Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2729
Halberstadt (Landkreis Harz, Sachsen-Anhalt)

Der Dom zu Halberstadt, Teil (7): Grablege der von dem Bussche

Im südlichen Seitenschiff der Domkirche zu Halberstadt befindet sich ein barockes Grabgewölbe, gleich hinter dem Hauptzugang des Domes. Es ist in dem Viereck zwischen der Ostwand des Südwestturmes und dem ersten Pfeiler des südlichen Seitenschiffs ins Eck eingepaßt und besitzt zwei hölzerne Außenwände, die aufwendig mit überladen wirkendem, vergoldetem Schnitzwerk geschmückt sind, vor allem mit Blattwerk, mit gedrehten Säulen, Engeln etc. Im Vergleich zum restlichen Dom wirkt diese Grablege einerseits wie ein Fremdkörper aus Zuckerguß und andererseits inmitten der gotischen Strenge wie ein erfrischend belebender Akzent, weil sie stilistisch so ganz anders ist.

 

An der nördlichen Seite (beide Abb. oben), derjenigen ohne Tür, erlaubt eine ovale Öffnung den Blick ins Innere, wo die Sarkophage stehen. Das diese Öffnung verschließende Gitter trägt das unter einer gemeinsam genutzten Krone zusammengestellte und fast zur Gänze verblaßte Allianzwappen des Erbauers und seiner Frau, gehalten von zwei Engelchen, darüber die Namen beider Ehepartner, "V. BVSCH V. ELLER", unten die Datierung auf "ANNO 1696" - das ist das Jahr, in dem die Ehefrau begraben wurde. Im Aufbau ragt mittig ein großer, üppig verzierter Rahmen ovaler Form in die Höhe, dort befand sich einst ein Portrait des Ehemannes, heute sieht man nur drei graugrünliche Holzplanken. Unter dem leeren Bilderrahmen sind in der Gebälkzone der Nordseite zwei Vollwappen angebracht (Abb. unten), wobei sich aber nur die Helmzier des Ehemannes erhalten hat, nicht die der Ehefrau.

Auf der Ostseite (beide Abb. unten) flankieren zwei Engel oben das in einem ebenso reichgeschmückten und überladenen Rahmen gefaßte Portrait der Ehefrau - früher einmal, denn auch hier sehen wir statt dessen nur noch drei graugrünliche Holzplanken. Im Gegensatz zur Nordseite ist hier die Öffnung aufgrund der darunter liegenden, zweiflügeligen Tür nach oben versetzt und queroval, und das erzwingt das Anbringen der beiden Wappen in der obersten Zone, jeweils zwischen einem Engel und dem zentralen Bilderrahmen. Auf dieser Seite sind beide Kleinode erhalten.

 

Derjenige, der dieses Grabmal für sich und seine Familie erbaute, war Clamor von dem Bussche (-5.5.1705), Herr zu Cösitz, Sohn von Clamor von dem Bussche (24.12.1624-3.11.1684), Herr zu Lohe, und Anna Lucia von Münchhausen-Schwöbber (1634-28.3.1688). Der Vater kaufte 1655 Cösitz bei Köthen, erwarb Buschhausen am Jadebusen, und er wurde 1669 Drost in Schlüsselburg. Die Eltern hatten am 18.11.1650 in Elbingerode geheiratet. Clamor von dem Bussche war 1691-1705 evangelischer Domdechant in Halberstadt, als Nachfolger von Levin Caspar von Bennigsen. Außerdem war er Hauptmann. Ein Bruder von ihm war Johann Philipp von dem Bussche, der den Stamm fortsetzte.

 

Das Wappen der von dem Bussche (bzw. Busche) zeigt in Silber drei (2:1) rote Pflugscharen, auf dem rot-silbern bewulsteten Helm mit rot-silbernen Decken zwei gekreuzte (verschränkte), aufrechte, auf dem Mundstück stehende, mit den Mündungen nach oben und außen gestellte, eigentlich silberne Hifthörner (Jagdhörner) mit roten Beschlägen ohne Band (Westfälisches Wappenbuch, Grote, Siebmacher Band: OstN Seite: 17 Tafel: 16, Münchener Kalender 1931). Hier ist das Familienwappen zusätzlich mit einem achtspitzigen silbernen Ordenskreuz geviert, in dessen Winkeln sich vier goldene Adler befinden (beide Abb. oben, Orden nicht identifiziert).

Die Familie kam zuerst im Ravensbergischen vor, war im Grenzgebiet zwischen Ravensberg und Osnabrück begütert und besaß seit 1390 das im Osnabrücker Hochstift gelegene, landtagsfähige Gut Ippenburg. Albert von dem Bussche (1410-1438) erwarb 1447 das benachbarte Gut Hünnefeld, und in der 1. Hälfte des 16. Jh. wurde das im münsterschen Amt Vechta gelegene Gut Lohe gekauft. Clamor von dem Bussche (1530-1573) war noch im alleinigen Besitz aller Güter. In der zweiten Hälfte des 15. Jh. bildeten sich drei große Linien heraus, die sich später nach den genannten Hauptgüter benannten. Im Zuge der 1598 erfolgten Erbteilung unter Clamors drei Söhnen teilte sich die Familie in die drei Linien Ippenburg, Lohe und Hünnefeld. Dabei fiel das Gut Ippenburg an Albert von dem Bussche (1563-1602), vermählt mit Heidewig von Münchhausen, das Gut Lohe an Johann von dem Bussche (1570-1624), vermählt mit Lucia Dorothea von Münchhausen, und das Gut Hünnefeld an Gerhard Clamor von dem Bussche (1572-1614). Letzterer heiratete 1607 Hedwig von Münchhausen (1590-1653), die Tochter von Hilmar von Münchhausen (1558-1617), Herr auf Schwöbber und Drost zu Aerzen. Deren Sohn war Clamor Eberhard von dem Bussche, der Streithorst kaufte. Johann kaufte 1610 das Gut Haddenhausen bei Minden von Hilmar von Münchhausen und begründete die Linie von dem Bussche-Haddenhausen. Aus Johanns Linie stammt der Domdechant, der diese Grablege erbaute.

Die Grablege wird in der Literatur als diejenige der von dem Bussche-Streithorst bezeichnet, aber der Erbauer gehörte noch nicht zu dieser Linie, sondern zur Linie Lohe-Haddenhausen. Erst spätere Domherren in Halberstadt gehörten der Streithorster Linie an, was einem Wechsel zwischen zwei der drei Hauptlinien entspricht. Deshalb ist es korrekterweise die Grablege der von dem Bussche-Lohe-Haddenhausen, in der später auch Mitglieder der von dem Bussche-Streithorst beigesetzt wurden.

Clamors Ehefrau, die ebenfalls hier bestattet ist, war Anna Catharina von Eller (1.8.1663-6.11.1695). Sie wurde in  Sparrenberg geboren als Tochter von Wolff Ernst Freiherr von Eller, kurfürstlich-brandenburgischer Kammerherr, Geheimer Kriegsrat, Generalmajor, Obrist über zwei Regimenter, Gouverneur von Minden und Sparrenberg, Landdrost der Grafschaft Ravensberg. Anna Catharina von Eller heiratete am 9.11.1689. Sie starb sechs Jahre später im Kindbett. Im Februar 1696 wurde sie, die der reformierten Konfession angehörte, in das von ihrem Ehemann erbaute Familienbegräbnis überführt.

 

Das Wappen der von Eller (beide Abb. oben) ist golden-blau zu zwölf Plätzen geständert mit einem roten Schildchen in der Mitte, auf dem blau-golden bewulsteten Helm mit blau-goldenen Decken ein golden-blau zu zwölf Plätzen geständerter Schild mit einem roten Schildchen in der Mitte, zwischen einem rechts goldenen und links blauen Flug (Westfälisches Wappenbuch, Münchener Kalender 1934, Siebmacher Band: PrE Seite: 60 Tafel: 50). Hier sind die Decken gänzlich golden, der Flug gänzlich blau angestrichen. Hier hat man sich außerdem entschieden, nicht wie heraldisch korrekt den ganzen Schild mit dem Schildbild auszufüllen, sondern auf den Schild ein oval zugeschnittenes Schildbild zu setzen, vermutlich aus ästhetischen Gründen. Heraldische Signifikanz besitzt das nicht.

Ein Sohn aus dieser Ehe Bussche/Eller war Friedrich Clamor von dem Bussche (21.12.1691-17.9.1749), Herr zu Cösitz, preußischer Kammerherr. Das Wappen der von dem Bussche kommt auch an Burg Zilly vor als Teil einer Wappenreihe der Kapitulare, dort für Clamor Eberhard von dem Bussche (15.4.1683-25.8.1753) aus dem Hause Hünnefeld-Streithorst, evangelischer Domherr in Halberstadt und in Magdeburg und 1711-1753 Domdechant des Halberstädter Domkapitels als Nachfolger des Johan Wolfgang von Stechow und Nachnachfolger des obigen Clamor von dem Bussche aus einer anderen Hauptlinie, er war außerdem Propst zu St. Bonifatius und Mauritius, und auch braunschweig-lüneburgischer Geheimrat. Dieser Domherr stiftete das Majorat Streithorst, das aus dem von seinem Großvater, ebenfalls Clamor Eberhard, Herr zu Hünnefeld, 1656 gekauften Streithorst, Schwege, Wechmannshoff und Derenburg bestand. Johann Heinrich von dem Bussche zu Hünnefeld, Sohn des Käufers und Vater des Domherrn, hatte den Streithorster Zweig gegründet. Es gab aus der Familie noch weitere Domherren; Ernst August von dem Bussche war Domscholaster zu Magdeburg und Kanoniker des Kollegiatstifts Beatae Mariae Virginis in Halberstadt, sein Bruder Johann Georg von dem Bussche (12.2.1713-17.5.1753) war Domherr in Minden und Osnabrück, sein anderer Bruder Georg Ludwig von dem Bussche (30.6.1721-27.8.1762) war Domherr in Osnabrück, und sein Neffe Werner Ludwig Clamor von dem Bussche war Domsenior zu Halberstadt, alle aus der Hünnefeld-Streithorster Linie.

Genealogie der von dem Bussche, Auszug:
unter Hervorhebung der Liniengründer, Domherren in Halberstadt, sonstiger Domherren, im Text erwähnten oder wichtigen Personen und Wappenfundstellen

Liste der Domdekane von Halberstadt:
Fett der hier mit Wappen vertretene Domdekan, Wappenfundstellen
1465-1506 Johann von Querfurt - Dom Halberstadt, Paradiesbaum an der Nordempore
1511-1513 Sebastian von Plotho, resignierte
- Dom Halberstadt, an der Figur des hl. Mauritius
1513-1538 Johannes von Marenholtz d. Ä.
- Dom Halberstadt, an der Figur des hl. Sebastian, Schlußstein im Neuen Kapitelsaal
1538-1560 Huner von Sampleben
- Dom Halberstadt, Metallbedeckung der Grabplatte, Südempore
1560-1576 Friedrich von Britzke
- Dom Halberstadt, Metallbedeckung der Grabplatte, Südempore, Epitaph am NO-Vierungspfeiler
1576-1588 Ludwig von Britzke -
Metallbedeckung der Grabplatte in der Neuenstädter Kapelle
1588-1605 Caspar von Kannenberg
- Dom Halberstadt, Metallbedeckung der Grabplatte, Südempore, Epitaph am SO-Vierungspfeiler
1605-1621 Matthias von Oppen
- Burg Zilly, Portal im südlichen Chorumgang des Halberstädter Domes, Halberstädter Dompropstei, Burg Schlanstedt
1621-1622 Eitel Johann von Holle
- Wappen aus seiner Zeit nur als Domherr an Burg Schlanstedt
1622-1630, 1635-1651 Arnd Spiegel von Pickelsheim
- Wappen aus seiner Zeit nur als Domherr an Burg Schlanstedt
1630-1635, 1651-1660 Joachim von Hünecke
1660-1661 Jobst Ludwig (Justus Ludolf) von Stedern
1661-1677 Philipp Ludwig von Spitznase
1677-1679 Johann Adrian von Wend, resignierte
1679-1691 Levin Caspar von Bennigsen
- Burg Zilly
1691-1705
Clamor von dem Bussche - Dom Halberstadt, Grablege der von dem Bussche, sowie an der Kanzel
1705-1711 Johan Wolfgang von Stechow
1711-1753 Clamor Eberhard von dem Bussche
- Burg Zilly, Orgelprospekt im Dom Halberstadt
1753-1785 Ernst Ludwig Christoph von Spiegel zum Desenberg
- Wappen am Jagdschloß Spiegelsberge und an der Spiegelschen Domherrenkurie (Städtisches Museum)
1785-1786 Georg Ludwig von Hardenberg
1786-1796 Graf Christian Friedrich zu Stolberg-Wernigerode
- Wappen am Wohnhaus Domplatz 43 in Halberstadt
1796-1810 Johann August Ernst von Alvensleben

Literatur, Links und Quellen:
Position in Google Maps: https://www.google.de/maps/@51.8962678,11.0488647,18.5z - https://www.google.de/maps/@51.896156,11.0487941,131m/data=!3m1!1e3
Kulturstiftung Sachsen-Anhalt:
https://www.kulturstiftung-st.de/ - Dome und Klöster: https://www.kulturstiftung-st.de/burgen-schloesser-dome/#dome-kloester
Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Domschatz Halberstadt:
https://www.dom-schatz-halberstadt.de/ - Dom: https://www.dom-schatz-halberstadt.de/dom-domschatz/der-dom-zu-halberstadt/
Förderverein Dom und Domschatz:
https://www.domverein-halberstadt.de/de/aktuelle-projekte.html
Veröffentlichung der Innenaufnahmen aus Dom und Domschatz mit freundlicher Genehmigung von Frau Dr. Uta-Christiane Bergemann vom 7.1.2021, wofür ihr an dieser Stelle herzlich gedankt sei
Otto Hupp: Münchener Kalender 1931, 1934
Familie von dem Bussche:
https://de.wikipedia.org/wiki/Bussche_(Adelsgeschlecht)
Zeichnung von Anna Catharina von Eller:
https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=73447&navlang=de - https://nat.museum-digital.de/singleimage.php?imagenr=93757
Familie von Eller auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Eller_(Adelsgeschlecht)
Stammtafeln der von dem Bussche, zusammengestellt und herausgegeben von Freiherrn Gustav von dem Bussche, Hildesheim 1887, insbesondere Tafel 1, 10, 14 und 16 -
http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN546602886 - https://gdz.sub.uni-goettingen.de/id/PPN546602886
Caspar Abel: Stiffts- Stadt- und Land-Chronick des jetzigen Fürstenthums Halberstadt -
https://books.google.de/books?id=LYlbAAAAcAAJ, S. 564-568
Samuel Lentz: Diplomatische Stifts- und Landes-Historie von Halberstadt und angräntzenden Oertern, Halle 1749
https://books.google.de/books?id=lRVhAAAAcAAJ

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