Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2675
Quedlinburg (Landkreis Harz, Sachsen-Anhalt)

Adelshof Fleischhof (Wordgasse 4)

Der Fleischhof ist ein Adelshof in Quedlinburg, westlich des Mühlgrabens gelegen (Wordgasse 4) und nördlich der Carl-Ritter-Straße, die die Bürgerstadt vom Stiftsbereich trennt. Der Bereich ist bis zu 55 m breit und tief; mehrere Flügel umschließen einen Innenhof mit einem malerischen und charakteristischen Taubenhaus aus dem 18. Jh., auf einem hohen Sandsteinsockel stehend. Im Südosteck ist der Rest eines mittelalterlichen Befestigungsturmes eingebaut, des Spiegelturmes. Der Zugang zum Hof erfolgt von Nordosten, wo das Haupttor liegt und die die Bebauung zum Mühlgraben hin öffnet. Der Hof liegt direkt an der südlichen Stadtmauer der Quedlinburger Altstadt und überbaut z. T. die im Kern mittelalterliche Stadtmauer.

Der Fleischhof wurde erstmals 1316 urkundlich erwähnt. Vermutlich ist die Anlage im Eck an der Stadtmauer aber älter und wurde schon von Schutzvogt Graf Hoyer von Falkenstein im 13. Jh. erbaut, kam 1238 an die Grafen von Regenstein, 1287 an die Stadt und dann wieder ans Stift. Ab dem 15. Jh. ist jedenfalls belegt, daß der Hof Eigentum des Quedlinburger Stifts war, das ihn an verschiedene Adelsfamilien verpachtete. Er ist einer der neun noch existierenden Adelshöfe und einer der größten historischen Hofkomplexe der Stadt. Der für einen Adelssitz ungewöhnliche Name "Fleischhof" kommt daher, daß die in der Nachbarschaft ansässige Fleischergilde die Gewölbe der Hofanlage schon im Mittelalter wegen ihrer Kühle zur Lagerung ihrer Ware nutzte. Nach einem früheren Besitzer wird der Hof auch als "Hoymscher Hof" bezeichnet.

Der rechteckige, zweistöckige Westflügel ist der älteste und wertvollste der drei Flügel. Der repräsentative Wohnbau stammt aus der Mitte des 16. Jh. Eine Datierung ist am überbauten Giebelfeld des südöstlichen Zwerchhauses zu finden, 1566, eine zweite am Portal, ein Jahr später. Über einem massiv in Stein gemauerten Erdgeschoß, das eine großzügige Flurzone und eine Küche mit Rauchfang enthält, liegt ein Obergeschoß mit dem großen Saal in Fachwerkbauweise. Unter dem Bau liegt im Süden ein gratgewölbter Keller. Im zweigeschossigen Dach mit Dachboden und Spitzboden gibt es auf jeder Seite zwei randständige Zwerchhäuser, alle noch original aus der Renaissance. Vom Hof aus kann man nur das rechte sehen, weil das linke hinter dem angebauten Südflügel liegt. An der Westseite kann man zwei Zwerchhäuser sehen. Früher hatte der Flügel sogar drei Zwerchhaus-Paare; in der Mitte war auch noch eines.

Innen wurde der Bau zwar verändert, aber so, daß man trotz fast vollständiger Veränderung der Binnenstruktur noch den originalen Grundriß nachvollziehen kann. Ein erster Umbau erfolgte anläßlich des Anbaus des Südflügels um 1580-1595. Um 1662-1663 wurde der Westflügel erneut umgebaut. Dabei wurde das mittige Zwerchhaus aus statischen Gründen entfernt. Die Ursache für die Gebäudeinstabilität ist nicht bekannt. Beim Umbau wurden auch die Fassaden an der Ost- und an der Westseite erneuert, wobei vor der Innenseite der Ost- und Westwand mit Eckständern abgestützte Streichbalken zur Stabilisierung der Anschlußstelle der Dachbalkenlage auf den Außenwandständern eingebaut wurden, um die beiden äußeren Zwerchhäuser erhalten zu können. Ein weiterer Umbau des Innenlebens erfolgte um 1728; ein mittiger Ständer mit Beschlagwerk im Erdgeschoßflur ist so am Fuß datiert. Im 19. Jh. wurden neue Trennwände eingezogen, und in dieser Zeit wurde die Treppe im Erdgeschoß erneuert. Zwischen 1918 und 1938 fand ein weiterer Umbau statt, bei dem der nördliche Teil des Erdgeschosses komplett durch einen Neubau ersetzt wurde. Nur der linke Teil des Erdgeschosses stammt aus dem 16. Jh.

 

In diesen historischen Teil des Erdgeschosses führt ein schönes Sandsteinportal aus der Renaissance, mit einem Rundbogen zwischen kannelierten Flachpfeilern und Architrav, inschriftlich datiert auf das Jahr 1567. In den Zwickeln des Portals sind die Initialen und Wappen von "H. V. W." = Hans von Wulffen und seiner Frau "M - E. v. P." = Elisabeth von Plotho angebracht. Das Wappen der von Wulffen zeigt einen aufspringenden Wolf. Die hier nicht dargestellte Helmzier wäre ein niedriger, runder, aufgekrempter Hut mit zwei Federn besteckt. Die Tinkturen sind nicht bekannt (Siebmacher Band: SaA Seite: 192 Tafel: 124, Band: AnhA Seite: 69-70 Tafel: 40). Die Familie besaß Radegast im Anhaltischen, hatte Besitzungen in den Stiftsländern von Quedlinburg und Halberstadt und ist im 17. Jh. erloschen. Mitglieder der Familie standen in magdeburgischen Diensten. Die Familie ist nicht zu verwechseln mit gleichnamigen Familien, die aber den Wolf wachsend als Kleinod führen.

Das Wappen der von Plotho ist geviert, Feld 1 und 4: in Rot ein schwarzer, golden gekrönter Mohrenrumpf, Feld 2 und 3: in Silber eine rote Lilie mit goldenem Bund. Dieses Wappen wird meistens mit einer Kombinationshelmzier geführt, auf dem Helm mit rot-silbernen Decken eine rote Lilie mit goldenem Bund zwischen zwei nach außen gelehnten Mohrenrümpfen (Siebmacher Band: Pr Seite: 57 Tafel: 73-74, Band: PrA Seite: 61 Tafel: 45, Band: PrGfN Seite: 17 Tafel: 12, Band: AnhA Seite: 83 Tafel: 49, Münchener Kalender 1916). Die Reste der vorgefundenen Farbfassung sind erratisch. Der Stammsitz Alten-Plathow liegt im Jerichower Land und war 1294 an das Erzstift Magdeburg gefallen. Die Herren von Plotho waren Ministerialen der Erzbischöfe von Magdeburg und traten in Lehensverhältnisse mit den Markgrafen von Brandenburg. Wolfgang Edler v. P. erhielt vom Kaiser zu Wien am 13.9.1643 unter Bestätigung des alten Herrenstandes den Reichsfreiherrenstand mit dem Prädikat "Frhr. v. Engelmünster auf Parey und Wilszsandt". Engelmünster war eine flämische Baronie. 1840 bekam die Familie das Amt eines Erbkämmerers im Herzogtum Magdeburg.

Das Stift Quedlinburg hatte den Adelshof 1566 an Hauptmann Hans von Wulffen gegeben, um seine Verdienste u.a. in der Schlacht von Sievershausen am 9.7.1553 zu honorieren. Diese Schlacht gehört zum zweiten Markgräflerkrieg und ließ die 18000 Mann starken Truppen des raubenden und plündernden Landfriedensbrechers Markgraf Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach bei Lehrte auf die seiner vereinigten Gegner treffen, Moritz von Sachsen und Heinrich d. J. von Braunschweig-Wolfenbüttel, die zusammen 15500 Mann aufgeboten hatten. Nach einem vierstündigen Gemetzel mit ca. 4000 Toten war der zweimal mit der Reichsacht belegte Markgraf besiegt. Für die Bundesseite war es ein teurer Sieg, Moritz von Sachsen starb an den Verletzungen. Da es ein erklärtes Ziel des Markgrafen war, sich insbesondere an den Klöstern und Stiften schadlos zu halten, war der Sieg von existentieller Bedeutung für das Stift Quedlinburg.

Der Westflügel ist zugleich eines der Kummerkinder der Stadt, weil er stark renovierungsbedürftig ist und sogar akute Einsturzgefahr besteht. Das Hauptproblem ist jahrzehntelang durch das kaputte Dach eingedrungenes Wasser, das Wände und Decken zerstört hat, den Putz bröseln läßt und die Ansiedlung und Verbreitung des Echten Hausschwamms gefördert hat. Am schlimmsten betroffen ist die Wetterseite im Westen. Infolge dessen sind etliche Balken des Fachwerks zersetzt und statisch instabil. Die Zwerchhäuser lehnen sich schon zur Seite, und es ist nur eine Frage der Zeit, wann tragende Balken nachgeben. Von der originalen Ausstattung haben sich der große Kamin, der unter dem Schwiegersohn des Erbauers eingebaut wurde, und zwei wunderschön geschnitzte Stützen erhalten. Vermutlich sind unter den vielen späteren Farbschichten auch noch Malereien und Baudetails aus dem 16. und 17.Jh. zu entdecken. Die Zeit drängt, und wegen der statischen Instabilität und des katastrophalen Zustandes erfordert eine Sanierung einen Austausch der meisten konstruktiven Hölzer, weil der Bestand keinerlei Standfestigkeit mehr garantiert. Die Renovierung soll von der Stadt Quedlinburg und der Deutschen Stiftung Denkmalschutzgemeinsam als eine Art "offene Baustelle" zum Lernen, Mitmachen und Schauen erfolgen.

Zeitlich nach dem Westflügel folgte der Südflügel, der in der ersten Umbauphase gegen Ende des 16. Jh. angebaut wurde, ca. 1580-1595. Aus diesem Anlaß wurden auch im Westflügel einige bauliche Veränderungen durchgeführt, die sich durch den Anschluß ergaben.

 

Der Südflügel wurde 2009 mit Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz instandgesetzt. Auch hier ist ein schönes Renaissance-Portal zu sehen, mit zwei Oberlichtern und seitlichen Sitznischen, datiert auf 1595. In den Zwickeln des Portals sind die Initialen und Wappen von "G. V. K." = Gebhard von Kneitlingen zu Dedeleben und seiner Frau "E. V. W." = Elisabeth von Wulffen, der Tochter des oben genannten Hans von Wulffen, angebracht. Die beiden treten 1605 urkundlich mit ihren vollen Namen in Erscheinung, als Gebhard von Kneitlingen bekennt, daß Heinrich Julius, postulierter Bischof zu Halberstadt und Herzog zu Braunschweig und Lüneburg, seiner Frau Elisabeth von Wulffen eine Leibzucht bewilligt hat an den Gütern zu Dedeleben, die von der Grafschaft Regenstein und dem Stift Halberstadt zu Lehen gehen, und gelobt, sie nach Leibzuchtsrecht zu gebrauchen (NLA WO 60 Urk Nr. 381)

Das Wappen der von Kneitlingen zeigt in Schwarz zwei silberne Balken. Als Helmzier wird nach Literatur zu schwarz-silbernen Decken ein Fächer von fünf oder sechs goldenen Getreideähren oder auch mitunter silbernen Reiherfedern (Siebmacher Band: SaA Seite: 86 Tafel: 55) geführt; hier trifft letzteres zu, neun Reiherfedern bilden einen Busch. Der namengebende Sitz liegt im Landkreis Wolfenbüttel. Gebhard von Kneitlingen stand in anhaltinischen Hofdiensten und war am 5.1.1587 beim Leichenbegängnis des Fürsten Joachim Ernst von Anhalt zugegen. Die ursprünglich braunschweigische Familie, die im Stift Halberstadt das Rittergut Dedeleben und im Erzstift Magdeburg ein Burglehen zu Groß-Wanzleben hatte und ihren Rittersitz zu Güntersberge hatte (1603 im Besitz von Gebhard von Kneitlingen), ist ca. 1739-1741 mit dem preußischen Obristen Friedrich Wilhelm von Kneitlingen im Mannesstamm erloschen, der mit einer Frau von Quitzow fünf Töchter hatte. Das Wappen der von Wulffen entspricht der bereits beim Vater bzw. Schwiegervater gegebenen Beschreibung, nur hier eben nicht gewendet, weil es heraldisch links steht. Und hier sieht man die Helmzier, den niedrigen runden Hut mit zwei Federn. Die beiden Wappen sind ebenfalls im Inneren am Sturz des Rauchfangs des Kamins im Westflügel angebracht, aufgrund des baulichen Zustandes muß dringend davon abgeraten werden, innen hoch zu gehen.

Ein späterer Besitzer, Siegfried von Hoym, ließ 1620 einen weiteren Flügel errichten und nutzte ihn als Kornhaus. Nach dem Adel kam der Besitz in bürgerliche Hände. Ab 1760 ist eine Familie Koch Inhaber des Lehens überliefert, Jeremias Timotheus Koch. Als das Quedlinburger Stift 1803 säkularisiert wurde, wurde aus der Lehnsherrschaft Eigentum der Stadt, die den Hof nun 1820 an Andreas Koch verkaufte. 1852 gab es einen erneuten Besitzerwechsel, nun wurde Carl Rabe neuer Eigentümer. Die letzten Besitzer vor dem Verfall war die Samenhändler-Familie Ziemann und Sperling, die den Hof seit Anfang des 20. Jh. bis 1948 nutzten. Erst war Walter Sperling Besitzer, dann sein Sohn Carl Sperling. Dieser baute den Westflügel um, indem er im Erdgeschoß den nördlichen Gebäudeteil entfernte und durch einen Neubau mit neuer Raumaufteilung einheitlicher Zimmergröße ersetzte, wobei der Keller mit einer Stahlkonstruktion überbaut wurde. Die Schornsteine aus dem 16. Jh. wurden entfernt. Die beiden Schildwände wurden neu aufgemauert. Es war der umfassendste Umbau in der Geschichte des Adelshofes. 1948 mußte die Samenhändlerfamilie ihr Stammhaus in der Stadt aufgeben, und das Ensemble verkam in der Folgezeit immer mehr. Erst seit 2008 gibt es wieder einen neuen Eigentümer, den Immobilien-Unternehmer, Hotelier, Gastronom und Chef der Touristik Harz GmbH Hartmut Heger, und die Sanierung wird Abschnitt für Abschnitt in Zusammenarbeit mit der Stadt und der DSD vorangetrieben. Der Ostflügel, ein schicker Bau mit zwei Zwerchgiebeln zum Hof, ist renoviert und beherbergt Gastronomie (Le Feu, Flammkuchenhaus). In weiteren bereits renovierten Bereichen sind Wohnungen eingerichtet, ebenso im Südflügel.

Literatur, Links und Quellen:
Position in Google Maps: https://www.google.de/maps/@51.7878085,11.1401445,19z - https://www.google.de/maps/@51.787763,11.1401065,81m/data=!3m1!1e3
Seite der Deutschen Stiftung Denkmalschutz:
https://www.denkmalschutz.de/denkmal/adelshof-wordgasse-4-fleischhof-fwhp-2009-und-2012.html
Der Fleischhof auf der Seite des Deutschen Fachwerkzentrums:
http://www.deutsches-fachwerkzentrum.de/forschung.php
Fleischhof:
https://erlebnisland.de/sachsen-anhalt/quedlinburg/sehenswuerdigkeiten/adelshof-taubenschlag-quedlinburg
Fleischhof:
http://www.burgen.ausflugsziele-harz.de/ausflugsziele-sehenswertes/burg-schloss/quedlinburg-adelshof.htm
der Fleischhof bei Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Fleischhof
Wolfgang Braun, Bernd Sternal: Burgen und Schlösser der Harzregion, Band 4, Sternal Media, Boosk on Demands, Norderstedt, 1. Auflage 2013, ISBN 978-3-7322-9181-6,
https://books.google.de/books?id=PBpzAgAAQBAJ, 3. Auflage, 2015, ISBN 978-3-7322-9149-6, S. 26-28, https://books.google.de/books?id=IFVIAgAAQBAJ
von Plotho:
https://de.wikipedia.org/wiki/Plotho
Amelie Seck: Eine Stadt mit Verantwortung - Denkmal in Not, in: Monumente, hrsg. von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Heft 3, 2019, S. 58-63 -
https://www.monumente-online.de/de/ausgaben/2019/3/DiN-Fleischhof-Quedlinburg.php#.XyV0fTVCTcs
Urkunde mit den korrekten Namen Kneitlingen/Wulffen:
https://www.arcinsys.niedersachsen.de/arcinsys/detailAction?detailid=v5904659

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