Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2520
Erfurt (Landeshauptstadt von Thüringen)

der Komturshof des Deutschen Ritterordens (Deutschordenshaus)

Die in Erfurt befindliche Niederlassung des Deutschen Ordens, etwas versteckt hinter dem Augustinerkloster an dem Knick der Comthurgasse nahe dem Fluß Gera liegend, gehörte ursprünglich zur Kommende Griefstedt und wurde noch vor 1252 gegründet. Das Grundstück kaufte der Orden 1251, um hier seinen Verwaltungssitz und Wirtschaftshof zu errichten. Die Stellung im Orden wechselte mehrfach, so gehörte Erfurt bis 1308 zur Ballei Hessen, wechselte dann in die Ballei Thüringen, wechselte zwischen 1302 und 1332 wieder zurück in die Ballei Hessen und unterstand dann wieder der Landkommende Marburg, nicht ohne daß im Machtpoker wieder Griefstedt als Sitz des Komturs eine Rolle spielte, wobei auch Griefstedt 1284 von der Ballei Thüringen zur Ballei Hessen wechselte. In Erfurt besaß der Orden seit 1290 die Pfarrei St. Nikolaus und das Patronat über die Lorenzkirche. Der Komturshof wurde 1570-1573 im prachtliebenden Stil der Renaissance errichtet, wie insbesondere an den Fensterlaibungen zu sehen ist.

Noch vor der Auflösung des Deutschen Ordens als Ritterorden wechselte der Komturshof den Besitzer: Seit 1787 gehörte er dem Mainzer Erzbischof. Es folgte ein Dasein als Pfarrhaus der Schottengemeinde. Dann wurde der Hof 1855 an Privat verkauft; 1904 kaufte die Rohstoff-Einkaufsgenossenschaft für Schlosser und Schmiede das Haus und richtete hier ein Handwerkerheim ein. Im Kriege wurde der Hof zerstört, aber von den Metallern wiederaufgebaut. 1992 wurde der Hof erneut verkauft. Vor wenigen Jahren wurde der Hof aufwendig saniert. Übrigens ist der Deutsche Orden auch aktuell in Erfurt präsent; er unterhält dort das Deutschordens-Seniorenhaus im Rieth, einer der vier Altenpflege-Standorte des Deutschen Ordens in Deutschland neben Köln, Lindlar und Jena.

Die drei Wappen über dem Eingangstor unterhalb der Fenster des ersten Obergeschosses gehören zu drei verschiedenen Rangebenen innerhalb des Ordens. Der heraldisch beste Platz, der wichtigste und höchstangesehene ist derjenige in der Mitte. Dort finden wir den Hochmeister des Deutschen Ritterordens, in diesem Fall Wolfgang Schutzbar gen. Milchling. Der zweitbeste Platz ist derjenige heraldisch rechts; dort ist der Landkomtur zu finden, in diesem Fall Johann von Rehen (Rhena). Der schlechteste Platz ist der heraldisch links, diesen bekam die unterste Leitungsebene, diejenige des lokalen Komturs, der in Griefstedt saß. Diese Position hatte Franz von Hatzfeld inne. Erfurt selbst war zu dieser Zeit ein Ordenshaus, aber nicht Sitz eines eigenen Komturs.

Der Wappenschild des Deutschordens-Hochmeisters Wolfgang Schutzbar gen. Milchling (hier bezeichnet als "ADMINISTRATOR", amtierte 1543-1566) ist geviert, Feld 1 und 4: in Silber drei (2:1) mit den Stielen zum Dreipaß verbundene schwarze Kugeln (auch als Lindenblätter oder Herzen dargestellt je nach Darstellung und Quelle, Schutzbar), Feld 2 und 3: in Silber ein schwarzes Kreuz (Deutscher Ritterorden). Über allem ein Hochmeisterkreuz, ein schwarzes durchgehendes Kreuz, belegt mit einem goldenen Lilienkreuz, ein Herzschild in Gold belegt mit einem schwarzen Adler. Ungewöhnlich ist, daß hier das Deutschordenskreuz in den nachgeordneten Feldern zu finden ist, normalerweise wäre es höherrangig und daher in den Feldern 1 und 4. Weiterhin enthält dieses Wappen noch nicht die Prälatenmütze von Ellwangen, stammt daher aus der Zeit zwischen 1543 und 1546. Hier ist das Wappen ohne Oberwappen wiedergegeben; sein Epitaph in der Krypta der Deutschordens-Schloßkirche in Bad Mergentheim trägt das Vollwappen mit allen drei möglichen Helmen.

Wolfgang Schutzbar gen. Milchling wurde 1483 in Treis an der Lumda als Sohn von Crafft Schutzbar genannt Milchling aus einem oberhessischen Adelsgeschlecht und seiner Frau Margaretha geb. von Trohes geboren. Seine Deutschordenskarriere begann 1507 mit dem Ordenseintritt, 1525 wurde er Komtur in Griefstedt, 1529-1543 war er Landkomtur in Marburg für die Ballei Hessen. 1543 wurde er Hoch- und Deutschmeister, der 39. Hochmeister des Deutschen Ordens. Seine wichtigsten Leistungen sind der Bau des heute noch zu bewundernden Rathauses 1562 und der ersten Wasserleitung für Mergentheim, ausgehend vom Eisenberg, weiterhin verstärkte er in seiner Amtszeit die Mergentheimer Befestigungen. Die Schutzbar gen. Milchling kauften sich in Wilhermsdorf (Ämter Wilhermsdorf, Buchklingen und Neuses) an und erbauten dort ihre neue Burg Burgmilchling. 1569 wurde die Familie in den Freiherrenstand erhoben. Die fränkische Linie starb aber schon 1661 aus. Dafür entwickelte sich die sog. Friedrich'sche Linie in Hessen und Westfranken weiter. Sie stellten mehrere Domkapitulare in Würzburg. Neben dem Hochmeister des Deutschen Ordens, Wolfgang Schutzbar gen. Milchling, sind von Bedeutung der gleichnamige Fürstabt von Fulda (1558-1567) und Johann Konrad Schutzbar genannt Milchling, Landkomtur der Ballei Franken zu Ellingen und Nürnberg (gest. 1612).

Die beiden seitlichen Wappen unterscheiden sich von demjenigen in der Mitte in zweierlei Hinsicht, zum einen werden sie als Vollwappen dargestellt, zum anderen ist der Schild des Familienwappens jeweils von einem Rückschild des Deutschen Ritterordens unterlegt. Das gilt gleichermaßen für das Wappen des Landkomturs und das Wappen des örtlichen Komturs. Das ist insofern ungewöhnlich, als normalerweise diese beiden Ebenen noch einmal dadurch unterschieden werden, daß Landkomture einen aus Ordenskreuz und Familienwappen gevierten Schild verwenden, und zusätzlich den Rückschild für die Ordensmitgliedschaft, außerdem dürften die die einfache Ordenshelmzier auf einem zweiten Helm führen.

Landkomtur Johann von Rehen (Rhena) führt als Wappen in Gold einen schwarzen Hahnenkopf mit rotem Schnabel, Kehllappen und Kamm, unterlegt mit dem schwarzen Kreuz in silbernem Schild für den deutschen Orden, auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken der schwarze Hahnenkopf zwischen einem goldenen Flug. Das Wappen wird beschrieben im Siebmacher Band: NaA Seite: 34 Tafel: 55 (ohne Tinkturangaben), und im Westfälischen Wappenbuch (mit Tinkturen). Der Stammsitz der Familie ist Rhena im ehem. Fürstentum Waldeck.

Johann von Rehen war 1543-1570 Landkomtur der Ballei Hessen in der Landkommende zu Marburg, und in diesem Amt war er der Nachfolger von Wolfgang Schutzbar gen. Milchling, der dieses Amt 1529-1543 bekleidet hatte, ehe er zum Hochmeister erwählt wurde. Vergleichswappen dieses Landkomturs gibt es als Spoliensteine in Marburg am Haus Deutschhausstraße 8a (1x gemeinsam mit Gottfried von Hollinckhausen, 1550, 1x alleine, 1570), an der Mühle Hinter der Mauer 6 in Kirchhain bei Marburg (1562, Vollwappen wie hier) und als Spolienstein am Görzhäuser Hof bei Marburg (zwei Einzelschilde, 1567). Übrigens gibt es eine Korrespondenz zwischen Landkomtur und Hochmeister darüber, wie man ein an den hessischen Marschall von Roltzhausen gekommenes langes Schwert wiedererlangen könnte, das auf der Festung Neuhaus gehangen hatte und zuvor dem Orden von Kaiser Heinrich geschenkt worden sein soll.

Franz von Hatzfeld-Wildenburg, Sohn von Georg von Hatzfeld und dessen Frau Katharina, wurde 1546 Deutschordensritter, 1554 Komtur und wird 1556-1574 als Komtur zu Griefstedt genannt. Er war dort der Nachfolger von Philipp von Bicken (1553-1556). Er war eng befreundet mit Wolfgang Schutzbar gen. Milchling und ebenso mit Johann von Rehen. Als Franz von Hatzfeld nach Griefstedt berufen wurde, kümmerte er sich dort zunächst um alles Notwendige, insbesondere die Herstellung der Dämme um die Niederlassung und um anstehende Rechtsstreitigkeiten. Danach übernahm er einige diplomatische Missionen für den Orden, deren wichtigste diejenige 1564-1565 an den Zarenhof war, mit dem Ziel der Befreiung des gefangenen Ordensmeisters Fürstenberg und der kleinen Hoffnung auf Verhandlungen über die dem Orden verloren gegangenen Territorien Livland und Kurland. Komtur Franz von Hatzfeld oblag dann auch der Neubau des Erfurter Ordenshauses. Franz von Hatzfeld, der während seiner langen Amtszeit in Griefstedt (> 18 Jahre) drei Hochmeister und drei Landkomture als Vorgesetzte nacheinander erlebt hatte, starb am 19.12.1574 (auf dem Epitaph steht irrtümlich 9.1.1575) wurde seinerseits von Walther von Plettenberg (amtierte 1575-1580) abgelöst.

Der Schild ist geviert, Feld 1 und 4: in Silber drei (2:1) rote Mispelblüten (Herrschaft Wildenburg), Feld 2 und 3: in Gold ein schwarzer Maueranker (Herrschaft Hatzfeld), alles unterlegt mit dem schwarzen Kreuz in silbernem Schild für den deutschen Orden, auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken (die untere Partie ist hier fälschlicherweise rot-silbern angestrichen - eine Helmdecke kann man nicht horizontal farblich teilen, nur vertikal, also machbar wäre rechts schwarz-golden, links rot-silbern) ein (Lit.: schwarz gekleideter) mit einer aufgeschlagenen Mütze versehener, bärtiger Mannesrumpf (Wildenburg) zwischen einem goldenen Adlerflug, beiderseits belegt mit einem schwarzen Maueranker (Hatzfeld). Ein weiteres Wappen dieses örtlichen Komturs gibt es noch rückwärtig auf der Hofseite des Anwesens. Sein Wappen befand sich auch über der Tür des Erfurter Pfarrhauses, zusammen mit dem Wortlaut "Franz von Hatzfeld, Commentur in Griefstedt Ord. Teu. fieri fecit".

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@50.9804904,11.0293428,18.75z - https://www.google.de/maps/@50.9805431,11.0292532,55m/data=!3m1!1e3
Hans-Georg Böhm: Hochmeisterwappen des Deutschen Ordens 1198-1618, Frankonia Buch 1990, Fränkische Nachrichten Druck- und Verlags-GmbH, Tauberbischofsheim, ISBN 3-924780-15-3
Die Hochmeister der Residenz Mergentheim, Heft 15 der Schriftenreihe der Vereinigung zur Förderung der wissenschaftlichen Erforschung der Geschichte des Deutschen Ordens e.V. und der Historischen Deutschordens-Compagnie Bad Mergentheim e.V., 1997
Siebmachers Wappenbücher wie angegeben
Max von Spießen (Hrsg.): Wappenbuch des Westfälischen Adels, mit Zeichnungen von Professor Ad. M. Hildebrandt, 1. Band, Görlitz 1901-1903
Rolf-Torsten Heinrich, Erfurter Wappenbuch Teil II, Book on Demands, 2015
Damian Hungs:
http://www.damian-hungs.de/geschichte/kommenden-des-deutschen-ordens/kommende-erfurt/ - http://www.damian-hungs.de/geschichte/kommenden-des-deutschen-ordens/kommende-griefstedt/
Bernhard Sommerlad, Der Deutsche Orden in Thüringen, Halle 1931, S. 38
Deutschordens-Ballei Thüringen, Bad Mergentheim 1992, S. 28
Ulf Annel, Juliane Annel: 111 Orte in und um Erfurt, die man gesehen haben muss: Reiseführer Taschenbuch, 240 S., Emons Verlag 2016, ISBN-10: 3954519135, ISBN-13: 978-3954519132
Steffen Raßloff: 100 Denkmale in Erfurt. Geschichte und Geschichten, mit Fotografien von Sascha Fromm, Thüringen Bibliothek Bd. 11, 224 S., Klartext-Verlagsges., 1. Auflage Essen 2013, ISBN-10: 3837509877, ISBN-13: 978-3837509878
Deutschordenskommende Erfurt:
http://www.erfurt-web.de/Deutscher_Orden_Comthurhof_Erfurt?PageSpeed=noscript - Beitrag der Serie Denkmale in Erfurt aus der Thüringer Allgemeine von Dr. Steffen Raßloff (22.12.2012)
J. G. L. Anderson: Geschichte der Deutschen Ordens-Commende Griefstedt, Erfurt 1867, S. 112 ff.
www.mgh-bibliothek.de/dokumente/0/097391.pdf - http://reader.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb10455016_00005.html

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