Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2692
Helmstedt (Landkreis Helmstedt, Niedersachsen)

Kollegiengebäude (Grauer Hof) der ehemaligen Universität Helmstedt

Das historische Kollegiengebäude bildet heute eine nach Norden geöffnete Dreiflügelanlage am Collegienplatz, südlich des freistehenden Juleums. Es wird eingerahmt von der Bötticherstraße im Westen, der Collegienstraße im Osten und der Amtsgasse im Süden. Die beiden nicht ganz parallel zueinander stehenden Flügel, der westliche dreistöckig, der östliche zweistöckig, besitzen hofseitig jeweils einen Treppenturm, der über die Dächer hinausragt und einen letzten Ausgang auf der Dachebene hat, weshalb ein kurzes Zwischenstück Dach und Turm verbindet.

Der westliche Turm ist etwas dicker und niedriger als der schlankere und höhere östliche Treppenturm. Jeder der Treppentürme hat innen eine rechtsdrehende Spindel, der außen die schräg geschnittenen Fenster folgen, und ein Abschlußgeschoß mit geraden Fenstern, darüber eine geschweifte Haube mit Laterne. Die Gebäude des Grauen Hofes gehören zur ehemaligen Universität Helmstedt, die 1576-1810 bestand und entweder nach ihrem Gründer Academia Julia, Academia Julia Carolina oder nach ihrem Standort Academia Helmstadiensis genannt wurde.

Das Ensemble ist hervorgegangen aus dem Helmstedter Stadthof des Klosters Mariental, in dem die ersten Universitätsräume eingerichtet wurden. Bis dahin gab es als Vorläufer der Bildungseinrichtung ein 1571 in den Räumen des Gandersheimer Franziskanerklosters nach württembergischen Vorbild gegründetes Paedagogium illustre, und diese sogenannte Juliusschule war am 6.7.1574 nach Helmstedt verlegt worden. Vom 14.5.1575 datiert ein Privileg zur Universitätsgründung durch Kaiser Maximilian II. David Chyträus, Martin Chemnitz, Timotheus Kirchner und Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel arbeiteten zwischen Februar und April 1576 im Kloster Riddagshausen eine geeignete Universitätsverfassung aus. Am 15.10.1576 schlug die Geburtsstunde der Universität Helmstedt, eröffnet mit einer Feierstunde und einem Gottesdienst in der Kirche St. Stephani. Es war die erste protestantische Universität in der nördlichen Hälfte Deutschlands und ein deutliches Zeichen des Fürstenhauses, daß man als protestantischer Landesherr eigene Bildungseinrichtungen schaffen und sich bildungsmäßig emanzipieren wollte. Entsprechend war die Ausrichtung der Universität von Anfang an streng lutherisch geprägt. Später im 17. und 18. Jh. liefen andere Reformuniversitäten wie Kiel, Halle und Göttingen Helmstedt den Rang ab und degradierten die Academia Julia zu einer Provinz-Uni. Aber hier war der Anfang der universitären Bildungsinitiative protestantischer Landesherren.

 

Das im Norden einst den Hof abschließende, leicht schräggestellte Quergebäude wurde vor 1592 abgerissen, um Platz vor dem Neubau des Juleums, des neuen Hauptgebäudes, zu schaffen. An der Stelle des ursprünglichen südlichen Quergebäudes wurde 1882 das jetzige historistische Schulgebäude mit hofseitig mittigem Risalit und Prunkportal errichtet, sich stilistisch an der Formensprache der Renaissance orientierend. Deshalb sind von der ehemaligen Vierflügelanlage nur noch die beiden Längstrakte mit ihren Treppentürmen original vorhanden, die im Norden jeweils mit einem Krüppelwalmdach enden. Das jeweils oberste Geschoß der Längsflügel besteht hofseitig aus Fachwerk. Der östliche Längsbau wird heute als Büro- und Schulgebäude genutzt. Der Südbau und der Westflügel beherbergen die Kreisvolkshochschule Helmstedt.

 

Während der Treppenturm an der Ostseite des Hofes nur ein schlichtes Portal trägt, ist derjenige an der Westseite um so aufwendiger verziert und mit Wappen und Inschriften gestaltet. Der Rundbogen wird aus abwechselnd grauen und roten Steinen gebildet und wird von zwei mächtigen Tieren flankiert, einem Löwen links und einem Greifen rechts. Darüber wird der Portalaufsatz durch drei sukzessive kleiner werdende Gesimse in vier Zonen aufgeteilt, in eine Inschriftenzone, eine Wappenzone mit zwei wilden Männern als Schildhaltern, eine Zone mit einem Geharnischten, der den Stifter, Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel, darstellen soll, zwischen zwei vollplastischen Allegorien der Justitia (Gerechtigkeit, links, mit Waage) und der Spes (Hoffnung, rechts, mit Anker), und einer abschließenden Zone mit der Halbfigur eines Bärtigen (wahrscheinlich Gottvater oder, weniger plausibel, Christus, je nach Interpretation), der in den Händen eine Weltkugel hält. Das Portal wurde 1577 aus Kalkstein angefertigt und 1695 umfassend mit Sandstein renoviert. Das Relief des Herzogs z. B. und andere Kalksteinteile stammen also noch von der Erstausstattung mit Reliefs.

Das Gesims über der Inschriftenzone ist als einziges in der Mitte dreieckig nach oben gebrochen. Unter diesem kleinen Giebel in Form eines abgeflachten Dreiecks ist die rechteckige Tafel angebracht, auf der in goldener Kapitalis auf schwarzem Hintergrund zu lesen ist: "HOC OPVS HAEC VIRTVS GENEROSI PRINCIPIS ARDENS / PROQVE ARIS FERRVM PROQVE TENERE FOCIS / HOSPITAQVE INGENVIS APERIRE PALATIA MVSIS / ET DARE LAVRIGERO PRAEMIA DIGNA CHORO / ET RECTIS PRETIVM DOCTRINIS PONERE IVSTVM / CVNCTA EA DIGNA PIO PRINCIPE GRATA DEO" -  dieses Werk, diese leidenschaftliche Tugend des großzügigen Fürsten, (schützend) das Schwert vor die Altäre und die Herde zu halten, den edlen Musen gastliche Wohnsitze zu öffnen, Mittel bereitzustellen, die für die lorbeerbekränzte Musenschar angemessen sind, und für die richtigen wissenschaftlichen Lehren einen gerechtfertigten Preis auszusetzen, alles dies ist des frommen Fürsten würdig und Gott gefällig. Großzügigkeit gepaart mit Selbstlob, Herrschafts-Legitimation durch Fürsorge, Erhöhung des Stiftenden durch das Zeugnis seiner Ausgaben - all das drücken diese Worte aus. Es ist davon auszugehen, daß diese Inschrift aus der Bauzeit des Portals zu Lebzeiten des Stifters stammt, also von 1577. Denn damals war das hier der repräsentative Eingang, und das spätere Hauptgebäude, das Juleum Novum, existierte noch nicht.

Der Gründer war Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel (29.6.1528-3.5.1589), Sohn von Herzog Heinrich II. d. J. von Braunschweig-Wolfenbüttel (10.11.1489-11.6.1568) und Maria von Württemberg ((15.8.1496-28.12.1541). Julius war als nach geborener Sohn für eine kirchliche Karriere vorgesehen, dafür studierte er in Köln und Leuven. In der Schlacht bei Sievershausen fielen 1553 seine beiden älteren Brüder, als man zusammen mit Moritz von Sachsen gegen den Landfriedensbrecher Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach zog. Der Sieg über den verrückten Markgrafen führte einerseits zum Zustandekommen des Augsburger Reichs- und Religionsfriedens zwei Jahre später, andererseits dazu, daß Prinz Julius nun ganz vorne in der Thronfolge stand. Er war ein Mann des Geistes, der Gelehrsamkeit, der Forschung und der Bücher, nicht des Körpers, des Kampfes, des Reitens und der Jagd, deswegen entsprach er so gar nicht dem Ideal seines Vaters, der sehr unglücklich über die Entwicklung war und viel lieber die Verkörperung eines beherzten Ritters als Nachfolger gehabt hätte als einen Gelehrten. Er versuchte sogar, seinen Sohn durch Installation als Bischof von Minden kaltzustellen, doch dieser bekam nie die päpstliche Bestätigung und resignierte bei erster Gelegenheit 1554 als Administrator, um sich auf die Thronfolge in Wolfenbüttel vorzubereiten. Außerdem klaffte zwischen Vater und Sohn nicht nur der Generationenwechsel, sondern auch der neue Glaube: Vater Heinrich war der letzte katholische Fürst in Norddeutschland, und Julius bekannte sich zum Protestantismus. Julius lebte zeitweise auf Schloß Hessen, um dem täglichen Konfliktpotential aus dem Wege zu gehen. Dennoch, und wahrscheinlich gerade wegen all dieser Eigenschaften, wurde Herzog Julius einer der größten Herrscher seiner Zeit. 1568 trat er die Regierung an, kurz darauf führte er die Reformation ein, er läutete mit dem Merkantilismus eine völlig neue Wirtschaftspolitik ein, er baute die Infrastruktur aus und baute in Wolfenbüttel mit der Heinrichstadt eine damals moderne neue Stadt vor den Toren seines Schlosses. Und er blieb seiner Leidenschaft für Forschung und Wissenschaft treu und gründete die herzogliche Bibliothek in Wolfenbüttel, aus der später die Herzog-August-Bibliothek hervorging. Selten war ein Fürstentum so fortschrittlich, wohlgeordnet und wirtschaftlich gesund wie Braunschweig-Wolfenbüttel am Ende der Regierungszeit von Herzog Julius.

Neben dieser Stifterinschrift gibt es noch eine zweite Inschrift, die oben auf dem zweiten Gesims beginnt und sich über mehrere Teilflächen verteilt. Die auf den Abschnitt auf dem zweiten Gesims folgenden Text-Abschnitte sind auf fünf Plätze im Gebälk über dem Portal verteilt, erst fortgeführt im Giebeldreieck, dann zweimal links und zweimal rechts der zuvor beschriebenen Inschrift. Die Schrift ist weniger auffällig als jene, weil sie golden auf grauem Hintergrund abgesetzt ist. Diese Inschrift ist nicht bauzeitlich, sondern dokumentiert die umfassende Renovierung und Ersatz einiger Partien durch Sandstein im Jahre 1695. Das erklärt auch die Verteilung der Inschrift über die freien Nebenflächen, da die Hauptfläche nach wie vor der ursprünglichen Bauinschrift vorbehalten war. Der Wortlaut ist: "REPARAT(VM) A(NNO) MDCXCV" - "MCERECI(ORE, eigentlich VICERECT(ORE), falsch restauriert) / CHRISTOPH(ORO) TOB(IA) WIDENBVRGIO / S(ACRO)S(ANCTAE) THEOL(OGIAE) D(OCTORAN)DO MATHES(EOS) P(ROFESSORE) P(VBLICO)" - "GEORG(IO) EN=/GELBRECHT / I(VRIS) V(TRIVSQVE) D(OCTORE) P(ROFESSORE) P(VBLICO)" - "HENR(ICO) MEI/BOMIO MEDIC(INAE) / D(OCTORE) P(ROFESSORE) P(VBLICO)" - "AEDILIBVS" - "ACADEMIAE" - wiederhergestellt im Jahre 1695 durch den Vizerektor Christoph Tobias Wideburg, Doktorand der hochheiligen Theologie, öffentlichem Professor der Mathematik, durch die akademischen Bauverwalter Georg Engelbrecht, Doktor beider Rechte und öffentlichem Professor, und Heinrich Meibom, Doktor der Medizin und öffentlichem Professor.

Christoph Tobias Wideburg wurde in Halberstadt geboren und war der Sohn von Balthasar Wideburg, Pastor in Halberstadt, und seiner Ehefrau, Dorothea Sattler. Er war Professor für Theologie, Professor für Mathematik 1679-1697 sowie Professor für Dogmatik und Moral 1697-1717. Etwas seltsam ist, daß der Vizerektor als Doktorand bezeichnet wird: Der genannte Christoph Tobias Wideburg (1647-1717) hatte am 20.6.1695 seine Diputatio abgehalten, um seine Lizenz zu erhalten. Er wurde aber erst 1697 zum Dr. theol. promoviert, zwei Jahre nach der Renovierung dieses Portals. Auch sein jüngerer Bruder Heinrich Wideburg (1641-1696) war Professor für Metaphysik 1673-1675, für Logik 1675-1691 und für Theologie 1691-1696. Als Vizerektor wird der ranghöchste Professor der Universität genannt, weil die Rektorenstelle traditionell einem Angehörigen des herzoglichen Hauses vorbehalten war.

Georg Engelbrecht (4.3.1638-24.8.1705) stammte aus Voldagsen bei Einbeck südlich von Hildesheim und war der Sohn von Arnold Engelbrecht, Kanzler des Herzogs Georg von Braunschweig-Calenberg. Er wurde am 31.3.1669 außerordentlicher Professor der Rechtswissenschaft in Helmstedt und ebenfalls 1669 zum Dr. jur. utr. promoviert. Am 3.6.1672 wurde er ordentlicher Professor und Lehrstuhlinhaber und blieb es bis 1705, zuletzt Senior der Universität. Herzog Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg zu Celle ernannte ihn 1688 zu seinem Rat. Georg Engelbrecht war dreimal verheiratet, erst mit Margarethe Schrader, dann mit Catharina Hedwig Titius und zuletzt mit Barbara Catharina Ulner. Auch seine Kinder wurden teilweise bedeutende Gelehrte der Rechtswissenschaften.

Heinrich Meibom (29.6.1638-26.3.1700) stammte aus Lübeck und war der Sohn des Helmstedter Medizinprofessors und Lübecker Stadtphysikus Johann Heinrich und dessen Frau, Elisabeth Oberberg. Er wurde 1664 außerordentlicher und 1665-1700 ordentlicher Professor für Medizin, dann für Geschichte und Poesie 1678-1700. Seit 1664 war er Leibarzt der Welfenherzöge August d. J., Rudolph August und Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel. Im Jahre 1678 bekam er den Lehrstuhl für Geschichte und Dichtung. Heinrich Meibom war siebenmal Vizerektor und zwölfmal Dekan der Universität Helmstedt. Er heiratete am 30.8.1664 Anna Sophie Daetrius, die Tochter des Oberhofpredigers und Konsistorialdirektors Brandanus Daetrius. Von seinen Kindern wurden drei ebenfalls Universitätsprofessoren in Helmstedt.

Das Wappen des Herzogs Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel ist hier cum grano salis dargestellt: Eine sehr dicke Quadrierung ist ohne Signifikanz, dafür geht der Bord des Feldes 4 unter. Eigentlich müßten der obere und der optisch linke Schenkel des Vierungskreuzes "normal dünn" sein, also eine Linie, während der untere und der optisch rechte Schenkel zur Bordierung des Feldes 4 gehört. Das ist hier nicht verstanden und gestalterisch vermischt worden. Im Detail hat sein Wappen folgenden, richtiggestellten Aufbau: Geviert, Feld 1: in Rot zwei goldene, schreitende Löwen (Fürstentum Braunschweig), Feld 2: in goldenem, mit roten Herzen bestreutem (fehlen hier) Feld ein rotbewehrter und rotgezungter blauer Löwe (Fürstentum Lüneburg), Feld 3: Grafschaft Everstein: in Blau ein silberner Löwe, Feld 4: Herrschaft Homburg: innerhalb eines blau-silbern gestückten (nicht aufgelöst) Bordes in Rot ein goldener Löwe. Auf dem gekrönten Helm wird zu rot-goldenen Decken (farbliche Anbindung der Seitenteile nicht schlüssig) eine rote Säule geführt, oben mit aus einer goldenen Krone hervorkommenden naturfarbenen Pfauenfedern besteckt, darauf ein goldener Stern, vor der Säule ein laufendes silbernes Pferd, das Ganze zwischen zwei mit den Schneiden nach innen gerichteten silbernen Sicheln mit roten Griffen, die am Rücken jeweils mit sieben natürlichen Pfauenfedern besteckt sind (Braunschweig-Lüneburg). 

Weitere Wappen der Herzöge mit diesem vierfeldrigen Aufbau kann man z. B. für Wilhelm V. Herzog von Braunschweig-Lüneburg-Celle (4.7.1535-1592) am Alten Rathaus von Celle, für Katharina von Braunschweig-Gifhorn aus der Ahnenprobe des Ludwig III. Graf von Isenburg-Büdingen an der unteren Galerie des Isenburger Schlosses zu Offenbach, als Bestandteil von Ahnenproben  auf bronzenen Grabplatten im Ostchor der Kirche St. Moriz zu Coburg oder am Epitaph der Marie von Braunschweig-Lüneburg-Celle in der Stadtkirche zu Darmstadt finden. Dieses Wappen spiegelt die Lage des Jahres 1577 wider, noch ohne Hoya, denn das fiel Herzog Julius erst 1582 nach dem Tode von Otto von Hoya zu, und ein weiterer Territorialzuwachs fand 1584 statt, als er das Fürstentum Braunschweig-Calenberg von seinem Onkel erbte, der kinderlos geblieben war.

Die Helmstedter Universität hatte neben der grundlegenden Fakultät für Philosophie drei berufsbezogene Fakultäten, eine theologische, eine medizinische und eine juristische. Entsprechend wurden in der inschriftlichen Dokumentation der Reparatur auch die Lehrstuhlinhaber aller drei Fakultäten genannt. Da die Universität eine Gründung des herzoglichen Hauses war, wurde das Rektorenamt immer an einen Herzogssproß vergeben. Der erste Rektor war der Sohn des Gründers, Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel (15.10.1564-20.7.1613), der dieses Amt im Alter von 12 Jahren übernahm und später der Bauherr des Juleum Novum werden sollte (siehe dort). Bis zum Aussterben des mittleren Hauses Wolfenbüttel blieb der Rektor ein Mitglied dieser Linie, danach wechselten sich die drei Linien ab, 1745 stieg Kurhannover aus. Die Universität Helmstedt legte einen Senkrechtstart hin, hatte bedeutende Professoren und berühmte Studenten und war 1625 die drittgrößte des deutschen Sprachraumes mit ca. 500 neuen Studenten pro Jahr. 1616 waren 559 Neuimmatrikulationen gezählt worden. 1592 hatte die Uni ein Spezialprivileg erhalten, das ihr eine universitätseigene Gerichtsbarkeit und eine spezielle Steuerbefreiung aller Universitätsangehöriger und -verwandten garantierte, was zu permanenten Spannungen und Diskussionen mit dem Rat der Stadt führte.

Dann kam der jähe Absturz durch den Dreißigjährigen Krieg: Die Bevölkerung dünnte aus, das Fürstentum hatte andere Sorgen, der Lehrbetrieb wurde zeitweise eingestellt. Nachdem der König von Dänemark und Norwegen, Christian IV. (1577-1648), in der Schlacht bei Lutter am Barenberge eine Niederlage eingesteckt hatte, fiel das Fürstentum Wolfenbüttel an die kaiserlich-habsburgischen Truppen. Dazu wütete 1625-1629 eine Pest-Epidemie in Helmstedt. 1626/1627 gab es überhaupt keine Neuimmatrikulationen; die Lehre wurde auf ein Minimum heruntergefahren. 1628 stellte Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein ("Wallenstein") der Universität einen Schutzbrief aus, so daß der Lehrbetrieb wieder aufgenommen werden konnte. Dennoch war die Uni am Rande des finanziellen Zusammenbruchs. 1629 bekam sie zur Stabilisierung ihrer Finanzlage die drei Calenbergischen Klöster Weende, Mariengarten und Hilwartshausen geschenkt.

Nachdem das mittlere Haus Braunschweig-Wolfenbüttel 1635 erlosch, wurde Helmstedt welfische Samtuniversität, die Linien Lüneburg (Celle), Calenberg (Hannover) und Wolfenbüttel wechselten sich im Rektorat ab. Andere norddeutsche Universitäten liefen jedoch Helmstedt den Rang ab, allen voran Göttingen und Kiel. Gegen Ende des 18. Jh. war die Gesamtzahl der Studenten noch nicht einmal dreistellig. Die Universität Helmstedt war zur Provinz-Uni abgesunken, auf die gerade einmal die Einwohner des Herzogtums Braunschweig-Wolfenbüttel ihre Sprößlinge schickten, deutschlandweit war man abgehängt. 1745 zog sich Kurhannover aus der Trägerschaft der Universität Helmstedt zurück. Der Todesstoß kam durch die napoléonische Neuordnung: Herzog Carl II. Wilhelm Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel (9.10.1735-10.11.1806), der letzte Rektor der Universität, General-Lieutenant und königlich-preußischer Generalfeldmarschall, Präsident des preußischen Oberkriegskollegiums, wurde als Heerführer der preußischen Armee 1806 von den Franzosen bei Jena und Auerstedt geschlagen, erblindete aufgrund eines Streifschiusses in der Schlacht und starb kurz darauf in Ottensen bei Hamburg an seinen Verletzungen. Helmstedt wurde 1807 durch den Frieden von Tilsit Teil des 1808-1813 bestehenden Königreichs Westfalen, das von des Kaisers Bruder Jérôme Bonaparte regiert wurde. Dessen Staatsminister Johannes Edler von Müller zu Sylvelden (3.1.1752-29.5.1809) befand, daß fünf Volluniversitäten zu viele seien, und er schloß Helmstedt und Rinteln und behielt nur Marburg, Göttingen, wo er selber 1769-1771 Theologie studiert hatte, und Halle als Universitäten. Am 10.12.1809 erfolgte das Edikt zur Auflösung der Universität Helmstedt durch Jérôme Bonaparte mit Wirkung zum Abschluß des laufenden Wintersemsters. Damit endete am 1.5.1810 mit der endgültigen Schließung die 234jährige Geschichte der Universität Helmstedt, die in 440 Semestern 45700 Studenten ausgebildet hatte.

Literatur, Links und Quellen:
Position in Google Maps: https://www.google.de/maps/@52.2286831,11.0084119,19z - https://www.google.de/maps/@52.2287265,11.0083576,92m/data=!3m1!1e3
Universität Helmstedt auf Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Universität_Helmstedt
Herzog Julius von Braunschweig Wolfenbüttel auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_(Braunschweig-Wolfenbüttel)
Deutsche Inschriften Bd. 61, Stadt Helmstedt, Nr. 77 (Ingrid Henze), in:
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Deutsche Inschriften Bd. 61, Stadt Helmstedt, Nr. 410† (Ingrid Henze), in:
www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di061g011k0041002 - http://www.inschriften.net/helmstedt/inschrift/nr/di061-0410.html#content
Deutsche Inschriften Bd. 61, Stadt Helmstedt, Nr. 355 (Ingrid Henze), in:
www.inschriften.net, urn: nbn:de:0238-di061g011k0035506 - http://www.inschriften.net/helmstedt/inschrift/nr/di061-0355.html#content
Deutsche Inschriften Bd. 61, Stadt Helmstedt, Nr. 338† (Ingrid Henze), in:
www.inschriften.net, urn: nbn:de:0238-di061g011k0033805 - http://www.inschriften.net/helmstedt/inschrift/nr/di061-0338.html#content
Helwig Schmidt-Glintzer, Bernd Rebe, Gerhard Müller: Academia Julia, Universität Helmstedt - Tradition, Zukunft, Beiträge zur Geschichte des Landkreises und der ehemaligen Universität Helmstedt Nr. 15, hrsg. vom Landkreis Helmstedt, Helmstedt 2002, 96 S., ISBN-10 : 3937733140, ISBN-13 : 978-3937733142
Wiebke Kloth: Die Universität Helmstedt und ihre Bedeutung für die Stadt Helmstedt, Beiträge zur Geschichte des Landkreises und der ehemaligen Universität Helmstedt Nr. 16, hrsg. vom Landkreis Helmstedt, Helmstedt 2003, 128 S., ISBN-10: 3937733159, ISBN-13: 9783937733159
Wissensproduktion an der Universität Helmstedt:
http://uni-helmstedt.hab.de/index.php - Chronik: http://uni-helmstedt.hab.de/index.php?cPage=1&sPage=chron
Helmstedt-Wiki:
https://www.helmstedt-wiki.de/wiki/Universität_Helmstedt
Johannes von Müller:
https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_von_Müller
ehemalige Universität auf den Seiten der Stadt Helmstedt:
https://www.helmstedt.de/staticsite/staticsite.php?menuid=109&topmenu=638
Academia Julia:
https://www.academia-julia.de/universität-helmstedt/
Matrikel:
http://uni-helmstedt.hab.de/index.php?cPage=4&sPage=matsearch
Professorenliste:
http://uni-helmstedt.hab.de/index.php?cPage=5&sPage=prof
ausführliche Bibliographie:
http://uni-helmstedt.hab.de/index.php?cPage=1&sPage=lit
H. Hofmeister: Die Gründung der Universität Helmstedt, Marburg 1904:
https://publikationsserver.tu-braunschweig.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dbbs_derivate_00006564/2569-1850.pdf
Paul Zimmermann: Album Academiae Juliae: Studenten, Professoren etc. der Universität Helmstedt von 1574-1636, Hannover 1926, Selbstverlag der Historischen Kommission
https://core.ac.uk/download/pdf/196668231.pdf

Juleum novum, Hauptgebäude der ehem. Universität Helmstedt

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