Mild(tät)igkeit / Herrn Schenck Vollraths und Frau Sophie-Leonoren, / die beederseits aus Limburgs Stamm geboren, / steht dieses Hauß zu Gottes Ehr bereit. / Es legte zwar sein Scherfflein mancher bey, / der ungenan(n)dt; Doch wäre nichts vollzogen, / wo Zenc nicht dem Werck so gar gewogen, / Ways(e) mercke das, lob Gott! Sprich ohne Scheu / Erhalt(e) di(e)ß Werck, o Herr! zu deinem Preiß / Ach segne doch, die solche Anstalt mehren / Stürtz sichtbarlich den, der es will verstöhren! / Dein ist die Sach: Dein ist der arme Ways(e). / Erbauet mit Gott 1705 / durch den treugemeinte(n) Dienst / Johann Müllers, Sup(erintendent). u(nd). Hofpred(iger)."

Das Wappen der Schenken von Limpurg ist geviert, Feld 1 und 4: in Rot vier aufsteigende silberne Spitzen, Feld 2 und 3: in Blau 5 (3:2) aufrechte silberne Heerkolben, auf der Herzstelle ein goldener Schenkenbecher (Doppelbecher). Auf dem gekrönten Helm mit blau-silbernen oder auch rot-silbernen Decken (je nachdem, welcher Inhalt in Feld 1 ist) ein goldener Schenkenbecher (Doppelbecher) zwischen zwei rot-silbern im Spitzenschnitt geteilten Büffelhörnern, in den Mundlöchern jeweils mit einem rot-silbern im Spitzenschnitt geteilten Fähnchen an silberner Stange besteckt.

 

Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: WüA Seite: 13 Tafel: 5, ferner bei Alfred F. Wolfert, Aschaffenburger Wappenbuch, Tafel 70 Seite 214, 210. Otto Hupp zeichnet im Münchener Kalender 1907 die Decken rechts rot-silbern, links silbern-rot und außerdem die Hörner rot-silbern übereck im Spitzenschnitt geteilt, auch sind beim zweiten Fähnchen die Farben vertauscht. Ferner sind die Fähnchen nicht geteilt, sondern gespalten. Hupp und Wolfert positionieren die Spitzenteilung in die Positionen 1 und 4, so wie hier, während es in vielen anderen Beispielen, u. a. auch im Scheiblerschen Wappenbuch umgekehrt ist, welches übrigens auch die Hörner übereck teilt, aber silbern-rot. Im vorliegenden Fall wird das Wappen beiderseits von einem geflügelten Putto flankiert, die Teile eines ornamentalen Randes nach außen ziehen.

Das Waisenhaus entwickelte sich zunächst so gut, daß 40 Pfleglinge aufgenommen werden konnten. Die Einnahmen erlaubten sogar das Ausleihen von Kapital. Nach dem Tod des Stifters ging es bergab. 1757 gab es Beschwerden gegen den Superintendenten Ernst Arnold Gotthilf Weiler wegen der Zustände im Waisenhaus. Dann gingen die Einnahmen zurück, so daß nur noch 10-12 Pfleglinge finanziert werden konnten. Das Waisenhaus wurde 1811 aufgehoben; das Restvermögen von 400 fl. wurde der Gemeinde zu Schulzwecken überlassen.

Als zweite soziale Einrichtung der Schenken von Limpurg bestand im Ort ein Spital, das von Schenk Wilhelm (-1450) bereits in Untersontheim gegründet worden war und 1541 nach Obersontheim verlegt wurde. Als 1772 das Erbe aufgeteilt wurde, wurde die Institution zwar gemeinschaftlich aufrechterhalten, die Anzahl der Pfründen aber von 12 auf 6 halbiert, die wie folgt aufgeteilt waren: Grafen von Rechteren 1/2, Königreich Württemberg 4/15, Fürsten von Löwenstein-Wertheim-Freudenberg 2/15, Grafen von Pückler 1/10.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@49.0560396,9.8994514,18.94z - https://www.google.de/maps/@49.0560396,9.8994514,162m/data=!3m1!1e3
Ort auf Leo-BW:
https://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/ORT/labw_ortslexikon/3179/Obersontheim+-+Altgemeinde~Teilort und https://www.leo-bw.de/web/guest/detail-gis/-/Detail/details/ORT/labw_ortslexikon/3167/Obersontheim
Ortslexikon BW:
https://www.orte-bw.de/public/show.php?ID=3167&ID_time=2010
Steffen Hinderer: Die Schenken von Limpurg:
https://adw-goe.de/fileadmin/dokumente/forschungsprojekte/resikom/pdfs/HBIV/A_B_C_Limpurg.pdf
Schenken von Limpurg auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schenken_von_Limpurg
Gerd Wunder, Max Schefold, Herta Beutter: Die Schenken von Limpurg und ihr Land, Forschungen aus Württembergisch Franken, Band 20, Sigmaringen 1982, ISBN 3-7995-7619-3, S. 23 f.
Geschichte von Obersontheim:
https://www.obersontheim.de/fileadmin/Dateien/Dateien/Geschichte/LINK2-4obersontheim.pdf
Oberamtsbeschreibungen:
https://de.wikisource.org/wiki/Beschreibung_des_Oberamts_Gaildorf/Kapitel_B_16
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Adolf Rentschler: Das Limpurgische Waisenhaus in Obersontheim, Blätter für württembergische Kirchengeschichte 53 (1953), S. 135-157

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