Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2922
Winterhausen (Landkreis Würzburg, Unterfranken)

Das Rathaus von Winterhausen

Das Rathaus von Winterhausen steht östlich der Kirche am Rathausplatz, direkt an die Hauptstraße grenzend, aber wegen des zur Kirche hin ansteigenden Geländes deutlich erhöht. Die barocke Schaufassade des über einem Sockel zweistöckigen Satteldachbaus ist nach Süden gerichtet, sie besitzt fünf Fensterachsen. Im ersten Hauptgeschoß gibt ein breites Rechteckportal in der mittleren Achse Zugang zum Gebäude. Aufgrund des hohen, zur Hauptstraße hin sogar zweigeschossigen Sockels führt eine imposante, einmal mit einem Zwischenpodest abgesetzte Freitreppe mit 2x 8 Stufen und kugelverzierten seitlichen Steinbrüstungen geradlinig zum Portal hinauf. Im Sockel ist linkerhand ein rundbogig gemauerter Kellereingang zu sehen. Der Raum unter der Treppe diente früher als Arrestzelle.

Die Fassade besitzt zur Gliederung ein halbrund hervortretendes Gesims an der Grenze zwischen Haupt- und Obergeschoß und durch Fugenquaderung hervorgehobene und farblich abgesetzte Ecklisenen. Alle Rechteckfenster besitzen tiefenprofilierte barocke Einfassungen mit angedeutetem Keilstein oben. Am Portalsturz ist als Inschrift zu lesen: "Der Bu(e)rger Wohlfa(h)rt insgemein / Weil solches der Gerechtigkeit // Gott dieses Hauses Ehre sein; / Die Gottesfurcht zum Sitz geweiht".

An der Ostseite des Rathauses zur Hauptstraße hin ist am Sockel eine zweite, ausführliche Bauinschrift angebracht mit dem Wortlaut: "A(nn)o 1738 & 1739 / Wurde gegenwärtiges Rathhaus / unter des Allerhöchsten Schutz / und (der) Hochgr(äflich) Limburg(ischen) gemeinsch(aftlich) geg(ebenen?) Regierung / von Schultheis(s), Bu(e)rgermeister, Rat u(nd) Bu(e)rgersch(aft) / vor (= für) sich und ihre Nachkommen, / auf das Fundament des alten vorigen Hauses / aus den vor(r)ätige(n) Mitteln des Bu(er)germeister Amts / neu aufgeü(h)rt und erbauet, / dahier zu / Winterhaußen". Seitlich sind unten neben der Kartusche der Schultheiß J. L. Rübel und der Bürgermeister J. F. Stierlein namentlich genannt, die beiden Bauherren des neuen Rathauses. Es ersetzte einen Vorgängerbau aus dem Jahre 1558 und verwendete zur Kostenersparnis vorhandene Fundamente.

Unter dieser Bautafel sind Türen und Fenster früherer Geschäftsräume zu erkennen, denn diese wurden damals jährlich an einen Fischer und an einen Kaufmann verpachtet. Bürgermeister Stierlein fertigte am Ende seiner Amtszeit am 6.1.1739 eine Abrechnung über den Rathausneubau an: Insgesamt hatte das repräsentative Gebäude 1569 fl. gekostet. Wie die Inschrift besagt, wurde das aus der Gemeindekasse bezahlt. Der Gemeinde ging es gut, weil man durch zwei vorangegangene ausgezeichnete Weinjahre fast 2500 fl. eingenommen hatte, außerdem hatte man zu dieser Zeit wenig andere Sonderausgaben wie Kriegslasten o. ä. Deshalb konnte man sich auch so einen Prunkbau auch gönnen.

Am Rathaus sind insgesamt drei Wappen angebracht. Das prominenteste und aufwendigste Wappen ist oberhalb des Portals angebracht, zwischen den allegorischen Figuren der Gerechtigkeit (links, erhobenes Schwert in der Rechten, hochgeschobene Augenbinde, Kaufmannswaage in der Linken) und der Frömmigkeit (rechts, in der Linken ein Kreuz, in der Rechten ein aufgeschlagenes Buch mit dem Text "FÜRCHTE GOTT / THUE RECHT / SCHEUE NIEMAND"). Zuerst waren diese beiden Allegorien von einem Gnodstadter Bildhauer angefertigt worden, aber dieser hatte die Statuen zunächst etwas grob und nicht zur Zufriedenheit des Bürgermeisters ausgeführt, so daß Bildhauer aus Ochsenfurt die Figuren nachbessern mußten. Die Wappenkartusche ist am unteren Rand auf das Jahr 1787 datiert. Das Wappen ist dasjenige der Grafen von Rechteren als Inhaber der Grafschaft Limpurg-Speckfeld.

Sommerhausen und Winterhausen gehörten bereits seit dem frühen Mittelalter zusammen. Früher gab es sogar einen gemeinsamen Namen: Ahusen. Beide Orte sind fast symmetrisch mit ihrer Struktur, mit ihren beiden Kirchen und mit den außerhalb der Mauern am Fluß gelegenen zusätzlichen Kirchen. Das Schwergewicht lag jedoch auf dem naturräumlich begünstigten Sommerhausen, wo sich mit dem Schloß auch der Herrschaftssitz befand. In der ersten Hälfte des 15. Jh. kam der Doppelort an die Schenken von Limpurg. Die Grafschaft Speckfeld wurde nach dem Tod des ohne Kinder verbliebenen Johannes von Hohenlohe-Speckfeld im Jahre 1412 durch Erbgang unter den von Castell und den von Limpurg aufgeteilt. Graf Wilhelm zu Castell und seine Frau Anna geb. Helfenstein verkauften am 10.2.1435 ihren Anteil an der Grafschaft Speckfeld an Schenk Konrad von Limpurg. Dazu gehören Winterhausen, Sommerhausen, Lindelbach und die Mühle zu Winterhausen. Dadurch war die Grafschaft Limpurg-Speckfeld wieder in einer Hand vereint. 1441 teilten sich die Brüder Konrad IV. und Friedrich V. Schenk von Limpurg ihr Gebiet in zwei gleich große Teile auf, ersterer hatte Gaildorf als Zentrum, letztere Speckfeld. Beide Linien waren unabhängig und in ihrem jeweiligen Territorium souverän. Und beide Linien teilten sich in der nächsten Generation noch einmal, die ältere in die Linien Gaildorf und Schmiedelfeld, die jüngere in die Linien Speckfeld und Obersontheim. Die Speckfeldische Linie erlosch endgültig mit Georg Eberhard von Limpurg (3.10.1643-11.4.1705) im Jahre 1705; seine Töchter vererbten den Besitz an die Grafen von Rechteren und an die Grafen von Pückler. Die Schlüsselehe ist die zwischen Amalia Alexandrina Friderica Gräfin von Limpurg-Speckfeld (4.1.1689-2.4.1754), Miterbin von Speckfeld und Obersontheim, die nach kinderloser erster Ehe in zweiter Ehe Joachim Heinrich Adolph Graf von Rechteren (28.12.1687-15.3.1719) hatte, wodurch ihr Anteil an Limpurg-Speckfeld, vermehrt noch durch das Erbe ihrer kinderlosen Schwester Christine Caroline Henriette Gräfin von Limpurg-Speckfeld (26.11.1691-13.11.1765), an die ursprünglich niederländischen bzw. geldernschen Grafen von Rechteren überging.

Das Wappen der Grafen von Rechteren-Limpurg-Speckfeld ist geviert, Feld 1 und 4: in Gold ein durchgehendes rotes Kreuz (Grafen von Rechteren), Feld 2 und 3: Limpurg, erneut geviert, Feld a und d: in Rot vier aufsteigende silberne Spitzen, Feld b und c: in Blau 5 (3:2) aufrechte silberne Heerkolben. Dazu werden zwei Helme geführt: Helm 1 (rechts): auf dem Helm mit rot-goldenen Decken ein hier roter, golden gestulpter Hut, besteckt mit einer goldenen Straußenfeder (Grafen von Rechteren, Farben normalerweise genau andersherum), Helm 2 (links): auf dem Helm mit eigentlich blau-silbernen, hier auch rot-goldenen Decken zwei rot-silbern im Spitzenschnitt geteilte Büffelhörner, in den Mundlöchern jeweils mit einem rot-silbern mit vier Spitzen geteilten Fähnchen besteckt (Schenken von Limpurg).

Mit der Jahreszahl 1787 verbindet Winterhausen ein im Pfarrarchiv aufbewahrtes Dokument, das "Besitzergreifungspatent der Grafen von Rechteren-Limpurg-Speckfeld" vom 6.8.1787, in welchem Friedrich Ludwig Christian Graf von Rechteren-Limpurg-Speckfeld (29.2.1748-8.9.1814) und sein Bruder Friedrich Reinhard Burkhard Rudolph Graf von Rechteren-Limpurg (22.9.1751-20.6.1842) ihren Untertanen formell mitteilten, daß sie beide ab sofort die Grafschaft regieren und in Winterhausen das Sagen haben. Nachdem die Untertanen den beiden Brüdern gehuldigt hatten, dankte ihnen Graf Friedrich Reinhard Burkhard Rudolf, der mit 19 Jahren zur See gefahren ist und 1781 in einem französischen Regiment an den amerikanischen Befreiungskriegen gegen England teilgenommen hatte, am 16.8.1787 dafür und versprach huldvoll Schutz und Fürsorge. Er war der letzte regierende Graf in Winterhausen. 1803 wurde im Zuge der napoleonischen Kriege in Sommerhausen und in Winterhausen nun ein bayerisches Besitzergreifungspatent angeschlagen. Der Graf ließ es herunterreißen und verteilte Waffen an die Bürger. Also verlieh Bayern seinem Anspruch mit einem Militärkommando Nachdruck, und beide Orte wurden bayerisch.

Das zweite Wappen ist am Portalsturz unter der oben genannten Inschrift auf dem Keilstein angebracht, die Jahreszahl 1738 in zwei Ziffernpaare teilend. Die ovale Kartusche ist geteilt, oben in Blau eine abnehmende, gesichtete goldene Mondsichel, unten in Silber eine an grünem Rebstück mit zwei grünen Blättern herabhängende rote Weintraube, das Winterhausener Kommunalwappen.

Das dritte Wappen ist an der Fassade rechterhand unterhalb der beiden rechten Fenster der Südseite in eine kleine rechteckige Vertiefung eingestellt, offensichtlich eine Zweitaufstellung einer Spolie. Es wird ebenfalls das Kommunalwappen von Winterhausen dargestellt, wobei sich hier die Enden der Mondsichel berühren und einen Kreis formen. Die Kartusche wird von zwei nach außen gerichteten, kauernden Löwen begleitet, deren Schwänze dekorativ zwischen den Beinen hindurch nach vorne geschlagen sind und an der Schulter vorbei senkrecht nach oben gezogen sind. Die Vorderpranken stehen auf einer Kugel, die Hinterbeine nehmen eine Hockstellung ein.

Das Kommunalwappen des Marktes Winterhausen ist in der heute verwendeten Form blau-silbern geteilt, oben zwischen fünfzehn sechsstrahligen silbernen Sternen schwebend eine abnehmende, gesichtete goldene Mondsichel, unten eine an grünem Rebstück mit zwei grünen Blättern hängende rote Weintraube. Die Symbolik der unteren Hälfte ist durch den örtlichen Weinbau selbsterklärend, die obere Hälfte wird insbesondere durch Vergleich mit dem Wappen des gegenüber auf der anderen Mainseite liegenden Sommerhausen verständlich: Dieser Markt führt einen blau-silbern geteilten Schild, oben eine strahlende, gesichtete goldene Sommersonne, unten an grünem Rebstück zwischen zwei grünen Blättern eine blaue Weintraube hängend. Sommer und Winter werden durch die obere Hälfte dargestellt, bei Sommerhausen die sommerlich glühende Sonne, bei Winterhausen entschied man sich aber nicht für Eiszapfen und Schneekristalle, sondern für die Nachtsymbole Mond und Sterne. Winterhausen hat nun mal eine schlechtere Sonnenlage im Vergleich zu Sommerhausen mit seinen Südhängen, und für die Abwesenheit von Sonne entschied man sich für die Zeichen der Nacht, auch wenn es nicht ganz treffend im Sinne eines redenden Wappens ist und der Ort nicht "Nachthausen" heißt. Kritik ist jedoch müßig, weil das Wappen seit 1722 belegt ist (Siegelabdruck), dort noch mit einem Berg unter der Traube. Die Farben Blau und Silber sind diejenigen des Wappens der Limpurger, weil Winterhausen (und auch Sommerhausen) zum Gebiet von Limpurg-Speckfeld gehörten. Zufall oder Absicht: Beide Märkte machen mit dem Patrozinium ihrer Kirchen ihrem jeweiligen Namen Ehre, denn die Pfarrkirche von Wintershausen ist dem heiligen Nikolaus geweiht, so daß das Patroziniumsfest im Winter liegt (6.12.), und die Pfarrkirche von Sommerhausen ist dem heiligen Bartholomäus geweiht, so daß auf der gegenüberliegenden Mainseite das Patroziniumsfest im Sommer (24.8.) gefeiert wird.

Bauten im Umfeld:
Gegenüber des Rathauses steht das Wachhaus von 1740, dort hatte der Nachtwächter seinen Unterstand, und dort gab es auch noch eine weitere Arrestzelle. Seitlich links neben dem Rathaus steht ein giebelständiges Gebäude, das ist das Kantorat (Abb. oben). Es wurde 1510 erbaut und ersetzte das vorherige Schulgebäude am Mauritiusplatz.

Zwei Klassenzimmer gab es im Erdgeschoß; der Lehrer wohnte im Obergeschoß. Kantorat nannte man das Gebäude, weil der Lehrer zugleich die Kirchenorgel spielte und den Kirchenchor leitete. Der Fachwerkaufbau kam erst im 17. Jh. hinzu. Bis 1890 erfüllte das Kantorat seinen Zweck, dann zog die Schule in ein neues Gebäude an anderer Stelle. Heute ist das Kantorat Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde. Auch am Kantorat ist das Kommunalwappen von Winterhausen am Bogen angebracht, allerdings in einer modifizierten, fast naiven Form (Abb. unten) und mit abweichenden Stellungen der Figuren und abweichenden Farben. Es ist am Portalbogen ganz rechts unten an der Giebelfassade zu finden.

In Winterhausen kann man auch an anderer Stelle heraldische Spuren der Zugehörigkeit zur Grafschaft Limpurg-Speckfeld finden. Das unten abgebildete Wappen ist an einem Torbogen des Hauses in der Hauptstraße 8 angebracht. Dieses zweigeschossige, verputzte Halbwalmdachhaus, das im Kern aus dem 17. Jh. stammt, ist unten gemauert und trägt ein Obergeschoß aus verputztem Fachwerk.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@49.7070623,10.01541,20z - https://www.google.de/maps/@49.7070623,10.01541,84m/data=!3m1!1e3
Wappen von Winterhausen auf den Seiten des Hauses der Bayerischen Geschichte:
https://www.hdbg.eu/gemeinden/index.php/detail?rschl=9679206
Wappen von Sommerhausen auf den Seiten des Hauses der Bayerischen Geschichte:
https://www.hdbg.eu/gemeinden/index.php/detail?rschl=9679187
Informationstafel vor dem Gebäude
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9
Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder - die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart. C. H. Beck Verlag München 7. Auflage 2007, ISBN 978-3-406-54986-1
Grafen von Rechteren-Limpurg:
https://de.wikipedia.org/wiki/Rechteren-Limpurg - https://nl.wikipedia.org/wiki/Van_Rechteren
Schloß Rechteren:
http://www.kasteelonline.nl/rechteren.html
Limpurg-Rechteren:
http://wuerzburgwiki.de/wiki/Limpurg-Rechteren
Chronik von Winterhausen:
https://www.winterhausen.de/fileadmin/img/Seiteninhalte_Winterhausen/Gemeindearchiv/Kalenderblatt/kb.2010.html - https://www.winterhausen.de/fileadmin/img/Seiteninhalte_Winterhausen/Gemeindearchiv/Kalenderblatt/kb.2012.html - https://www.winterhausen.de/fileadmin/img/Seiteninhalte_Winterhausen/Gemeindearchiv/Kalenderblatt/kb.2014.html - weitere Kalenderblätter: https://www.winterhausen.de/fileadmin/img/Seiteninhalte_Winterhausen/Gemeindearchiv/Kalenderblatt/kalenderblaetter.html

Ein Erbstreit und die heraldischen Folgen: das Schicksal des Limpurger Territoriums

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