Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2823
Klausen (Chiusa, Provinz Bozen-Südtirol, Italien)

Die Kapuzinerkirche und die Loreto-Kapelle in Klausen

Das ehemalige Kapuzinerkloster Klausen (ex Convento dei Cappuccini Chiusa) liegt südwestlich des historischen Stadtzentrums im Stadtteil Frag (Via Fraghes). Es handelt sich um eine Vierflügelanlage, deren Westflügel von der Kirche (Chiesa dei Cappucini) gebildet wird. Die drei Konventsflügel beherbergen heute das Stadtmuseum (Museo Civico die Chiusa). Zwischen dem Kloster und dem in den Eisack mündenden Seitenzufluß erstreckt sich der Patergarten, südlich der Gebäude der Kapuzinergarten. Die Kirche besitzt einen geraden Chorabschluß und trägt einen hölzernen Dachreiter. Die tonnengewölbte Kirche kann als Teil des Museums besichtigt werden; sie ist dem Patron des Kapuzinerordens geweiht, dem hl. Felix von Cantalice. Dessen Figur ist über dem Portal der Kirche in einer Nische aufgestellt, mit einem Kind auf dem Arm.

Der Heilige wird von zwei Wappen flankiert, beide gekrönt und auf der Außenseite von einem Putto gehalten. Beide Wappenkartuschen tragen folgende Umschrift: "MARIA ANNA COM(IT)ES(SA) PALATINA RHENI REGINA HISPA(NAE)". Das verweist auf Maria Anna von Pfalz-Neuburg (28.10.1667-16.7.1740), die Tochter von Kurfürst Philipp Wilhelm von der Pfalz (24.11.1615-12.9.1690) und dessen zweiter Ehefrau, Elisabeth Amalie Landgräfin von Hessen-Darmstadt (20.3.1635-4.8.1709). Sie wurde am 4.5.1690 mit dem spanischen König Carlos II. von Habsburg (6.11.1661-1.11.1700) verheiratet, Sohn von König Philipp IV. von Spanien (8.4.1605-17.9.1665) und Maria Anna von Österreich (23.12.1634-16.5.1696). Für ihn war es die zweite Ehe. Der Bezug zu Klausen entstand dadurch, daß der aus Klausen stammende Kapuzinerpater Gabriel Pontifeser (1653-1706) Beichtvater dieser spanischen Königin war und sie dazu brachte, dieses Kloster zu stiften, das 1699-1701 errichtet wurde. Der Verursacher wurde am 9.4.1653 auf der Frag in Klausen geboren und wuchs als Christian Pontifeser auf. Er promovierte zum Doktor der Philosophie, trat dann in Augsburg in den Kapuzinerorden ein. Die Priesterweihe erhielt er 1679. 1682 kam er an den pfalz-neuburgischen Hof und wurde Beichtvater der kurfürstlichen Familie. Er war also der enge Vertraute des Vaters der zukünftigen spanischen Königin, und dann auch von ihr selbst. Er folgte ihr nach Spanien. Alle persönlichen Ehrungen lehnte er stets ab, seine einzige Bitte war dieses Kloster, und dieser Bitte folgte die spanische Königin. Am 6.10.1699 fand die Grundsteinlegung statt. Schon 1701 konnte die Kirche geweiht werden. Gabriel Pontifeser, der auch während des Spanischen Erbfolgekrieges loyal zu der Königin hielt, verstarb in Klausen 1706, als er von Augsburg kommend hier Station machte.

 

Das Wappen ist als zusammengeschobenes Ehewappen aufgebaut, mit einer gedachten dicken Trennlinie vertikal in der Mitte. Aus Platzgründen ist diese hier nicht so optimal, denn sie hat einen Versatz. Die Hälfte heraldisch rechts ist das Wappen des spanischen Königs Karl II. von Habsburg, mit ein paar Stellen, die vom Künstler nicht ganz korrekt umgesetzt wurden. Es ist geteilt, oben gespalten, rechts geviert, Feld 1 und 4: in Rot ein goldenes Kastell (Königreich Kastilien), Feld 2 und 3: in Silber ein golden bewehrter und golden gekrönter purpurner Löwe (Königreich Leon), links gespalten, rechts in Gold vier rote Pfähle, Anzahl hier reduziert (Königreich Aragon), links schräggeviert, oben und unten in Gold vier rote Pfähle, Anzahl hier vereinfacht, rechts und links in Silber ein schwarzer Adler, hier erheblich vereinfacht, denn aus den Adlern wurden Punkte (Königreich Sizilien), unten geviert mit Herzschild, hier stark asymmetrisch verzerrt, Feld 1: in Rot ein silberner Balken (Erzherzogtum Österreich), Feld 2: innerhalb eines rot-silbern gestückten Bordes blau und besät mit goldenen Lilien, hier ganz verfremdet zu 5 Kleeblättern und als Motiv unverstanden (Neu-Burgund), Feld 3: innerhalb eines roten Schildbordes (fehlt hier) fünfmal (hier mehr) von Gold und Blau schrägrechtsgeteilt (Herzogtum Burgund, Alt-Burgund), Feld 4: in Schwarz ein goldener Löwe (Herzogtum Brabant), Herzschild: gespalten, rechts: in Gold ein schwarzer, rot bewehrter und ebenso gezungter Löwe (Grafschaft Flandern), links  eigentlich in Silber ein roter Adler (gefürstete Grafschaft Tirol), hier falsch das Klever Glevenrad wiederholt. In dieser (natürlich der richtigen) Form wird das Wappen von mehreren spanischen Königen geführt, von Philipp II., Philipp III., Philipp IV. und von Carlos II.

 

Auf der heraldisch linken Seite befindet sich das Wappen von Pfalz-Neuburg, aber auch dieses mit ein paar groben Fehlern: Es ist geteilt und zweimal gespalten mit Herzschild, Feld 1: silbern-blau schräggerautet (Wittelsbach, Herzöge von Bayern), Feld 2: in Gold ein schwarzer Löwe (Herzogtum Jülich), Feld 3: in Rot mit silbernem Herzschild ein goldenes Glevenrad (Herzogtum Kleve), Feld 4: in Silber ein roter Löwe, golden bewehrt, blau gekrönt, doppelschwänzig (Herzogtum Berg), Feld 5: in Gold ein silbern-rot in drei Reihen geschachter Balken, hier mit den benachbarten Sparren zusammenfließend (Grafschaft Mark), Feld 6: in Silber drei rote Sparren, hier weit davon entfernt (Grafschaft Ravensberg), Herzschild: in Schwarz ein goldener Löwe, rot gekrönt, gezungt und bewehrt (Pfalzgrafschaft bei Rhein). Das wären aber nur sieben Inhalte, und bei der Zuordnung wurden sinnvollerweise die wichtigsten gewählt, Pfalz-Neuburg führt jedoch mehr, nämlich neun Inhalte. Es fehlen: 1.) in Silber ein blauer Löwe, golden bewehrt und golden gekrönt (Grafschaft Veldenz), 2.) in Gold ein schwarzer Balken (Grafschaft Moers). Ein weiterer Schnitzer ist die wundersame Sparrenvermehrung bei Ravensberg, in dreifacher Anzahl und ins Nachbarfeld hinüberfließend. Diese Abweichungen vom Idealzustand sind bei beiden Wappen zu finden.

Karl II. war 1661-1665 Fürst von Asturien, also von seiner Geburt bis zum 4. Lebensjahr, danach 1665-1700 König von Spanien, König von Neapel, König von Sizilien, König von Sardinien, Herzog von Mailand, mit dreijähriger Unterbrechung auch Herzog von Luxemburg. Karl II. war aber auch ein Produkt habsburgischer Inzucht, bei dem die Folgen des Ahnenschwundes unübersehbar waren. Zwei Großeltern väterlicherseits waren auch seine Urgroßeltern mütterlicherseits, und zwei Urgroßeltern väterlicherseits waren auch seine Ururgroßeltern mütterlicherseits, abgesehen von weiteren Querverbindungen. Wo "normale" Menschen in der fünften Vorfahrengeneration 32 Ahnen haben, kam Karl II. nur auf zehn Personen. Dazu stammten alle seine sechs Urgroßeltern direkt von Johanna von Kastilien ab, genannt "Johanna die Wahnsinnige". Nicht umsonst nannte man den König euphemistisch "El Hechizado" ("der Verhexte"). Nichts war verhext, er war lediglich der sichtbare Beweis generationenlanger Inzucht undd unzureichender genetischer Durchmischung. Er war aufgrund körperlicher und geistiger Defizite von jeglichen Bildungsversuchen ausgeschlossen und im Grunde regierungsunfähig, willenlos den Interessen der Parteien bei Hofe ausgeliefert. Er war nicht in der Lage, die politischen Zusammenhänge zu begreifen und angemessen zu handeln. Zeugungsunfähig war er auch, so daß sein Tod ohne Nachkommen den Spanischen Erbfolgekrieg auslöste, in dessen Folge sich das Haus Bourbon-Anjou gegenüber den Habsburgern durchsetzte. Die Stifterin dieses Klosters überlebte ihren Ehemann um 40 Jahre, länger als ihr Mann insgesamt gelebt hatte.

Der Kapuzinerorden blieb bis 1792 in den Gebäuden, welche daraufhin die Stadt Klausen erwarb. Sakrale Kunst aus dem Kloster wird im 1992 eröffneten Museum ausgestellt, darunter der Loretoschatz aus dem 16. und 17. Jh. Es handelt sich um bedeutende, vornehmlich spanische und italienische Kunstwerke, die dem Kloster aus Anlaß seiner Gründung vom spanischen Königshaus und von Adeligen des Hofes übereignet worden waren. Weil diese Kunstwerke in einem gesonderten Sicherheitstrakt der Kapelle untergebracht waren, nennt man die Gesamtheit "Loreto-Schatz". Eines der Prunkstücke ist ein Feldaltar König Karls II.

Ganz in der Nähe, wenige Meter weiter südlich, steht die 1702-1703 erbaute Loreto-Kapelle (Abb. oben). An dieser Stelle stand einmal das Geburtshaus von Kapuzinerpater Gabriel Pontifeser. Am 13.6.1723 wurde die Kapelle geweiht. Der Name erinnert an die Wallfahrtsstätte Loreto in den italienischen Marken bei Ancona, nach dem Petersdom der zweitwichtigste Wallfahrtsort in Italien. Dort steht die Basilika von Heiligen Haus (Santuario Basilica Pontificia della Santa Casa di Loreto), in der innerhalb einer Renaissance-Verkleidung das Haus der Heiligen Familie von Nazareth verehrt wird, also das Haus, in dem Maria aufwuchs und in dem sie die Verkündigung erfahren hat. Der Legende nach haben Engel das heilige Haus am 10.12.1294 nach Italien geflogen. Nach diesem Vorbild entstanden in katholischen Ländern unzählige Loreto-Kapellen, die der Schutzherrschaft Unserer Lieben Frau von Loreto unterstellt und Ziel von Marienwallfahrten wurden. Nach dem Original heißen sie Loreto-Kapellen.

Über dem Eingang auf der Westseite ist eine Keramik-Kachel geringer Dimension in die Wand eingelassen. Auch hier verkündet ein Schriftband die Stiftung durch Pfalzgräfin Maria Anna: "MARIANNA PALATINA REGINA VISPANI FVNDAVIT". Das aus bemalter Fayence angefertigte Wappen ist fast identisch mit den zuvor beschriebenen, außer daß auf spanischer Seite noch eine Spitze für Granada eingeschoben wurde und daß das Wappen von Pfalz-Neuburg neun Inhalte hat, also alle. Die Farbgebung ist jedoch so abwegig, daß man sich richtig freut, daß wenigstens die bayerischen Rauten wenn auch nicht einheitlich, so doch cum grano salis korrekt sind. Das ist aber auch das einzige richtig tingierte Feld, eine traurige Bilanz. Und dennoch ist es mal etwas ganz Anderes, dieses Wappen als Fayence-Kachel zu sehen, das Material und die Ausführung sind der spanischen Kunst entlehnt.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google Maps: https://www.google.de/maps/@46.6387569,11.5630649,19.75z - https://www.google.de/maps/@46.6386661,11.5632646,136m/data=!3m1!1e3
Kapuzinerkloster Klausen auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kapuzinerkloster_Klausen
Maria Anna von der Pfalz:
https://de.wikipedia.org/wiki/Maria_Anna_von_der_Pfalz_(1667%E2%80%931740)
Karl II. von Spanien:
https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_II._(Spanien) - https://es.wikipedia.org/wiki/Carlos_II_de_Espa%C3%B1a
Loreto in Italien:
https://de.wikipedia.org/wiki/Basilika_vom_Heiligen_Haus_in_Loreto
Constantin von Wurzbach: Karl II. von Habsburg, in: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, 6. Theil. Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1860, S. 360-364
https://de.wikisource.org/wiki/BLKÖ:Habsburg,_Karl_II. - www.literature.at/viewer.alo?objid=11804&page=368&scale=3.33&viewmode=fullscreen
Karl II. König von Spanien:
https://www.habsburger.net/de/kapitel/karl-ii-der-letzte-spanische-habsburger - https://www.habsburger.net/de/kapitel/karl-ii-und-die-frage-der-nachkommenschaft
Constantin von Wurzbach: Maria Anna von Pfalz-Neuburg, in: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, 7. Theil. Kaiserlich-königliche Hof- und Staatsdruckerei, Wien 1861, S. 25 -
https://de.wikisource.org/wiki/BLKÖ:Habsburg,_Maria_Anna_von_der_Pfalz-Neuburg - www.literature.at/viewer.alo?objid=11810&page=30&scale=3.33&viewmode=fullscreen
Ludwig Hüttl: Maria Anna, Königin von Spanien, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 16, Duncker & Humblot, Berlin 1990, ISBN 3-428-00197-4, S. 204-206 -
https://www.deutsche-biographie.de/gnd123154405.html#ndbcontent - https://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016334/images/index.html?seite=216
Lara Toffoli: Das Stadtmuseum Klausen, der Loreto-Schatz, die Museums-Galerie, Klausen 1995
300 Jahre Kapuzinerkloster in Klausen, Klausen 1999
Informationsblatt des Stadtmuseums zur Loreto-Kapelle

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