Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2659
Westerburg (zu Huy, Landkreis Harz, Sachsen-Anhalt)

Burg Westerburg ("Schloß Westerburg")

Die Westerburg liegt 18 km nordwestlich von Halberstadt bzw. 28 km südöstlich von Wolfenbüttel bei Dedeleben (Adresse: 38836 Huy, Westerburg 34) in einer Waldinsel inmitten der Felder. im sogenannten Großen Bruch nahe der Straße Halberstadt-Braunschweig. Sie bildet eine markante Anlage, die aus zwei ganz unterschiedlichen Kompartimenten besteht, einerseits einer oval-polygonalen Vorburg mit den ehemaligen Wirtschaftsgebäuden, andererseits aus einem daran angesetzten viereckigen Kastell mit den herrschaftlichen Wohntrakten und Repräsentationsräumen in den dreistöckigen Flügeln, 32 x 34 m groß. Im Nordwesteck des 14 m x 20 m messenden Kastellhofes befindet sich ein quadratischer Treppenturm, mit einer Spindel im Innern. Eine Freitreppe führt zum Portal hinauf. Eine weitere Treppe ist in die Trakte eingebaut.

An der Nahtstelle zwischen beiden Kompartimenten steht der Bergfried von 10 m Durchmesser und 32 m Höhe ohne Dach. Seine Wandstärke beträgt unten 3,50 m und verjüngt sich nach oben in fünf Absätzen. Früher waren im Turm mindestens drei Balkendecken eingebaut. In nachmittelalterlicher Zeit, vermutlich erst im 16. Jh., wurde das oberste Geschoß mit einem steinernen Gewölbe versehen. Der Turm wurde früher vermutlich mit einem Zinnenkranz abgeschlossen (nicht mehr nachweisbar); das unharmonisch stumpfe Kegeldach wurde 1954 aufgesetzt. Obwohl die Formen schlicht sind, ist der Bergfried in die eher späte Mitte des 13. Jh. zu datieren. Im Nordwesten liegt in 12,50 m Höhe der ursprüngliche, rundbogige Zugang des Bergfriedes, heute von dichtem Efeu umwuchert. Er liegt nach Nordwesten ausgerichtet, also schräg zur Kernburg hin. Es wird postuliert, das Kastell sei erst viel später als die Vorburg gebaut worden und hier hätte der ursprüngliche Zugang zur Burg gelegen. Nicht nur, daß das sowohl atypisch, unlogisch und vor allem unbelegt ist, man hätte aber kaum den Eingang des Bergfriedes zur Angriffsseite gewendet, wenn nicht schon zur Bauzeit ein Schutz durch Gebäude an dieser Stelle bestanden hätte, wenn das Kastell nicht schon damals das Herzstück und der innerste Verteidigungsbereich gewesen wäre. Erst in nachmittelalterlicher Zeit wurde ein ebenerdiger Zugang zum Bergfried gebrochen, als Zugang zu dahinter befindlichen Gefängniszellen. In Höhe des dritten Obergeschosses gibt es noch einen späteren Durchbruch, der eine Verbindung des Turmes mit dem Dachgeschoß des Südflügels des Kastells schafft.

Blick von Norden auf Vorburg (links), Bergfried (Mitte) und Kastell (rechts)

Hinsichtlich der Baugeschichte lassen sich sechs Bauphasen unterscheiden: Der ersten Bauphase gehören der Bergfried und die Süd- und die Westmauer der Kernburg an. Dafür sprechen die hohe Stärke von 1,80 m und 1,95 m der genannten Mauern und der Rücksprung zwischen dem heutigen 1. und 2. Obergeschoß. Wenn diese erste Burg schon Kastellform gehabt haben sollte, wäre sie mit der älteren Rudelsburg, der jüngeren Burg Zilly und der ebenfalls jüngeren Burg Schlanstedt in guter Gesellschaft. In der zweiten Bauphase wurde an die westliche Ringmauer ein Wohngebäude gebaut, eine Art Palas. Frühere zeichnerische Dokumente belegen ein inzwischen verschwundenes spitzbogiges Zwillingsfenster. Von diesem Bau ist nur noch die hofseitige Mauer im Kern erhalten. In einer dritten Bauphase in der Spätgotik erhielt die Burg ihre heutige Gestalt, dabei entstanden die Ostwand des Nordflügels und das spitzbogige Tor in der Ostwand der Kernburg. Aus dieser Zeit stammt auch die große Burgküche. Die vierte Bauphase ist eine zweite spätgotische Phase um 1430-1540, dabei wurden in den drei Obergeschossen des Westflügels und im zweiten Obergeschoß des Südflügels neue Fenster eingebaut. Auch der hofständige Treppenturm stammt aus dieser Zeit. Die fünfte, nachmittelalterliche Bauphase umfaßt die Modernisierung in Renaissance-Formen, die sechste Bauphase ist der barocke Ausbau mit der Burgkapelle.

 

Abb. links: Bergfried mit Hocheingang. Abb. rechts: hofseitiges Portal des Südflügels der Kernburg.

Der polygonale, insgesamt eckig-ovale Wirtschaftshof, dessen größte Abmessungen 60 m x 80 m betragen, besitzt einen malerischen Wechsel zwischen Stein- und Fachwerkgebäuden. Die Außenmauer der Gebäude ist mittelalterlich; die hofseitigen Wände aus Stein bzw. Fachwerk stammen alle aus der zweiten Hälfte des 17. Jh. In der Mitte des großen Burghofes steht frei ein großer Taubenturm, auf dessen steinernem, rundem Sockel ein polygonales Fachwerkobergeschoß reihum auf Holzstreben auskragt. Einst umgaben zwei Wassergräben die Anlage; der innere ist vollständig erhalten, der äußere teilweise. Zwischen beiden liegt ein Wall mit dem Aushub. Der naturnahe Wald beiderseits des äußeren Wassergrabens wird durch die Bezeichnung "Schloßpark" erheblich aufgewertet.

Vorburg mit Taubenhaus

Auch wenn auf der Beschilderung auf dem Gelände ein anderer Eindruck erweckt wird, es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, daß die Vorburg älter sein soll als die Hauptburg. Es gibt auch keinen Nachweis für einen westlich der Vorburg ursprünglich verlaufenden Wassergraben und ein späteres Entstehen des Kastells und dadurch bedingt eine Verlegung des Zugangs. Vielmehr ist davon auszugehen, daß von Anfang an die bauliche Nähe von herrschaftlicher Kernburg und wirtschaftlich versorgender Vorburg als dazugehörender Versorgungshof konzipiert war und beide zeitlich eng verbunden errichtet und dann kontinuierlich ausgebaut wurden. Es wäre auch entgegen jeder Gepflogenheit gewesen, wenn die Herrschaftsfamilie erst neben den Stallknechten auf dem Heuboden gelebt hätte und erst dann auf die Idee gekommen wäre, sich ein festes Haus zu bauen. Deshalb ist es abwegig, den Bau des Kastells erst zwei Jahrhunderte nach der Vorburg anzusetzen. Vor allem ignoriert die auf dem Gelände vertretene These den baulichen Befund. So ist am gotischen Tor zu lesen "Dieses Tor war ursprünglich bis zum späten 15. Jahrhundert der Hauptzugang von Westen in die Burg". Das hat wenig mit dem Befund zu tun, weil das gotische Tor nämlich so gebaut ist, daß es von der Westseite her verschlossen wurde. Das ergibt nur einen Sinn, wenn man von innen her die Torflügel verrammelte. Ein Burgtor, dessen Torflügel sich nach außen öffnen, sind leichtes Spiel für Eindringlinge: Brecheisen an die Angeln, hebeln, drin. Ebenso wird der bauliche Befund ignoriert, daß sich der Zugang des Bergfriedes nach Nordwesten zum Kastell hin öffnet - wenn das die Torseite = Angriffsseite gewesen wäre, hätte man den Konstrukteur mit Sicherheit gleich ins Verlies gesperrt, weil man sich unter Exponierung gegenüber einem Angreifer nicht hätte ungefährdet in den Bergfried retten können. Weiter ist zu lesen: "Dieser Hauptzugang war durch ein starkes Tor, aber auch durch eine Zugbrücke über den inneren Graben gesichert". Ein derartiger Wassergraben in plausibler Nähe zu diesem "Außentor" kann nicht verifiziert werden. Ebenso fehlen Verteidigungseinrichtungen auf der "Innenseite" des Tores. "Der Anschlag der Brücke ist noch sichtbar" - mitnichten. Es gibt einen Entlastungsbogen für das darüber liegende Mauerwerk, und es gibt Spuren einstiger Torflügel-Widerlager. Baulich ist das Innenseite, nicht Außenseite. Die glatte Wand ist zum Wirtschaftshof hin gerichtet, also ist das die Außenseite. "Mit dem Baubeginn des Kastells Ende 15. Jahrhunderts wurde der Hauptzugang nach Norden durch das Torhaus verlegt" - auch dies eine Ignorierung des Befundes, denn die Süd- und die Westmauer der Kernburg mit einer Stärke von 1,80 m und 1,95 m unterhalb des Rücksprunges zwischen dem heutigen 1. und 2. Obergeschoß lassen die geschlossene Wehrmauer des 13. Jh. erkennen, an die in der zweiten Bauphase ein Wohngebäude, ein Palas angesetzt wurde. In der aus der ersten Bauphase stammenden westlichen Wehrmauer sind keinerlei Spuren eines evtl. später verschlossenen Torbogens zu erkennen.

Kernburg von Nordwesten, von jenseits des inneren Wassergrabens gesehen

Die Besitzgeschichte ist kompliziert: Seit mindestens 1335 bis 1599 hatten die Grafen von Regenstein die Westerburg als Lehen des Stifts Halberstadt inne. Ihrerseits verpfändeten sie die Burg 1521-1546 an Bertram von Dorstadt, dann an Matthias von Veltheim. Dessen Schwester heiratete Joachim von der Schulenburg, so daß die Burg an die von der Schulenburg kam. Als die Grafen von Regenstein ausstarben, fiel das Lehen 1599 heim an Halberstadt, dessen Administrator Heinrich Julius Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel (15.10.1564-20.7.1613) war. Dessen Witwe Elisabeth geb. Prinzessin von Dänemark (25.8.1573-19.6.1625) verpachtete die Burg an Heinrich und Joachim von Veltheim. Während des Dreißigjährigen Krieges wurde die Burg 1630 von kaiserlichen Truppen besetzt und von Schweden belagert, die erste größere Bewährungsprobe der Befestigung. 1633 übergab Herzog Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel (5.4.1591-11.8.1634), der NICHT Administrator von Halberstadt war, die Anlage an Henning von Steinberg, und im Besitz der Herren von Steinberg blieb die Burg bis zu deren Aussterben im Jahr 1701. Auch wenn es während des Dreißigjährigen Krieges etwas verwaschen wurde, und auch wenn die Vergabe 1633 gegen 38000 Taler erfolgte, als würde der Herzog sich selbst als Eigentümer sehen - Lehnsherr war nie Braunschweig, sondern immer das Stift Halberstadt. Nur in ihrer Funktion als Administratoren von Halberstadt konnten die Braunschweiger Herzöge das Lehen vergeben. Herzog Friedrich Ulrich hätte es also nie vergeben dürfen, auch nicht gegen Bezahlung. Einzig Herzog Leopold Wilhelm von Österreich hätte das tun dürfen. Aber in jenen Zeiten war kein Platz für solche Feinheiten. Nachdem die mittlere Linie der Braunschweiger Herzöge mit Friedrich Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel 1634 erlosch, wurde der Soll-Zustand wiederhergestellt, nämlich Lehnsherr = Halberstadt, vertreten durch den vorgenannten letzten katholischen Fürstbischof. 1648 übernahm Kurbrandenburg das Fürstentum und damit auch die Lehnsherrschaft über Burg Westerburg. Lehensübertragungen an die Herren von Steinberg gab es in den Jahren 1650, 1661 und 1664. 1664-1666 erfolgte eine "Einlösung" des Amtes Westerburg und eine Übergabe an den Grafen Erasmus von Tattenbach. Bis 1701 blieben die Herren von Steinberg Inhaber des Lehens Westerburg.

äußerer Torbau, Nordseite (Feldseite)

Vorgelagert vor der Vorburg steht im Norden separat das im späten 15. Jh. errichtete Torhaus, das wohl eine Art Barbekane bildete. Eine ähnliche Anlage gibt es in Querfurt im Westen der Burg. Das Torhaus steht zwischen dem inneren und dem äußeren Wassergraben, die bis zu 6 m tief waren. Über beide Gräben wurden früher Zugbrücken gelegt. Deshalb kann angenommen werden, daß Gräben und Torhaus in baulichem Kontext gemeinsam angelegt wurden. Sowohl am äußeren Torhaus als auch am Haupttor zum inneren Burghof, sind die Einlässe zur Aufnahme der hochgezogenen Brücken noch zu sehen, aber die Löcher für die Kettenrollen sind verschlossen. Ursprünglich war das Torhaus in Fachwerkständerbauweise mit Hartholz und Steinausfachung erbaut worden. Außen ist es verputzt, auf der Innenseite sieht man noch das Fachwerk. Auf der Außenseite ist das Tor selbst in Stein ausgeführt und spitzbogig, auf der Innenseite öffnet sich der Fachwerktorweg auf ganzer Breite bis zum Horizontalbalken, der das Obergeschoß trägt und seitlich zwei Streben hat. Die Räume in diesem separaten Gebäude dienten als Wachstube und als Wohnbereich der Burgwache. Außen am Torhaus befindet sich über der Durchfahrt ein Allianzwappen von "JOHAN(N) HELMER VON STEINBERG" und "VRSVLA DOROTHE VON VELDTHEIM". Die gegenwärtige Farbfassung des Steines hat nichts mit den heraldisch korrekten Tinkturen zu tun. Zwei Putten stehen an den beiden Außenseiten der Komposition; zwischen ihnen zieht sich im Bogen das Schriftband mit der namentlichen Zuordnung unter den beiden Wappen entlang.

äußerer Torbau, Südseite (Innenseite)

Johann Hilmar von Steinberg (1585-5.9.1648) aus der Linie Bodenburg-Bornhausen-Westerburg war Drost in Diensten des Hauses Braunschweig-Lüneburg im Amt Hardegsen. Seine Eltern waren Jobst von Steinberg (-1594) und Anna von Post, die 1583 geheiratet haben. Sein Wappen zeigt in Gold einen aufspringenden schwarzen Steinbock, auf dem gekrönten Helm mit schwarz-goldenen Decken ein schwarzer Flug, beiderseits mit einem goldenen Balken (Lit.: Schrägbalken, rechts schräglinks und links schrägrechts) belegt (Westfälisches Wappenbuch, Siebmacher Band: Han Seite: 16 Tafel: 18, Band: Me Seite: 19 Tafel: 18, Band: SaA Seite: 161 Tafel: 105, Band: Bad Seite: 130 Tafel: 76). Die Familie kommt aus dem Königreich Hannover und hatte im Mindenschen Besitzungen. Nach Grote und in einigen Siebmacher-Bänden wird zwischen den Flügeln eine goldene Säule geführt, oben mit Pfauenfedern besteckt. Im Münchener Kalender 1912 wird auf dem gekrönten Helm mit rechts schwarz-goldenen und links golden-schwarzen Decken ein roter Schaft dargestellt, oben besteckt mit einem Pfauenfederbusch (Pfauenwedel mit rotem Stiel), zwischen einem golden-schwarz übereck geteilten Flug. Hier fehlt der Pfauenfederwedel, und die Balken in der Helmzier werden abweichend horizontal dargestellt. Das Wappen ist hier nicht gewendet. Die Zuordnung des Wappens ist bei Reinhard Schmitt übrigens falsch, er setzt es mit dem an der Kernburg und in der Kapelle gleich, das jeweils unterschiedliche Wappen der Ehefrau und die namentliche Beschriftung fahrlässig ignorierend.

Wappen außen am äußeren Torbau

Johann Hilmar von Steinberg zu Bodenburg und Westerburg hatte 1639 Ursula Dorothea von Veltheim (1612-1687) geheiratet, die Tochter von Heinrich von Veltheim (1558-25.1.1615), Herr auf Harbke und Beyenrode, und Katharina von Münchhausen (11.7.1571-13.7.1656) zu Apelern, welche am 10.12.1590 in Hessisch Oldendorf geheiratet hatten. Das Wappen der von Veltheim ist geviert, Feld 1 und 4: in Gold ein mit zwei silbernen Fäden belegter breiter schwarzer Balken, Feld 2 und 3: in Silber ein schräggelegter roter Ast mit beiderseits einem abhängendem roten Lindenblatt, auf dem gekrönten Helm mit rechts schwarz-goldenen und links rot-silbernen (auch umgekehrt) Decken ein rautenförmiges rotes goldenbequastetes Kissen zwischen zwei goldenen, je mit einem mit zwei silbernen Fäden belegten schwarzen Balken belegten Paar Büffelhörner (Münchener Kalender 1909, Westfälisches Wappenbuch, Niedersächsische Wappenrolle Nr. 975, Aschaffenburger Wappenbuch, Grote, Siebmacher Band: Han Seite: 17 Tafel: 18, Band: MeA Seite: 112 Tafel: 64, Band: Pr Seite: 426 Tafel: 469). Die von Veltheim besaßen das Erbküchenmeisteramt im Herzogtum Braunschweig seit 1514. Sie spalteten sich auf in eine schwarze und eine weiße Linie. 1798 erlangte die Familie den Grafenstand in Preußen. Die schwarze Linie ist 1860 im Mannesstamm erloschen; ihr Besitz fiel an die weiße Linie. Sie waren auch Erbmarschälle des Herzogtums Magdeburg.

Wappen außen am äußeren Torbau, Detail

Das Epitaph der beiden Ehepartner Johann Hilmar und Ursula Dorothea befindet sich in der St. Johannis-Kirche in Bodenburg, und diese Wappenkombination taucht auch auf der Epitaphienplatte für ihre Tochter Anna Katharina auf, die im Schloßpark Bodenburg zu sehen ist, mit den Wappen von Steinberg, von Veltheim, von Post und von Münchhausen. Johann Hilmar und Ursula Dorothea hatten zwei Söhne, Jobst Heinrich von Steinberg (1643-1663) und Henning Adolf von Steinberg (1645-1684).

zweites Tor in den großen Burghof, Blick von Norden, Außenseite

Das dahinterliegende Tor, das von Norden her in den großen Hauptburghof führt, ist kein separates Tor, sondern in die randständige Bebauung integriert. Das rundbogige Tor besitzt einen fast rechteckigen, oben nur leicht gerundeten Falz als Anschlag für die Zugbrücke. Dieses innere Tor, das etwas jünger ist als das äußere Torhaus, war noch zusätzlich durch ein starkes, eisenbeschlagenes Fallgatter gesichert; hinter der Außenmauer ist die breite Fuge erkennbar, in der es herabgelassen werden konnte, um die gesamte Öffnung zu verschließen. Links oben neben dem Tor sind Schießscharten zu erkennen.

Wappenstein am Nordflügel der Kernburg, Ostseite zum großen Burghof hin

Einen zweiten Wappenstein findet man neben dem gotischen Tor. Das gotische Tor unmittelbar neben dem Bergfried verbindet heute den großen polygonal-ovalen Burghof mit dem kleinen rechteckigen Hof des Kastells und trennt die herrschaftlichen Gebäude von den Wirtschaftsgebäuden. Der Wappenstein an der östlichen Schmalseite des Kastell-Nordflügels ist dreiteilig, mit der Inschriftenkartusche in der Mitte ("Henning / Adolph von / Steinberg, / Sophia Catha/rina von / Münchausen") und den beiden Vollwappen außen. Henning Adolph von Steinberg (8.3.1645-15.5.1684), Herr auf Bodenburg, Bornhausen und Westerburg, führt das gewendete Wappen der von Steinberg wie beschrieben; hier sind die Balken auf dem Flug der Helmzier schräg, wie sie auch in der Literatur beschrieben werden. Hier ist das Wappen im Gegensatz zu dem am äußeren Tor einwärts gewendet. Sophia Catharina von Münchhausen (4.5.1645-29.12.1694), Tochter von Philipp Adolph von Münchhausen (1593-18.3.1657), Herr auf Leitzkau, Wendlinghausen und Gut Münchhausen, gräflich-oldenburgischer Geheimer Rat, und Magdalene von Heimburg (20.1.1622-30.1.1681), führt in Gold einen schreitenden Mönch in silberner Kutte, mit schwarzem Scapulier und mit silberner hinten herabhängender Kapuze, in der Linken einen oben gekrümmten roten Stab (Hirtenstab) haltend, in der Rechten ein Brevier haltend in rotem Futteral mit goldenen Verzierungen, auf dem Helm mit golden-schwarzen Decken wachsend der Mönch wie beschrieben (Münchener Kalender 1915, Niedersächsische Wappenrolle Nr. 914 u.v.a.m.). Das Paar hatte am 5.11.1665 geheiratet. Henning Adolph von Steinberg hatte die Burg zu Lehen; ihr Lehnsherr war der Große Kurfürst von Brandenburg (Friedrich Wilhelm von Brandenburg, 1620-1688), der zu jener Zeit auch Fürst von Halberstadt war (1648-1688).

 

Wappenstein am Nordflügel der Kernburg, Ostseite zum großen Burghof hin, Details

Sowohl die Inschrift als auch die beiden Wappen über dem hofseitigen Prunkportal aus der Zeit um 1600 mit einer Rahmung aus Säulenarchitektur (Säulen verlorengegangen) mit Diamantbossen entlang des Rundbogens und mit mehrzonigem Giebelaufsatz sind so verwittert, daß man nichts mehr erkennen kann. Von der Zeit her könnte das heraldisch rechte Wappen das der Herren von Veltheim sein, aber auch ohne jeden Hinweis auf die Identität des anderen Wappens bleibt alles offen. Einen nächsten Wappenstein findet man im Inneren des Restaurants (ehemals Burgküche); es handelt sich um ein stark beschädigtes Wappen der Herren von Veltheim, mit dem Lindenzweig in den Feldern 1 und 4 aufrecht stehend. Die Positionierung der Inhalte in den Feldern ist gegenüber dem Veltheim-Wappen am äußeren Tor vertauscht: Feld 1 und 4: in Silber ein aufrechter roter Ast mit beiderseits einem abhängendem roten Lindenblatt, Feld 2 und 3: in Gold ein mit zwei silbernen Fäden belegter breiter schwarzer Balken, auf dem rot-silbern bewulsteten Helm mit rechts rot-silbernen und links schwarz-goldenen Decken ein rautenförmiges rotes goldenbequastetes Kissen zwischen zwei goldenen, je mit einem mit zwei silbernen Fäden belegten schwarzen Balken belegten Paar Büffelhörner. Da es aus dem Kontext gerissen ist, kann nicht gesagt werden, ob es zur Ehefrau wie am Tor gehört oder aus der Zeit stammt, als die Herren von Veltheim selber das Lehen innehatten. In den als Restaurant genutzten Räumen des südlichen Kastellflügels fallen die drei starken tragenden Pfeiler und das Kreuzgewölbe aus der Gotik auf. Im hinteren Teil der ehemaligen Burgküche befindet sich der Abzug des mächtigen Kamins.

sekundär vermauerter Wappenstein in der Burgküche

Der urigste Innenraum ist der sogenannte "Ritterkeller" im Nordflügel des Kastells. Er mißt 19,50 m in der Länge, 4,5 m in der Breite und besitzt ein 3,50 m hohes Tonnengewölbe in einer Schalungstechnik mit großen, breiten Brettern im östlichen Raum, die für eine Entstehung in der dritten oder vierten Bauphase spricht, also noch in spätgotischer Zeit. Er ist jedenfalls nicht der älteste erhaltene Innenraum; dieser ist im Bergfried zu verorten. Zeitweise wurde der Raum durch eine Trennwand geteilt (eine auf der Erläuterungstafel beschriebene sakrale Nutzung ist nirgends belegt und wäre auch atypisch - nirgends wurde ein Sakralraum in einen muffigen Keller gelegt, solange irgendeine bessere Möglichkeit bestand). Auch daß man die Wachmannschaft hier einquartiert hätte, ist unlogisch, viel wahrscheinlicher ist, daß die im Erdgeschoß des Wohngebäudes ihre Wachstube hatte. Die auf den Hof gehenden Fenster sind auch nicht als Schießscharten zu interpretieren, weil sie innen zu hoch und außen zu tief liegen. Im Jahr 2000 wurde der dann als Keller, Abstellraum und Dreckecke genutzte Raum saniert, von der Trennmauer befreit und als gastronomisch nutzbarer Raum hergerichtet.

Kastellhof, Blick auf den Nordflügel und das gotische Tor rechts

Die barocke Burgkapelle aus dem Jahr 1681 im dritten Obergeschoß des Nordflügels des Kastells ist ein besonderes Kleinod unter den Innenräumen. Sie mißt 20,50 m in der Länge, 5,50 m in der Breite und ist 6 m hoch. Sie wurde von Henning Adolph von Steinberg eingerichtet, der von der alten, seit dem frühen 16. Jh. hier bestehenden Kapelle nur die Außenmauern übernahm. Der Holzbildhauermeister Voltin Kühne aus Groß Quenstedt arbeitete mehrere Jahre an der reich geschnitzten Innenausstattung (andere schreiben die Ausstattung Martin Kraft zu). Mit der Weihe der protestantischen Kapelle im Jahr 1681 brachte der Bauherr die barocken Erweiterungs- und Umbauarbeiten von Burg Westerburg zum Abschluß. Die restaurierte Burgkapelle ist nur im Rahmen von Führungen zugänglich. Hier sind auch noch Wappen zu sehen (ohne Abb.): Über den beiden seitlichen Türen rechts und links der mittig angeordneten Predigtkanzel und des Altars halten fliegende Engel jeweils ein holzgeschnitztes Vollwappen, optisch links das von Henning Adolph von Steinberg, optisch rechts das seiner Frau, Sophia Catharina von Münchhausen. Ein weiteres Mal tauchen die beiden Wappen im filigran geschnitzten mittleren Abschnitt der Emporenbrüstung auf.

Südflügel der Kernburg mit Restaurant-Terrasse

Der Rittersaal im zweiten Obergeschoß des Palas (Westflügel) ist hingegen wenig authentisch. Vielmehr ging die Pächterfamilie im Laufe des 19. Jh. dazu über, die Kernburg für sich zu nutzen und einige Repräsentationsräume entsprechend herzurichten. Dazu verwendeten sie alte Holzelemente aus Einbauten des 16. Jh. und kombinierten diese mit neuen Balken auf Maskenkonsolen. Ein sandsteinerner Kamin und eine Musikantenempore befriedigten das romantische Bedürfnis der Zeit um 1870. In dieser Zeit wurde im Südwesten eine überdachte Veranda angebaut, wofür Fenster versetzt wurden.

Blick vom inneren Tor in den großen Burghof, Blick von Norden nach Süden

Wie ging es weiter nach dem Aussterben der Herren von Steinberg im Jahre 1701? Das Lehen fiel als erledigt heim, und da der Rechtsnachfolger des Fürstentums Halberstadt Brandenburg war, und der Rechtsnachfolger Brandenburgs Preußen war, fiel Westerburg 1701 an das frischgebackene Königreich Preußen. König Friedrich I. von Preußen (1657-1713) schenkte Westerburg an seinen Halbbruder Albrecht Friedrich Markgraf von Brandenburg-Schwedt (1672-1731), und danach folgte 1731 als Besitzer dessen Sohn, Markgraf Karl Friedrich Albrecht von Brandenburg-Schwedt (1705-1762). Von ihm geplante Umbaumaßnahmen wurden glücklicherweise nicht ausgeführt. Nach seinem kinderlosen Ableben kam die Burg an Prinz Friedrich Heinrich Ludwig von Preußen (1726-1802), den Bruder von Friedrich dem Großen. Er war Dompropst zu Magdeburg und General der Infanterie. Für all diese Prinzen spielte die Anwesenheit auf der Burg keine Rolle; es war letztlich ein Wirtschaftsbetrieb und damit eine Einnahmequelle, abgesehen von einem Besitztitel mehr in der Sammlung. 1802-1807 und 1813-1945 wurde Westerburg als preußische Staatsdomäne verpachtet. Das Intermezzo 1807-1813 kam durch die napoléonischen Umwälzungen; in dieser Zeit gehörte Westerburg Pauline Borghese (Paolina Borghese, Herzogin von Guastalla, 1780-1825), der Lieblingsschwester Napoléons. Dadurch, daß die Burg ununterbrochen als landwirtschaftlicher Domänenbetrieb geführt wurde, ist sie so hervorragend erhalten. Den guten Zustand verdanken wir aber vor allem auch der Familie Wahnschaffe, die von 1770 bis 1945 ununterbrochen als Pächter hier lebte. 1952 entstand die LPG Westerburg. Ab 1976 kümmerte man sich um Instandsetzung und Restaurierung der Burganlage.

großer Burghof (Wirtschaftshof), rechts unter dem Efeu das innere Tor der Nordseite

Die hervorragend erhaltene Wasserburg Westerburg wird seit 2000 als Hotel und Spa geführt. Sowohl im Kastell als auch im Burgring befinden sich insgesamt 57 individuell eingerichtete Themenzimmer und Suiten aus jeweils Schlaf- und Wohnzimmer. Dafür wurden einige Gebäude des großen Burghofes mit neuen Holzgalerien in Höhe des ersten Obergeschosses versehen. Zum Hotel gehören ein großer Wellnessbereich mit Schönheitsfarm und ein Restaurant im kreuzgewölbten Erdgeschoß des Kastells mit Terrasse zwischen Kastell und innerem Wassergraben. Die Burgkapelle wird für Hochzeiten genutzt. Für Veranstaltungen stehen der "Ritterkeller" und die "Gräfliche Amtsstube" (der Name ist jeweils eine Fiktion) zur Verfügung. Im Sommer finden im Rahmen des Westerburger Kultursommers etliche Freiluftkonzerte sowie Opern- und Theateraufführungen im großen Burghof statt.

großer Burghof (Wirtschaftshof), Taubenhaus, Stein- und Fachwerkbauten

Literatur, Links und Quellen:
Position in Google Maps: https://www.google.de/maps/@52.0141575,10.8662189,19z - https://www.google.de/maps/@52.0141575,10.8662189,162m/data=!3m1!1e3
Burg Westerburg auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Burg_Westerburg
Hotel und Spa Schloß Westerburg:
https://www.hotel-westerburg.de/
Deutsche Inschriften Bd. 88, Landkreis Hildesheim, Nr. 418 (Christine Wulf), in:
www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di088g016k0041801
Genealogie:
https://gw.geneanet.org/jrdus?lang=en&pz=friedrich+oskar+walter&nz=rolcke&p=henning+adolf&n=von+steinberg - https://gw.geneanet.org/jrdus?lang=en&pz=friedrich+oskar+walter&nz=rolcke&p=sophie+catharina+483&n=von+munchhausen und abhängige Seiten
Otto Hupp, Münchener Kalender, 1909, 1912, 1915
Max von Spießen (Hrsg.): Wappenbuch des Westfälischen Adels, mit Zeichnungen von Professor Ad. M. Hildebrandt, 1. Band, Görlitz 1901 - 1903.
Dr. H. Grote: Geschlechts- und Wappenbuch des Königreichs Hannover und des Herzogtums Braunschweig.
Hinweisschilder auf dem Burggelände
Reinhard Schmitt: Die Westerburg, Große Baudenkmäler Heft 453, Deutscher Kunstverlag, München, Berlin, 2. Auflage 1995
Genealogien: Prof. Herbert Stoyan, Adel-digital, WW-Person auf CD, 10. Auflage 2007, Degener Verlag ISBN 978-3-7686-2515-9

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