Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2628
Augustusburg (Landkreis Mittelsachsen)

Schloß Augustusburg

Schloß Augustusburg liegt ca. 15 km östlich von Chemnitz bzw., in Nord-Süd-Richtung gesehen, zwischen Flöha und Zschopau auf einer Bergkuppe über dem Zschopautal. Am schönsten ist es, sich vom Tal der Zschopau zu nähern, weil man dann schon von weit das wie eine Krone auf dem Schellenberg liegende Schloß sieht. Nicht umsonst nennt man das Schloß "Krone des Erzgebirges". Die landschaftliche Lage ist idyllisch und spektakulär zugleich. Das Schloß wird auf der ganzen Westseite nur von Wald begrenzt; der alte Ort liegt nördlich im Schatten der gewaltigen Anlage. Auch wenn der moderne Ort sich mittlerweile am Schloß entlang nach Süden entwickelt hat, thront das Schloß nach wie vor als unbestrittene Dominante auf dem höchsten Punkt des Ortes.

Ansicht von Süden, links Hasenhaus, rechts Küchenhaus

Das Schloß wurde 1568-1573 erbaut. Zuvor stand hier eine ältere Burganlage der Reichsministerialen von Schellenberg, die aber 1528 durch Brand und 1547 durch Blitzschlag stark beschädigt worden war. Zuletzt hatte sie nur noch als Gefängnis gedient. Die Reste der Burg, darunter der alte Bergfried, wurden abgerissen. Bauherr des neuen Schlosses war Kurfürst August I. von Sachsen (regierte 1553-1586), der sich hier ein Jagdschloß errichten ließ. Er war einer der erfolgreichsten Herrscher in der Geschichte Sachsens. Er muß aber auch ein schwieriger Bauherr gewesen sein, der zwar durchaus sachkundig in architektonischen Fragen war, aber sich ständig in die Bauarbeiten einmischte und aufgrund seines penetranten und knauserigen Charakters den Bauleitern und Handwerkern das Leben schwer machte. Seine Einmischungen waren gefürchtet.

Ansicht von Südosten, Küchenhaus und ganz rechts Kirche

Der Baumeister des Schlosses war Hieronymus Lotter (1497-1580). Er war schon 71 Jahre alt, Kaufmann und Bürgermeister von Leipzig, als der Kurfürst ihn als Architekten gewann. Den Kurfürsten hatte beeindruckt, wie schnell Lotter den Bau des Leipziger Rathauses unter Dach und Fach gebracht hatte, und da er es eilig hatte, traf er sich mit Lotter zum ersten Mal im Juli 1567 auf dem Lotterhof zu Geyer. Der aber zog nicht recht mit, erst die Ehefrau des Kurfürsten konnte ihn mit Bitten und Versprechungen erweichen, die Aufgabe doch zu übernehmen. Er hatte sich ausbedungen, die alleinige Bauleitung innezuhaben, ohne Beaufsichtigung durch einen höheren Beamten, und er verlangte Selbständigkeit. Der eigentliche Entwurf, die Idee, das Konzept des Schlosses wurden wohl vom Kurfürsten selbst anhand von architekturtheoretischen Büchern aus Italien und Frankreich entwickelt. Dafür spricht, daß das Schloß konzeptionell weil mehr eine ideale, symbolische Idee als ein praktisches Gebäude ist. Und der Kurfürst selbst war es, der zusätzliche Ideen in den voranschreitenden Bau einbrachte, wie z. B. die, den Eckhäusern auf einmal Türme aufzusetzen. Lotter hingegen mußte sich darum kümmern, wie das statisch zu bewerkstelligen war und wie man auf einmal dickere Mauern auf Kosten der Raumdimensionen hinbekommt, weil man die Fundamente nachträglich nicht mehr vergrößern konnte.

Innenhof, Blick nach Norden, links Sommerhaus, rechts Lindenhaus

Schon im September 1567 wurden vor Ort die Pläne und Vorbereitungen besprochen. Nach Abbruch der Ruine Schellenberg bekam Lotter das Abbruchmaterial geschenkt; es reichte zum Bau eines Hauses in der Nähe der Baustelle, von dem aus er den Bau beaufsichtigte. Die Baugrube wurde noch im gleichen Jahr ausgehoben. Die feierliche Grundsteinlegung erfolgte am 30.5.1568. Es ging mit ziemlichem Tempo los: In diesem Monat Mai arbeiteten zu Anfang 232 Maurer auf der Baustelle, dazu 120 Helfer, 84 Kalkjungen, 30 Kalkstößer, 63 Kalkführer, 52 Kalksetzer, 232 Handarbeiter, 10 Rüstmeister u.v.a.m. Der Kurfürst überwachte den Baufortschritt persönlich und überließ nichts dem Zufall. Oder sagen wir, wie es die andere Seite wohl empfand, mischte sich aber auch in alles ein. Lotter hatte bei Schloß Augustusburg nämlich mehr die Rolle eines Oberbauaufsehers als die eines Entwerfers, denn bei seiner Berufung gab es schon eine Idee und ein Holzmodell des Schlosses. Mit der Selbständigkeit war es auch nicht weit her, denn der Landesherr duldete nicht die kleinste Eigenmächtigkeit. Lotter tat alles, um den Bau voranzutreiben, was bei der abgelegenen Lage ein Meisterwerk der Logistik war. Lotter streckte sogar die Baukosten für seinen Fürsten vor. Dennoch fiel auch er am Ende 1571 in Ungnade, weil es dem Kurfürsten nicht schnell genug ging mit dem Baufortschritt und weil die Kosten in seinen Augen ausuferten. Der nächste Bauaufseher wurde 1572 der Florentiner Rochus Guerrini Graf zu Lynar. Lotter wurde 1572 der Zutritt verwehrt, als er noch einmal wegen einer Endabrechnung mit den Handwerkern nach Augustusburg kam. Er hinterließ drei völlig fertige Eckhäuser, die Kirche und sämtliche Zwischenhäuser. Nur die Vollendung des Hasenhauses, die Brücke mit dem Vortor und den Wachhäusern und die Wagenhäuser wurden von seinem Nachfolger geleistet. Im Winter 1573/1574 war das Schloß bezugsfertig.

Wirtschaftshof, Blick an den Ställen vorbei zum Hochschloß

Trotz der Lage des Schlosses weitab von den historischen Zentren der Macht ist das Schloß dennoch eines der größten Schlösser und einer der repräsentativsten Bauten der Renaissance in Sachsen. Das in diesem Schloß zum Ausdruck kommende Repräsentationsbedürfnis erklärt sich aus der nachreformatorischen Herausbildung moderner Flächenstaaten, deren Machtanspruch mit solchen Schlössern in Szene gesetzt wurde. Denn dieser Kurfürst schuf das Sachsen, das spätestens 150 Jahre später europäische Großmacht war. Das Schloß war nie für den dauerhaften Aufenthalt geplant. Die meiste Zeit des Jahres wachte hier nur eine kleine Stamm-Mannschaft aus Verwalter und Gehilfen und hielt alles auf niedrigem Niveau bereit für den Tag, an dem die große Gesellschaft kam. Auch die Räume waren praktisch von allem Nichtnotwendigen frei, wie ein eingemottetes Hotel. Der Kurfürst weilte insgesamt nur zehnmal nach Fertigstellung auf seinem Schloß. Doch wenn er über den sogenannten Fürsten- oder Herrenweg, der Augustusburg über Grillenburg und Freiberg mit der Dresdner Residenz verband, kam, mußte in kürzester Zeit alles von fast Null auf 100 % hochgefahren werden: Denn dann rückten erst die Wagentrecks mit Inventar und Lebensmitteln, dann ein paar Hundert Personen und Pferde und Hunde an, der Kurfürst mit seiner Familie, dem Hofstaat und den Jagdgästen. Und entsprechend schnell mußte der ganze Versorgungsapparat hochgefahren werden.

Eingang mit Wachhäusern, von Süden gesehen

Nach Kurfürst August versank das Schloß im Dornröschenschlaf. Der Sohn und Nachfolger des Bauherrn, Christian I., logierte während seiner Regierungszeit nie in Augustusburg. Zuletzt wurde Schloß Augustusburg von den sächsischen Herrschern im Jahre 1772 genutzt. 1790-1849 diente das Schloß auch als Gefängnis. 1798-1802 erfolgte eine umfassende Renovierung, bei der entsprechend dem klassizistischen Zeitgeschmack einige Dachaufbauten und die früher aus dem Dach ragenden Kamine entfernt wurden. Dabei entfernte man auch die früher unter dem Dach umlaufende Galerie, deren Bleiabdeckung schon zuvor geplündert worden war, was den Verderb der Galerie bis zur Baufälligkeit beschleunigt hatte. 1831 ging das Schloß ins Eigentum des neu verfaßten Staates über, und man verlegte Ämter hierher und baute Wohnungen ein. Dabei gingen etliche historische Wandmalereien unwiederbringlich kaputt. In den 1920er Jahren hielt eine Jugendherberge Einzug. 1922 wurde im Schloß eine Erzgebirgsschau eingerichtet, die bis 1933 bestand. 1933-1945  wurde das Schloß von einer Gauführerschule genutzt. 1950 hielt ein Heimatmuseum Einzug. Weitere Museen folgten 1961. Eine Jugendherberge besteht hier immer noch. Eine umfassende Restaurierung des Schlosses fand 2007-2011 statt, so daß es sich heute in Bestzustand präsentiert.

nördlicher Eingang mit Wachhäusern, Innenseite

250 m lang und 90 m breit ist das Gebäudeensemble, das im wesentlichen aus drei Baugruppen besteht. Ganz im Norden liegt eine kleine Vorbastion, durch die Brückenauffahrt (1573) zum Hauptschloß von diesem getrennt. Zwei schräg zum Weg gestellte Rechteckbauten (Wachhäuser, 1573) stehen auf Lücke in rechtem Winkel zueinander, knicken jeweils ein kurzes Stück wie zu einem Trichter zur Mitte und zum Torweg hin ab, wo ein Querbau mit der eigentlichen Tordurchfahrt die Lücke schließt. Insgesamt ergibt sich im Grundriß eine W-Form mit verstutzter Mitte, wo sich das Tor befindet. An das Torhaus schließt sich eine gemauerte Umfriedung rings um das Kernschloß an. In der Nähe liegt der Falkenhof; auch heute noch hält ein Falkner auf Augustusburg das Kulturerbe der Falknerei lebendig.

Nordportal des Hochschlosses

Wenn man die Brücke zum Schloß zum Schloß überquert, kommt man zum Prunkportal aus Rochlitzer Stein. Das schwere Geländer springt hier beiderseits nach außen, um den Weg auf die ganze Breite der Portalanlage zu weiten. Eine Fugenrustika-Blende rahmt die Mitteldurchfahrt und zwei seitliche Fußgängerpforten, über denen jeweils ein kreisrundes Fenster angebracht ist. Vier Pilaster rahmen die Durchgänge und tragen die Attika, wo sich einst Trophäen-Malerei befand. Über dem Mitteltor sehen wir auf dem Schlußstein einen Männerkopf mit Widderhörnern, über den beiden Nebenpforten Löwenköpfe mit zum Zopf geflochtenen Spitzbärten und Widderhörnern. Der Blick auf den Grundriß offenbart, daß von den zwei Nebenpforten nur eine Tür rechts eine echte Nebenpforte für Fußgänger ist, die andere, aus Symmetriegründen links angelegte, aber nur eine Mauerblende darstellt, hinter der eine alte Küche liegt. Mehrere riesige, bis 27 cm hohe Steinmetzzeichen sind auf den Steinen der Portalblende eingeschlagen. Rechts des echten Fußgängerdurchgangs liegt die Torstube.

 

Details vom Nordportal, Schlußsteine der Seitenpforten

Auf die beiden Torflügel ist ein kursächsisches Wappen in illusionistischer Rollwerkumrahmung gemalt, gespalten aus den schräggekreuzten roten Kurschwertern in schwarz-silbern geteiltem Feld und dem Rautenkranzwappen des Herzogtums Sachsen. In der Mittelachse befindet sich darüber ein einzelnes Fenster, das von zwei Halbsäulen auf hohen Postamenten gerahmt wird, seitlich füllt kräftiges Beschlagwerk mit schneckenförmig eingerollten Enden die Zwickel. Rechts und links des Fensters sind noch einmal zwei Wappenkartuschen in den Schmuck des Rahmens eingearbeitet, einerseits der Rautenkranzschild, andererseits die Kurschwerter. Das ist jeweils so klein, daß in der Baumasse gar nicht richtig auffällt. Früher befanden sich über der Hauptpforte kupferne Inschriftentafeln, die zuletzt 1770 beschrieben werden. Unter dem Dachansatz läuft ein Konsolfries um, der früher einmal die Galerie trug. In der Mittelachse befindet sich im Dach eine Gaube mit Ausgang auf einen winzigen Dachbalkon mit einer auf drei Seiten umlaufenden Balustrade.

 

Details vom Nordportal, Schlußstein des Mittelportals und mit Wappen bemalte Torflügel

Das eigentliche Schloß an der höchsten Stelle des Berges hat eine ganz eigenwillige Grundform. Es bildet eine architekturtheoretische Idealform, deren streng geometrischem Grundkonzept sich die Funktionen unterordnen. Einerseits ist das Schloß dem Kastelltyp verhaftet, mit quadratischer Grundform und einem Turm in jeder Ecke. Andererseits liegt dem Bau der Pavillon als Einzelstruktur zugrunde, und in vier ähnlich gestalteten Pavillons von gleichen Außenmaßen werden die Funktionen untergebracht, ohne daß man dem einzelnen Pavillon von außen seine speziellen Aufgaben ansehen könnte. In jeder der vier Ecken des ca. 85 m x 85 m messenden Quadrates steht ein ebenfalls quadratischer Pavillon, dessen Dach wieder ein quadratisches Türmchen aufgesetzt ist. Die Verbindungsstücke sind nur schmale Gänge, so daß die Mitte jeder Längsseite des Quadrates dünn und ohne gewichtige architektonische Strukturen bleibt. Der Hof erhält dadurch die Form eines griechischen Kreuzes. Es gibt quasi keinen architektonischen Höhepunkt, der sich von außen als Zentrum der Macht identifizieren ließe, kein gebautes Zentrum. Wer in der Mitte des Hofes steht, erblickt in jeder Richtung ein mit einem Turm akzentuiertes Zentrum: Erst alle vier Zentren bzw. Pavillons zusammen ergeben wie ein Kronreif das Schloß. In der Mitte des Hofes steht man im Fadenkreuz von zwei Achsenkreuzen, die um 45° gegeneinander verdreht sind, das eine Achsenkreuz wird durch die 66 m lange Verbindungslinie zwischen nördlichem und südlichem Tor einerseits und der 64 m langen Senkrechten dazu andererseits aufgespannt, das andere geht durch die vier Türme und besteht aus den beiden 122 m langen Diagonalen des Quadrats. Die lichte Diagonale von Ecke zu Ecke der Pavillons beträgt allerdings nur 41 m.

inneres Nordportal

Ideale Architektur, oder fast ideale, denn es gibt mehrere Unregelmäßigkeiten: Der nördliche Verbindungsbau (1570) besitzt ein durchgehendes Dach und eine zum Hof hin gerade Mauerflucht, aber der südliche Verbindungsbau (1570) besitzt ein kleines zweistöckiges, schlankes Uhr-Türmchen (1572) über dem Südeingang mit Ziffernblättern auf der Hof- und auf der Außenseite, dazu ist der mittlere Abschnitt etwas schmäler als die beiden seitlichen Ansatzstücke mit den Treppenhäusern der angrenzenden Pavillons, so daß die Mauerlinie zum Hof hin zwei Versätze hat, die im Norden gegenüber fehlen, weil sich die Treppenhäuser der beiden nördlichen Pavillons an den Seiten befinden, in der Ecke zum Galeriebau und in der Ecke zur Kirche. Diese vier Treppenhäuser bilden jeweils eine Ecke im idealen griechischen Kreuz des Innenhofs, die aber angesichts der Wucht der ansonsten herrschenden Regelmäßigkeit nicht wirklich ins Gewicht fällt. Die zweite Unregelmäßigkeit ist sogar von außen zu sehen, denn der östliche Verbindungsbau, der die turmlose Schloßkapelle (1569) enthält, ist doppelt so breit wie der westliche Galeriebau (1570). Da er aber die Proportionen im Hof wahrt, springt die Hälfte dieses Zwischenbaus 8 m nach außen vor, und nur der Dachfirst liegt auf der idealen Seitenlinie eines Quadrates. Und auch der westliche Verbindungsbau (Galeriebau) hebt sich von denen im Norden und Süden dadurch ab, daß er zum Innenhof hin Rundbogenarkaden besitzt. Die einstöckigen Türme über den Pavillons ragen ebenfalls nicht überall gleichermaßen architektonisch puristisch aus der Dachlandschaft heraus, weil Ausbauten über der durchgehenden Dachansatzlinie Zwischenebenen und Zwischenflächen schaffen und die Dächer dieser Ausbauten ihrerseits bis an den Dachansatz der Türme reichen. Einige der früher in größerer Anzahl vorhandenen Dachaufbauten wurden an der Wende vom 18. zum 19. Jh. nach Plänen des Oberlandbaumeisters Christian Traugott Weinlig entfernt, so daß die Dachlandschaft vereinfacht wurde.

inneres Südportal, flankiert von zwei Treppenhäusern, links Küchenhaus, rechts Hasenhaus

Zur Hofseite sind die Bauten bis zum Traufgesims durchweg zweigeschossig. In den vier Pavillons erreicht man ein drittes nutzbares Geschoß durch entsprechenden Ausbau der Dachebene mit Dachhäusern. Von außen her wirkt das Schloß höher, weil sich die beiden Vollgeschosse über hohen Substruktionen erheben, die auch ein Kellergeschoß aufnehmen. Bauschmuck ist spärlich, um so dominanter ist die Idealform. Die Außenwände sind konsequent ohne Fassadengliederung; die Fenster sind einfache Rechteckfenster. Die Fassaden sind schlicht, als Bauschmuck sehen wir lediglich die beiden prächtigen Portale. Hier äußert sich die Sparsamkeit des Bauherrn, dem Zweckmäßigkeit wichtiger war als Bauschmuck. Wenn man sich vorstellt, welche Wirkung eine höhere Durchbildung des Äußeren mit trennenden und verbindenden Gliedern und mit profilierten Architekturteilen hätte entfalten können, ahnt das architektonisch Verpaßte - es hätte ein Rausch der Renaissance werden können und wurde doch eher eine Bergfestung mit ideal angeordneter, aber doch gering durchgebildeter Baumasse.

links Sommerhaus, rechts Lindenhaus, in der Mitte inneres Nordportal

Der Innenaufbau der Pavillons offenbart die organisatorische Struktur des Schlosses. Die Grundrisse sind in allen Pavillons in allen Geschossen etwa ähnlich und basieren auf dem Appartement-Prinzip. In der Mitte legt jeweils ein großer Saal, und um diesen sind in den Hauptgeschossen vier Appartements aus jeweils einem Wohnzimmer und einem Schlafzimmer gruppiert, aus beheizbarem Gemach und Vorgemach. Sonder-Räume waren Tafel- und Hofstuben sowie größere Festsäle. In diesen vier Eck-Pavillons fanden so die kurfürstliche Familie mit ihrer Hofhaltung und die Gäste der Jagdgesellschaften mit ihrer jeweiligen Dienerschaft Unterbringung und Versorgung. Konzeptionell neu sind die Treppen, die nach italienischem Vorbild mit geraden Läufen gestaltet wurden. Bislang waren Wendeltreppen üblich. Diese Neuerung wird dem Einfluß Lotters zugeschrieben. Die jeweils dritte Ebene der Pavillons unterscheidet sich maßgeblich von den anderen, das liegt an dem unterschiedlichen Ausbau der Dachgeschosse.

Südportal

Im Inneren der Räume sind Malereien aus der Bauzeit teilweise erhalten. Hauptsächlich wurden Kamine, Türen und Fenster mit Malerei eingefaßt und die Leinwanddecken in den oberen Etagen bemalt. Von den Motiven her dominieren illusionistische Scheinarchitekturen, wobei Säulenordnungen als Träger für Rollwerk, Beschlagwerk, Ornamente, pflanzliche Motive und figürliche Szenen mit mythologischem Hintergrund dienen. Auch Marmorgesimse wurden so vorgetäuscht. Alle vier Pavillons haben im Prinzip eine ähnliche Ausmalung, wobei allerding thematische Präferenzen sichtbar werden, die die Gebäude ikonographisch singulär werden lassen. Einige Räume werden nach dem Thema der Malereien benannt, wie z. B. die Affenstube oder die Zeisigstube, oder das ganze Hasenhaus. Der Kurfürst beauftragte den Hofmaler Heinrich Göding (1531-1606) mit der Ausmalung; dieser war ein Schüler Lucas Cranachs d. J. Ausgeführt wurden die Arbeiten von Juni 1570 bis Januar 1573, zweieinhalb Jahre. Der Maler Christof Enderle und dessen Gesellen und Lehrjungen halfen bei der Ausführung. Da es sich um ein Jagdschloß handelte, wurden die Wände früher auch mit Jagdtrophäen geschmückt; zu Zeiten des Kurfürsten August sollen hier über 4000 Geweihe und geschnitzte Tierköpfe befestigt gewesen sein. Die Inventarlisten aus jener Zeit sprechen von mehreren Tausend Trophäen von Hirschen, Rehen, Steinböcken, Gemsen etc., und ein Inventar von 1687 listet noch 2159 Stücke auf.

ganz links Galeriebau, dann Treppenhaus, Mitte Sommerhaus, rechts inneres Nordportal

Die vier Pavillons hießen Sommerhaus (Nordwesten, 1568 erbaut), Lindenhaus (Nordosten, 1569), Küchenhaus (Südosten, 1569) und Hasenhaus (Südwesten, 1569 Beginn, 1572 vollendet). Das Sommerhaus war zur allgemeinen Nutzung gedacht, hier waren die Tafelstuben zum gemeinsamen Essen, und hier lagen Gäste-Appartements. Vom Saal aus gelangte man zu zwei oder drei Stuben zur Nutzung durch den Landesherrn. Im Saal wurde im Zuge der Restaurierung des Schlosses ein bauzeitlicher Kamin freigelegt. Die zentrale Nord-Süd-Achse mit Saal und Tafelstube wird flankiert von 2 x 2 Appartements, wobei die Schlafkammern innen an den Pavillon-Seiten und die Stuben in den Pavillon-Ecken lagen. Im 2. Obergeschoß befand sich der Tanzsaal, um den sich eine Holzempore für Musikanten zog. An der Südwestecke ist im Eck zum Galeriebau das Treppenhaus angebaut.

ganz rechts Schloßkirche, Mitte Treppenhaus, links Lindenhaus

Das Lindenhaus, nach der alten Schloßlinde benannt, war für die kurfürstliche Familie reserviert. Der Kurfürst selbst bewohnte das Erdgeschoß. Seine Schlafkammer bildete die Mitte der Nordseite, seine Stube das Nordosteck. Der Erdgeschoßraum im Südwesten wird als Studierstube Herzog Christians bezeichnet. Im 1. Obergeschoß wohnten die herzoglichen Kinder. Hier gibt es die sog. Affenstube, wegen des Hauptthemas der Malereien so genannt. Sie war eines der Appartements, in den die Prinzen und Prinzessinnen wohnten, nennen wir es ein Kinderzimmer. Heute gilt sie als das besterhaltene Wohn-Appartement. Die Zimmer für die Damen lagen im 2. Obergeschoß. Im Südosteck liegt im Winkel zur Kirche das Treppenhaus, angrenzend auf der Nordseite der Kirche die Badestube, schon im nach Osten ausgestellten Mittelteil. Über dieser lag im Zwischengeschoß die Jungfrauenbadestube.

Im Küchenhaus lagen, wie der Name schon andeutet, die Küchen für die Fürstenfamilie und den Hof samt Nebenräumen, so daß dieser Pavillon das allgemeine Versorgungszentrum war. Da eine kurfürstliche Jagdgesellschaft mehrere Hundert Personen umfassen konnte, wirkte hier mindestens ein Dutzend Köche. Im 2. Obergeschoß lag die Hofstube, hier speiste die fürstliche Familie mit den Jagdgästen. Im Detail gab es in diesem Pavillon eine Essigstube, eine Pastetenstube, eine Salzkammer, eine Käsekammer, eine Küchenschreiberstube und eine Silberkammer für Geschirr und Besteck. Die eigentliche Koch-Küche im Erdgeschoß war in die Bratküche und die Große Küche unterteilt, jede mit einer eigenen Feuerstelle. Aber auch Kleidung war ein Hauptthema der Versorgung, hier gab es eine Schneiderstube und ein Kleider- und Kastenzimmer. Ein im Küchenhaus eingerichtetes, 1961 eröffnetes  Museum ist die Sammlung historischer Motorräder, die mit mehr als 170 Maschinen aus 130 Jahren umfangreichste Zweiradsammlung Europas, in der viele Unikate ausgestellt sind. Für die Gründung dieses Museums hat die Nähe des DKW-Werks, später das bis 1992 bestehende Werk MZ in Zschopau eine Rolle gespielt. Im Hasenhaus quartierte man früher Jagdgäste ein, genau wie im Sommerhaus.

Blick von Südwesten auf die Südfront

Im Hasenhaus ist heute im 1. Obergeschoß das Museum für Jagdtier- und Vogelkunde untergebracht. Im 2. Obergeschoß befindet sich eine Ausstellung zu Jagd und Hofhaltung. Das Hasenhaus besitzt interessante Wandmalereien. Der Venussaal besitzt noch eine vollflächige Wandbemalung mit einer Darstellung des Venusberges aus der antiken Mythologie. Die anderen, sich über drei Stockwerke verteilenden Räume besitzen ein in sich geschlossenes Bildprogramm aus 90 Einzelbildern, die ein interessantes politisches Programm darstellen: Die Hasen erringen zunächst in einer Art "verkehrten Welt" die Herrschaft, was natürlich zu Chaos führt. Wir sehen bei den Szenen beispielsweise einen Reichstag der Hasen, Sturm und Beschießung der Jägerstadt, Strafgericht über die Hunde, Triumphzug der Hasen, Hasenhochzeit, musizierende Hasen, spielende Hasen, Verklagung der Hasen bei Göttin Diana durch Jäger und Hunde etc. Schließlich kann die ursprüngliche Ordnung mit dem Fürsten als Oberboss wieder hergestellt werden, und in der gottgewollten Ordnung wird wieder alles gut, wie könnte es auch anders sein. Jäger und Hunde kämpfen gegen die Hasen und bestrafen sie durch Töten und Braten. Göttliche und weltliche Ordnung können wohl auf Zeit ins Verkehrte gedreht werden, doch werden sie immer wieder ihre Macht und Gültigkeit wiedererlangen und bestehen deshalb zu Recht. Das ist eine wirklich phantasievolle und spielerische Auseinandersetzung mit den Themen Macht und Herrschaft, Rebellion und Anarchie.

Blick von Südosten auf die Südfront

Interessant ist das Konzept dieses Malereien-Zyklus und überhaupt dieses ganzen Schlosses auch vor dem geschichtlichen Hintergrund: Wichtig für das Erstarken des Flächenstaates Sachsen war die Stärkung des Herrscherhauses in Bezug auf den rivalisierenden Adel. Nur dadurch, daß alle Macht in Dresden am Hof gebündelt wurde und der Adel in seine Grenzen verwiesen wurde, konnte Sachsen sich erfolgreich zur Großmacht heranbilden. Die Einladung des Adels zu Jagdgesellschaften und die Einquartierung in die jeweiligen Appartements im Schloß war auch ein Mittel der politischen Kontrolle. Hier läßt sich eine interessante Parallele zum ab 1519 erbauten französischen Jagdschloß Chambord ziehen, wo auch genau dieses Prinzip der Kontrolle des Adels durch seine Anwesenheit gebaute Realität mit einem ähnlichen Appartementsystem wurde. Der Hasenzyklus verleiht dieser Grundabsicht eine humoristische Note mit erhobenem Zeigefinger.

Ein ganz wichtiger Punkt war auch die Auseinandersetzung mit Wilhelm von Grumbach (Grumbachsche Händel, Einnahme der Festung Grimmenstein), in der die Machtfrage stellvertretend zugunsten des Kurfürsten geklärt wurde und in der außerdem seine Vormacht gegenüber den Ernestinischen Herzögen geklärt wurde. Das wird dadurch deutlich, daß die bei der Grundsteinlegung angefertigte Urkunde den folgenden Wortlaut enthält: "Und als Maximilianus der Andere, Römischer Kaiser und alle Stände des H. Röm. Reichs, hochgedachten Churfürsten wider Herzog Hans Friedrich zu Sachsen, Wilhelm von Grumbach und ihre Helfershelfer als Reichsächter und Landfriedensbrecher zu einem Oberfeldherrn erwählet und nach der Belagerung als das feste Schloss und Haus Grimmenstein und die Stadt Gotha im Lande Thüringen mit Heereskraft erobert, das Schloss zerschleifet und zerrissen, da hat hocherwähnter Churfürst als gewesener Feldherr dies Schloss zu einem ewigen Gedächtniss des gemachten Friedens zu bauen verordnet". So kann der Bau des Schlosses durchaus als weithin sichtbares Sieges-Denkmal und als Ausdruck der gefestigten Macht verstanden werden.

Wappen über dem inneren Südportal

Historische Zeichnungen belegen die Existenz kursächsischer Wappen über den beiden Toren auf der Außenseite. Sie haben sich nicht erhalten. Auch am Südportal ist außen das kursächsische Wappen nur vereinfacht als Bemalung der hölzernen Torflügel angebracht. Die südliche innere Pforte wurde früher von zwei Kriegerfiguren auf schwarzen Säulen verziert, die nicht mehr existieren. Das einzige noch vorhandene kursächsische Wappen ist nicht an den Außenseiten über den beiden Hauptzugängen angebracht, wo es dem Ankommenden entgegenstrahlen könnte. Im Gegenteil, es befindet sich auf der Innenseite des südlichen Zwischenstücks, über dem Durchgang zum Wirtschaftshof. Es stammt auch nicht aus der Bauzeit und ist nicht vom ursprünglichen Bauherrn, sondern wurde unter Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen dort angebracht.

Wappen über dem inneren Südportal, Details

Im Detail ist das Wappen zweimal gespalten und fünfmal geteilt mit gespaltenem Schildfuß und Herzschild:

Das Wappen führt insgesamt sechs Helme.

Ein "baugleiches" Wappen aus dem Jahre 1623 ist am Schloß Hartenfels in Torgau angebracht, am Prunkportal an der Schloßbrücke über den Bärengraben. Die Inhalte sind in ihrer Arzt gleich, die Anordnung und Verteilung der Felder im Schild ist jedoch im Detail etwas anders. Zwei goldene, hersehende Löwen dienen in Augustusburg als Schildhalter. Unter dem Wappen steht: "ANNO / ET NOSTRA HIC RESTAT VIRIDANS E GERMINE RVTA", das bedeutet: "und hier verbleibt, grünend aus ihrem Keim, unsere Raute (also der Rautenkranz)". Das darin enthaltene Chronogramm ergibt die Jahreszahl 1614. Früher standen über dem Wappen die Buchstaben "A.G.E.V.B.D.W." - der Lieblingsspruch des Kurfürsten August "Ach Gott, Erhalte Uns Bei Deinem Worte".

Tafel links vom inneren Südportal

Der Schlußstein des Torbogens darunter trägt einen behelmten bärtigen Männerkopf, den Blick zur Rechten gerichtet. Zwei Inschriftentafeln rechts und links des plastischen Wappens wurden anläßlich nachbauzeitlicher Erneuerungen ergänzt; sie tragen den Wortlaut "D.O.M. / Sospitatori / Unico / S. / Dux Avus Augustam hanc Augustus condidit arcem / Ensiger Imperii patriae in Misnensibus arvis, / Cura bis Ensigerum hanc fecit reparare Nepotum / Ex jussu primum Christiani nempe secundi" und "Jamque iterum jussit renovare Georgus / Ensiger Imperii Sacrique Vicarius olim / Imperii ut Caesar Rudolphus liquit habenas / Et nondum Caesar Matthias sumsit habenas / Est Augusta Domus, quam stirps Augusta perennet. Plures ex uno videatque Nepote Nepotes". Das Nordtor weist hingegen innen nur eine Blende mit einem Dreiecksgiebel auf einem Säulenpaar mit Attika auf.

Tafel rechts vom inneren Südportal

Übrigens gibt es auch im Inneren des Schlosses etwas Heraldik, das beschränkt aber auf gemalte Wappenkartuschen über den Türen der Räume des Eckpavillons. Die meisten Darstellungen sind Variationen des kursächsischen Wappens, etliche unter Einbeziehung des dänischen Wappens der Ehefrau des Bauherrn. Eine Kartusche zeigt nur die Kurschwerter, eine andere ist gespalten aus den Kurschwertern und den dänischen Löwen, eine dritte ist gespalten aus dem sächsischen Rautenkranz und den dänischen Löwen mit den Kurschwertern als Herzschild, eine vierte ist gespalten aus den Kurschwertern und den dänischen Löwen mit dem Rautenkranz als Herzschild, eine fünfte setzt sich zusammen aus einem gevierten Hauptschild, bestehend aus der Landgrafschaft Thüringen, der Markgrafschaft Meißen, dem Königreich Dänemark und der Markgrafschaft (Herrschaft) Landsberg, und einem aus den Kurschwertern und dem Rautenkranzwappen Sachsens gespaltenen Herzschild, und eine sechste permutiert die Inhalte und setzt Dänemark als Herzschild auf. Wieder andere Kartuschen treffen eine alternative Auswahl aus den möglichen Feldern, bauen aber irgendwo immer Dänemark ein. Die meisten dieser Varianten sind im Hasenhaus zu sehen, und fast scheint es, als wollten die völlig unüblichen Kompositionen ein wenig teilhaben an der verrückten Welt.

Wappen über dem inneren Südportal

Die Unterbringung der Schloßkapelle (1569, feierliche Einweihung am 30.1.1572) im Gesamtplan wurde bereits angesprochen, sie sprengt als einziger Raum die strenge quadratische Umrißlinie durch ihr Vorspringen auf der Ostseite, aber nur so kann das gleichmäßige griechische Kreuz des Innenhofes gewahrt bleiben. Die Schloßkapelle ist ein typisch protestantischer, zweigeschossiger Emporensaal, wie er z. B. durch die Torgauer Architektur vorgegeben wurde und sich zu einem sächsisch-protestantischen Schloßkapellenschema herausbildete. Es war eine Zeit, in der man nicht mehr große freistehende Kirchen baute, dafür um so erlesenere Schloßkirchen. Seit der Reformation und dem Augsburger Religionsfrieden war die Schloßkirche einer der wichtigsten Räume geworden. Kurfürst August war eine der treibenden Kräfte für die Vereinbarung 1555, und die landesherrliche Autonomie war eine der wichtigsten politischen Errungenschaften seiner Zeit. Das und die dadurch sich ergebende Stärkung der Territorialstaaten wurde natürlich architektonisch entsprechend gefeiert. Da die Landesfürsten die Religion in ihrem Land festlegten und damit die Religionsausübung mit der Herrschaft eng vergesellschaftet war, wurden die Mittel zum Kirchenbau nicht mehr in Stadtkirchen, sondern in diese repräsentativen Schloßkirchen gesteckt.

Wappen über dem inneren Südportal, Detail

Der Raum wird von einem Tonnengewölbe mit einer Kassettierung in Form von Beschlagwerk überspannt. Die den Raum auf drei Seiten einfassenden Emporen sind mit Korbbögen überwölbt. Die nördliche Schmalseite enthielt die kurfürstliche Empore, man konnte sie leicht vom Lindenhaus aus erreichen, wo die kurfürstliche Familie logierte. Vertikale Halbsäulen und horizontal umlaufende Bänder sind rötlich vom weißen Hintergrund abgesetzt und bilden eine harmonische Gliederung. Die dadurch entstehende Achsengliederung in der Vertikalen besitzt auf der unteren Ebene eine toskanische, in der oberen Ebene eine ionische Säulenordnung. An der südlichen Schmalseite des Raumes befindet sich keine Empore; die Wand tritt als über beide Ebenen reichende Nische unter einem Korbbogen zurück. In der Nische ist der Altar aufgestellt mit einem 2,34 m breiten und 3,18 m hohen Altarbild des Malers Lucas Cranach d. J. (1515-1586). Das Bild wird dominiert von Christus am Kreuze, doch zu Füßen des Kreuzes ist die kurfürstliche Familie versammelt, ganz links sieht man den Bauherrn des Schlosses. Ganz rechts sieht man Anna von Dänemark, des Kurfürsten einflußreiche Frau, die für ihre Einflußnahme auf die Staatsgeschäfte bekannt war. Auch die verstorbenen Kinder sind mit dargestellt; sie sind kenntlich an dem um den Hals getragenen goldenen Kreuz. Denn nur fünf der vierzehn Kinder erreichten das Erwachsenenalter. Den Hintergrund bilden Landschaftsszenen und Bibelmotive (Christus am Ölberg, Auferstehung Christi), insgesamt eine figurenreiche Fülle von Motiven. Im Hintergrund sind die Burgen Schellenberg und Lochau bei Schweinitz a. d. Schwarzen Elster zu sehen. Beide Burgen wurden durch Schloßbauten ersetzt, die erstgenannte durch Schloß Augustusburg, die andere durch Annaburg, erstes vom Kurfürsten erbaut, letzteres von seiner Frau. Diese Schloßkapelle geht auf einen Entwurf von Erhardt van der Meer zurück, den Oberwerksmeister Lotters.

Wirtschaftshof mit Brunnenhaus

Weiter im Süden schließt sich jenseits des 17 m breiten Trockengrabens ein tiefer gelegener Wirtschaftshof an. Dieses Plateau ist 76 m breit und 101 m lang. Bestimmend ist auch hier das Spiel mit Symmetrie und Zentrum: Die Seiten werden gebildet von zwei jeweils 85 m langen und 17 m breiten Flügeln, die die Ost- und die Westseite des Schlosses optisch verlängern. Kein Querbau schließt mehr am anderen Ende eine Querverbindung, war aber früher vorhanden. Aber in der Mitte der 42 m breiten und 85 m langen Freifläche steht ein im Norden gerade, im Süden halbrund geschlossenes Brunnenhaus und bildet durch seine Position genau in der Hauptachse den Fokus des Wirtschaftshofes, entsprechend der Wichtigkeit des Wassers für die Versorgung auf der Hügelspitze. Im Brunnenhaus ist noch das komplette Schöpfwerk erhalten. Aufgrund der Lage des Schlosses mußte man den Schacht 130,6 m abteufen, ehe Wasser einsickerte. Damit ist der Brunnen der zweittiefste in Sachsen nach dem der Festung Königstein. Die Leitung des Brunnenbaus hatte der Freiberger Bergmeister Hans Planer. Zehn Jahre, 1568-1577, dauerten die Schachtarbeiten, obwohl rund um die Uhr daran gearbeitet wurde. Anfänglich arbeiteten hier Bergleute. Da das einer der teuersten Anlagen des ganzes Schlosses zu werden drohte, setzte der Kurfürst kostensparend Missetäter wie ertappte Wilddiebe ein, und sie mußten auch dort unten schlafen, damit keine Zeit verloren wurde. Nach Anzapfen wasserführender Schichten stieg der Pegel auf 75 m an. 1577 wurde das Brunnenhaus über dem Schacht errichtet. Mit dem Hebewerk wurden im Achtminutentakt per ochsengetriebenem Göpelwerk Fässer zu je 125 l gehoben, 940 l pro Stunde. Wenn die Jagdgesellschaft hier weilte, war der Wasserbedarf immens, es war jeweils mit mehreren Hundert Personen zu rechnen, dazu kamen bis zu 1000 Pferde und die Hundemeuten. In dem westlichen Wirtschaftsflügel ist seit 1961 das Kutschenmuseum eingerichtet, wo 20 Landauer, Galakutschen und Staatswagen aus dem königlichen Marstall in Dresden in den früheren Ställen stehen. Früher war hier Platz für 138 Pferde. Auf der anderen Seite befanden sich früher Backstube, die Schösserei mit der Wohnung und den Arbeitsräumen des kurfürstlichen Amtmannes und andere Wirtschaftsräume; der Bereich wird heute von der Jugendherberge genutzt.

Wirtschaftshof mit Ställen, heute Kutschenmuseum

Literatur, Links und Quellen:
Position in Google Maps: https://www.google.de/maps/@50.8122865,13.0992635,18.25z - https://www.google.de/maps/@50.8125517,13.0996367,236m/data=!3m1!1e3
Die sehenswerten Drei:
https://www.die-sehenswerten-drei.de/ - https://www.die-sehenswerten-drei.de/de/Schloss-Augustusburg_1229.html
Schlösserland Sachsen:
https://www.schloesserland-sachsen.de/de/schloesser-burgen-gaerten/schloss-augustusburg/
Tonio Schulze, Franz Rappel: Schloß Augustusburg, offizieller Führer, hrsg. vom Schloß Augustusburg Schloßbetriebe gGmbH, ISBN 3-039609-08-0, ISBN 978-3-039609-08-7
Schloß Augustusburg auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Jagdschloss_Augustusburg - Grundriß:
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Augustusburg_Grundriss_Rekonstruktion_EG_-_Hoppe_1996.tif
Richard Steche: Augustusburg, in: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen, 6. Heft: Amtshauptmannschaft Flöha, C. C. Meinhold, Dresden 1886, S. 7-45 -
https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/1932/6/ - komplettes Werk als pdf: https://digital.slub-dresden.de/data/kitodo/bescdadea_308824512_0006/bescdadea_308824512_0006_tif/jpegs/bescdadea_308824512_0006.pdf
Restaurierung des Schlosses:
http://www.lenzner-restaurierung.de/projektbeispiel.php?id=152
Jugendherberge Augustusburg:
http://www.jh-augustusburg.de/
Stephan Hoppe: Die funktionale und räumliche Struktur des frühen Schloßbaus in Mitteldeutschland, untersucht an Beispielen landesherrlicher Bauten der Zeit zwischen 1470 und 1570, Köln 1996, S. 292-361.
Hans Maresch, Doris Maresch: Sachsens Schlösser und Burgen, 288 S., Verlag: Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, 1. Auflage 2004, ISBN-10: 3898761592, ISBN-13: 978-3898761598
Matthias Donath: Burgen und Schlösser in Sachsen, 176 S., Verlag: Imhof, Petersberg, 2012, ISBN-10: 3865687687, ISBN-13: 978-3865687685

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