Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2965
Würzburg (Unterfranken)

Dom-Sepultur, zweimal Andreas von Thüngen

Diese an der Westwand der Sepultur aufgestellte Grabplatte ist gleich für zwei Kleriker gleichen Namens aus der gleichen Familie, für 1.) Andreas VII. d. Ä. von Thüngen (1434-11.6.1510) und 2.) für Andreas VIII. d. J. von Thüngen (-6.1.1565). Es gab also ein älteres Grab für den ersten Andreas. Das wurde 55 Jahre nach der Bestattung geöffnet, als man das andere Familienmitglied auch noch dort bestatten wollte; der Platz war begrenzt, und Doppelbelegungen gab es mehrfach. Dabei ging die Originalplatte verloren, vermutlich schmiß man sie weg, weil man eh aktualisieren mußte. Dann wurde 1565 eine neue Platte geschaffen, die an beide Domherren gemeinsam erinnert. Deshalb sind hier zwei Personen in leicht unterschiedlicher Tracht und Pose dargestellt. Andreas der Ältere, optisch rechts, wird mit einem großen Buch vor der linken Brust als Diakon dargestellt, und für ihn gibt es ein Erinnerungswappen zu seinen Füßen, natürlich das der Adelsfamilie von Thüngen, in Silber ein fünfmal im Wellenschnitt golden-rot gespaltener Balken. Andreas der Jüngere, also das spätere und damit für die Grabplatte aktuelle Begräbnis, wird optisch links als Priester mit einem Kelch in der linken Hand dargestellt, die Rechte segnend darüber erhoben. Für diesen Andreas gilt die 4er-Ahnenprobe in den Ecken der Grabplatte. Beide Personen tragen ein ähnliches Birett. Über beiden Köpfen und in den oberen Ecken füllt Renaissance-Sprengwerk die Leerflächen.

 

Die auf dem äußeren Rand umlaufende und nur in den Ecken durch die Wappenschilde unterbrochene Inschrift wird im letzten Teil auf dem Zentralfeld zwischen den beiden Köpfen fortgesetzt und lautet: "A(nn)o 1510 die Martis 11 me(n)sis Junii O/biit (v)en(erabi)lis et Circumspect(us) Vir d(omi)n(u)s (Andr)eas Se(n)ior et dehi(n)c A(nn)o 1565 die Vero 6 / me(n)sis Januarii morit(ur) Andreas Junior prio/ris ex Fr(atr)e p(ro)nepos p(rae)p(osi)t(us) ad S(anctum) Burck(ardum) a(m)b(o) ex nobili ste(mm)ate de Thunge(n) Ca(noni)ci h(uius) E(cclesiae) // quorum / a(n)i(ma)e simul vi/vant deo / Opt(im)o / max(imo)".

Andreas von Thüngen d. Ä. war der Sohn von Eberhard (DI) bzw. Erhard (Salver) von Thüngen und Anna Rüdt von Collenberg. Seine vier Großeltern waren Johann (DI) bzw. Hans (Salver) von Thüngen und Anna (DI) bzw. Elisabeth (Salver) Voit von Rieneck väterlicherseits sowie Johann (DI) bzw. Hans (Salver) Rüdt von Collenberg und Anna von Seinsheim mütterlicherseits. Dieser Andreas wurde 1454 in Würzburg Domherr.

Die Inschrift erläutert, daß Andreas von Thüngen d. J. ein "pronepos" des Bruders des älteren Andreas war, gemeint ist hier ein Neffe, also der Sohn des Albrecht von Thüngen und der Dorothea Voit von Rieneck. Seine Großeltern waren väterlicherseits Eberhard (DI) bzw. Erhard (Salver) von Thüngen und Anna Rüdt von Collenberg sowie mütterlicherseits Philipp Voit von Rieneck und Anna Truchseß von Wetzhausen. Die acht Urgroßeltern waren Hans (Salver) bzw. Johann (DI) von Thüngen, Anna (DI) bzw. Elisabeth (Salver) Voit von Rieneck, Hans (Salver) bzw. Johann (DI) Rüdt von Collenberg, Anna von Seinsheim, Georg Voit von Rieneck, Barbara Stein vom Altenstein, Diez Truchseß von Wetzhausen und Dorothea Voit von Salzburg. Dieser Andreas wurde am 14.4.1520 Domherr in Würzburg und 1532 Kapitular. Außerdem wählte man ihn am 6.8.1540 einstimmig zum Propst von St. Burkard; dieses Amt hatte er 1540-1565 inne.

 

Weil die Ahnenprobe für den jüngeren Andreas gilt, sind hier folgende vier Wappenschilde angebracht: Rechts oben von Thüngen, in Silber ein fünfmal im Wellenschnitt golden-rot gespaltener Balken (Abb. oben links), rechts unten Voit von Rieneck, in Rot ein schreitender silberner Widder, einwärts gewendet, stark beschädigt (Abb. unten links), links oben Rüdt von Collenberg, in Rot ein silberner Rüdenkopf mit schwarzem Stachelhalsband (Abb. oben rechts), und schließlich links unten Truchseß von Wetzhausen, in Gold zwei in zwei Reihen rot-silbern geschachte Balken, völlig zerstört und nicht mehr zu erkennen (ohne Abb.). Die Reihenfolge ist anders als erwartet, nach normaler Logik müßte Voit von Rieneck links oben stehen, Rüdt von Collenberg rechts unten. Die Abb. rechts unten zeigt das außerhalb der Ahnenprobe angebrachte Erinnerungswappen für den älteren Andreas, Onkel des jüngeren Andreas.

 

Literatur, Links und Quellen:
Beschreibung dieser Domherren und dieser Grabplatte in: Joh. Octavian Salver, Proben des hohen deutschen Reichs Adels oder Sammlungen alter Denkmäler http://books.google.de/books?id=ZONWAAAAcAAJ S. 280 und S. 378
Die Deutschen Inschriften, hrsg. von den Akademien der Wissenschaften in Düsseldorf, Göttingen, Heidelberg, Mainz, München und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien, 27. Band, Münchener Reihe 7. Band, Die Würzburger Inschriften bis 1525, auf der Grundlage des Nachlasses von Theodor Kramer, unter Mitarbeit von Franz Xaver Herrmann, bearbeitet von Karl Borchardt, Dr. Ludwig Reichert Verlag, Wiesbaden 1988, S. 199, Nr. 431+
von Thüngen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Thüngen_(Adelsgeschlecht)
Rüdt von Collenberg: https://de.wikipedia.org/wiki/Rüdt_von_Collenberg
Voit von Rieneck:
https://de.wikipedia.org/wiki/Voit_von_Rieneck
Truchseß von Wetzhausen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Truchseß_von_Wetzhausen
Alfred Wendehorst, Germania sacra, NF 40 - Die Bistümer der Kirchenprovinz Mainz, das Bistum Würzburg 6, die Benediktinerabtei und das Adelige Säkularkanonikerstift St. Burkard in Würzburg, Berlin/New York 2001, online: http://rep.adw-goe.de/handle/11858/00-001S-0000-0005-745C-F, http://rep.adw-goe.de/bitstream/handle/11858/00-001S-0000-0005-745C-F/NF%2040%20Wendehorst%20St.%20Burkhard.pdf, S. 216

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