Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 1202
Schmalkalden (Landkreis Schmalkalden-Meiningen, Thüringen)

Marstallgebäude

Dieses langgestreckte, zweistöckige Gebäude mit zwei getreppten Zwerchgiebeln ist im Südwesten des Schlosses am Fuße des Schloßberges zu finden. Der ehemalige Marstall (Hoffnung 30) gehörte früher zum Schloß Wilhelmsburg. Landgraf Moritz von Hessen-Kassel ließ ihn 1618 an der Stelle des Hennebergischen Hofes erbauen, den Graf Wilhelm von Henneberg 1439 vom Stift eingetauscht und als Nebenresidenz und Gästehaus genutzt hatte und der während der Tagungen des Schmalkaldischen Bundes zwischen 1531 und 1543 zahlreichen evangelischen Fürsten als Absteigequartier gedient hatte.

Die Herrschaft Schmalkalden gehörte aufgrund eines Erbvertrages ab 1360 hälftig den Grafen von Henneberg-Schleusingen und den Landgrafen von Hessen. Die eigentliche Herrschaft wurde als Kondominium gemeinsam verwaltet, aber die Stadt Schmalkalden wurde entlang des Flusses Schmalkalde geteilt, was zeitweise zu erbitterter Konkurrenz führte. Das Marstallgebäude lag in der Henneberger Hälfte, ebenso wie der Schloßberg. Als sich die Landgrafen in mehrere Linien aufteilten, gelangte der Besitz der halben Herrschaft an die Linie Hessen-Kassel. Nach dem Erlöschen der Henneberger 1583 gehörte die Herrschaft zur Gänze Hessen-Kassel. Und somit konnte man jetzt daran gehen, auch die ehemals hennebergische Hälfte nach eigenen Bedürfnissen umzugestalten. Die hessische Herrschaft, ab 1803/1815 in Form des Kurfürstentums Hessen, endete erst 1866, als Schmalkalden zusammen mit der Mutterlandgrafschaft Hessen-Kassel von Preußen annektiert wurde.

Im Osten des 85 m langen Gebäudes steht der 1335 erbaute runde Pulverturm (Abb. unten, rects im Bild), der letzte vorhandene Turm der ehemaligen Stadtbefestigung. Er diente der Aufbewahrung des Schießpulvers der Stadt, daher der Name. Im Sommer 1757 wurden im Marstall im Verlauf des Siebenjährigen Krieges unter anderem die von Kassel vor den Franzosen fliehenden Husaren einquartiert.

In nachhessischer Zeit wurde der ehemalige Marstall ab 1875 als königlich-preußisches Amtsgericht genutzt. An diesem Ort befand sich ferner 1945 der berüchtigte Kerker des sowjetischen NKWD, in dem zahlreiche Gefangene zum Mordopfer des Stalinismus wurden. Das Gebäude präsentiert sich heute renoviert, weiß mit roten Fenstergewänden, und ist Sitz des Landesamtes für Vermessung und Geoinformation, Katasterbereich Schmalkalden.

In der Mitte zwischen beiden Zwerchgiebeln ist eine sehr qualitätvoll gearbeitete Wappentafel des Bauherrn angebracht. Unter der Wappenzone ist zu lesen: "16 M L Z H I L Z H 18" - das steht für Moritz Landgraf zu Hessen-Kassel (25.5.1572-15.3.1632), gen. der Gelehrte, und seine zweite Frau, Frau Juliana Landgräfin zu Hessen-Kassel, geborene Gräfin von Nassau-Siegen (3.9.1587-15.2.1643). Landgraf Moritz war der Sohn von Wilhelm IV. Landgraf von Hessen-Kassel (24.6.1532-25.8.1592) und Sabina von Württemberg (2.7.1549-17.8.1581). Er heiratete in erster Ehe Agnes Gräfin zu Solms-Laubach (7.1.1578-1602), und aus dieser Ehe entsproß sein Nachfolger, Landgraf Wilhelm V. (13.2.1602-21.9.1637). Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete er in zweiter Ehe die Tochter von Johann II. Graf zu Nassau-Siegen (7.6.1561-27.9.1623) und Magdalena zu Waldeck-Wildungen (9.9.1558-1599).

Aus dieser zweiten Ehe entsprossen 14 Kinder, sieben Söhne und ebensoviele Töchter. Juliane setzte durch, daß ihre aufgrund der nachrangigen Ehe benachteiligten Kinder ein Viertel von Hessen-Kassel als erbliche Lehen erhielten, wodurch die sogenannte Rotenburger Quart für die drei überlebenden Söhne entstand, gebildet von den landgräflichen Nebenlinien Hessen-Rotenburg, Hessen-Eschwege und Hessen-Rheinfels, später noch ergänzt durch die Nebenlinie Hessen-Wanfried. Moritz von Hessen-Kassel (protestantisch-calvinistisch) hatte eine so aufwendige Hofhaltung, daß er 1626 der Herrschaft Schmalkalden an die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt (katholisch) verpfänden mußte. Moritz dankte 1627 ab und zog sich erst auf Schloß Melsungen, dann auf Schloß Eschwege als Altersruhesitz zurück, wo er auch verstarb. Juliane bezog mit ihren Kindern Schloß Rotenburg an der Fulda. Erst 1648 wurde das Problem der Verpfändung von Schmalkalden gelöst.

Das Wappen der Landgrafen von Hessen-Kassel, wie es ab 1479 von den Landgrafen allgemein geführt wurde, ist geviert mit Herzschild: Feld 1: Grafschaft Katzenelnbogen, in Gold ein roter, eigentlich hersehender Löwe (hier im Profil), blau bewehrt und blau gekrönt, Feld 2: Grafschaft Ziegenhain, schwarz-golden geteilt, oben ein silberner sechsstrahliger Stern, Feld 3: Grafschaft Nidda, schwarz-golden geteilt, oben zwei achtstrahlige silberne Sterne, Feld 4: Grafschaft Dietz: in Rot zwei goldene, blau bewehrte, eigentlich hersehende, schreitende Löwen (hier im Profil) übereinander, Herzschild: Landgrafschaft Hessen (Stammwappen), in Blau ein silbern-rot mehrfach geteilter aufrechter Löwe, golden gekrönt und golden bewehrt, hier ausnahmsweise hersehend dargestellt, wie es der Katzenelnbogener Löwe sein sollte.

Dazu werden folgende drei Helme geführt, die drei optisch linken der insgesamt sechs Helme: Helm 1 (Mitte): auf dem gekrönten Helm mit rot-silbernen Decken zwei Büffelhörner, außen besteckt mit je 7 Lindenzweigen (auch als Kleestengel bezeichnet), Landgrafschaft Hessen, Helm 2 (rechts): zu rot-goldenen Decken ein schwarzer Flug, beiderseits belegt mit einer wie der Schild tingierten Scheibe, Grafschaft Katzenelnbogen, Helm 3 (links): zu schwarz-goldenen Decken ein wachsender Ziegenrumpf zwischen einem wie der Schild tingierten und mit je einem silbernen sechstrahligen Stern belegten Flug (auch als ein geflügelter schwarz-gold geteilter Ziegenbock beschrieben), Grafschaft Ziegenhain.

Das Wappen der Linie Nassau-Siegen ist geviert, Feld 1: Grafschaft Nassau, in blauem und mit goldenen aufrechten Schindeln bestreuten Feld ein goldener Löwe, rot gezungt, ungekrönt und rot bewehrt, Feld 2: Grafschaft Katzenelnbogen, in Gold ein roter, eigentlich hersehender Löwe (hier im Profil), blau bewehrt und blau gekrönt, Feld 3: Grafschaft Vianden, in Rot ein silberner Balken, Feld 4: Grafschaft Dietz: in Rot zwei goldene, blau bewehrte, eigentlich hersehende, schreitende Löwen (hier im Profil) übereinander. Zwei der Felder sind also bei Ehemann und Ehefrau identisch, nämlich Katzenelnbogen und Dietz werden von beiden geführt.

Dazu werden drei Helme geführt, die drei optisch rechten der insgesamt sechs Helme: Helm 1 (Mitte): Grafschaft Katzenelnbogen, ein schwarzer Flug, beiderseits belegt mit einer wie der Schild tingierten Scheibe. Helmdecken rot-golden, Helm 2 (rechts): Grafschaft Nassau, ottonische Linie, ein schwarzer Flug, belegt mit zwei goldenen Schrägfäden, dazwischen goldene Blättchen, Helmdecken blau-golden, Helm 3 (links): Grafschaft Dietz, ein schwarzer Flug, beiderseits belegt mit einer wie der Schild tingierten Scheibe, Helmdecken rot-golden.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@50.7221176,10.4551434,18.88z - https://www.google.de/maps/@50.7221227,10.4551295,140m/data=!3m1!1e3
Stadtrundgang:
http://www.peterheckert.org/index.php?option=com_content&view=article&id=103&Itemid=109
Bilder der Altstadt:
https://www.stadtbild-deutschland.org/forum/index.php?thread/3279-schmalkalden-galerie/
Stadtrundgang:
http://www.schmalkalden-ferienhaus-bierstaedt.de/index.php?option=com_content&view=article&id=75:chronik-der-anderen-art-teil-1&catid=79&Itemid=469
Kahlaer Vertrag:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kahlaer_Vertrag
Herrschaft Schmalkalden:
https://de.wikipedia.org/wiki/Herrschaft_Schmalkalden
Salzunger Vertrag:
https://de.wikipedia.org/wiki/Salzunger_Vertrag
Carl Knetsch: Die Erwerbung der Herrschaft Schmalkalden durch Hessen, Inaugural-Dissertation, 68 S., Verlag: Forgotten Books, 2018, ISBN-10: 0666861846, ISBN-13: 978-0666861849
Informationstafel am Gebäude
Moritz von Hessen-Kassel:
https://de.wikipedia.org/wiki/Moritz_(Hessen-Kassel)
Juliane von Nassau-Siegen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Juliane_von_Nassau-Dillenburg
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9

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