Bernhard Peter
Galerie: Photos schöner alter Wappen Nr. 2540
Schulpforte (zu Bad Kösen, zu Naumburg, Burgenlandkreis, Sachsen-Anhalt)

ehemalige Zisterzienserabtei und Landesschule Pforte (Porta)

Das Kloster Pforte (Porta) ist ein ca. 4 km westsüdwestlich von Naumburg gelegenes, ehemaliges Zisterzienserkloster, das nach der Reformation in eine Landesschule umgewandelt wurde. Deshalb mischen sich hier klösterliche und schulische Architektur und ebenso Bausubstanz aus der Romanik und Gotik mit solcher aus Renaissance, Barock und Historismus. Wer das Kloster besichtigt, beginnt seinen Besuch mit großer Wahrscheinlichkeit im Norden am großen Parkplatz, geht dann durch den Bereich des Wirtschaftshofes an einem echten gotischen Haus (1516, spätere Nutzung als Speicher, Wohnhaus für Schweinehirten und Brennerei) und einem neugotischen Haus (Mitte des 19. Jh., seit 2004 Sitz der Stiftung Schulpforta und seit 2006 auch Sitz des Pförtner Bundes e.V., also sind hier die beiden Schulförderer vertreten) vorbei zum Fürstenhaus, einem schloßartigen Wohntrakt im Stil der Renaissance. Dann betritt man das Innere der Gebäude, wo man einerseits in Richtung Osten zu Abtskapelle (s. u.), Park (man beachte die riesige, um 1825 gepflanzte Platane) und ehemaliger Turnhalle (1846-1848 erbaut, eine der ältesten Turnhallen Deutschlands) kommt und andererseits in Richtung Westen zum Kreuzgang und zur Klosterkirche gelangt. Außerhalb der Kirche findet man die gotische, leider erst kürzlich bei einem Sturm zerstörte Totenleuchte (1268 gestiftet, ein sehr seltenes Bauwerk) auf dem Friedhof (mit Gräbern von Lehrern, Angestellten und Schülern) und die Lehrergärten (Anfang des 18. Jh. zur Erholung der Lehrer eingerichtet, schülerfreie Zone). Das Neue Schulhaus und das Aulagebäude befinden sich im aktiven Schulbetrieb und sind nicht zu besichtigen. Im Westen liegen die ehemalige Mühle, nahe der Kleinen Saale, das ehemalige Hospiz und das Torhaus an der Bundesstraße.

Die Keimzelle des Klosters Porta (auch: monasterium bzw. claustrum in porta, apud portam, locus portensis) war ein von Graf Bruno im Pleißengau und seiner Frau Willa nach dem frühen Tod seiner Kinder 1132 in Schmölln gegründetes Zisterzienserkloster, das erst vier Jahre zuvor als Benediktinerkloster seinen Anfang genommen hatte. Die Gründungsmönche kamen auf Veranlassung des Naumburger Bischofs Udo aus Walkenried im Harz. Um 1137 verlegte man das Kloster ins Saaletal bei Naumburg, wo es formell mit der Grundsteinlegung zur Kirche am 30.10.1137 als Kloster St. Marien zur Pforte (Monasterium Sanctae Mariae ad Portam) gegründet wurde. Mit dem Bischof von Naumburg hatte man einen Gütertausch vereinbart, so daß diesem nun die Güter in Schmölln zufielen - am 13.1.1137 hatte Papst Innozenz II. den Tausch bestätigt. Der Name ist vermutlich an das christliche Symbol der Himmelspforte (porta coeli) angelehnt, so wie Zisterzienserklöster allgemein typisch programmatische Namen erhielten. Die Ableitung von der Talenge der "Thüringer Pforte" wird zwar auch diskutiert, wäre aber für ein Zisterzienserkloster untypisch profan.

Der ursprüngliche Besitz bestand aus 50 Hufen Land, doch der Grundbesitz wuchs durch Schenkungen und Zukäufe rasch an. 1141 kam durch Kaiser Konrad ein Wald hinzu, 1144 das Dorf Hechendorf, 1147 von Kaiser Konrad die villula Loch bei Hechendorf, 1154 eine Hufe Land zu Tribun und die Meierei Steinbach, 1154 die villa Odesfort, 1157 zwei Höfe zu Wiehe, 1172 Güter in Kukulau, 1177 Porstendorf, 1182 Ummelstedt, 1178 Mertendorf, 1180 eine Mühle in Püchau, 1183 Gernstedt, 1186 Punkewitz, 1190 Güter in Laucha und Almrich, 1193 das Hospital bei St. Georg in Erfurt u.v.a.m. Planvoll und sparsam verfolgte das Kloster eine gezielte Erwerbspolitik; verstreuter Kleinbesitz wurde wieder abgestoßen, das Kerngebiet wurde arrondiert und zwecks intensiver Bewirtschaftung mit Wegen, Straßen, Brücken, Mühlen, Weinbergen, Obstgärten, Fischteichen etc. ausgebaut. Das Saaletal wurde entsumpft, ein Hochwasserdamm wurde angelegt, die Kleine Saale wurde als Mühlgraben abgezweigt. Kaiserliche Bestätigungen sicherten den Portenser Mönchen den erworbenen Besitz von Zeit zu Zeit ab. Im Jahre 1175 war die klösterliche Gemeinschaft bereits zur Filiation in der Lage; Tochterklöster entstanden kurz hintereinander in Altzelle (Altenzelle) in Sachsen und in Leubus in Schlesien. Insgesamt hatte Kloster Pforta in der Zeit seines Bestehens fünf Tochterklöster, vier Enkelklöster und ein Urenkelkloster. Im späten 13. und in der ersten Hälfte des 14. Jh. erkennt man Bestrebungen des Klosters zur Schaffung eines geschlossenen Territoriums mit dem Ziel des Erwerbs landesherrlicher Rechte: Orte, Grundbesitz, Gerichtsbarkeiten wurden gierig zusammengesammelt: 1286 Zeckwar, 1290 Lißdorf, 1295 Poppel sowie Ober- und Untermöllern, 1298 Rehehausen, 1300 Hassenhausen und Roßbach, 1304 Benndorf, 1305 Taugwitz, 1306 Pomnitz, 1319 Fränkenau u.v.a.m. In der ersten Hälfte des 15. Jh. entdeckten die Äbte dazu noch die Finanzwirtschaft als lukrative Geldquelle und stiegen in eine Art von Hypothekenbankgeschäft ein.

Das Kloster wurde 1540 von Herzog Heinrich dem Frommen von Sachsen, der im albertinischen Sachsen die Reformation einführte, aufgehoben. Nachdem Herzog Georg der Bärtige von Sachsen noch seine schützende Hand über das Kloster gehalten hatte, ging es unter seinem Nachfolger nun ganz schnell mit der Abwicklung des Konvents. Der letzte Abt, Peter Schederich (amtierte 1533-1540), wurde mit den verbliebenen 11 Mönchen und 4 Konversen hinausgeworfen; sie wurden mit einer kleinen Pension versehen und mußten sich nun draußen in der weltlichen Welt zurechtfinden. Die Institution, also der Grundbesitz mit seinen Einnahmen, wurde erst eine herzogliche Domäne und dann auf eine 1543 gegründete Landesschule übertragen. Herzog Moritz von Sachsen gründete auf Initiative seines Rates Dr. Commerstadt insgesamt drei Landesschulen, die begabte Jungen aus allen Bevölkerungsschichten auf die Universität vorbereiten sollten, eine in Pforte (für 100 Jungen vorgesehen), eine in Meißen (für 70 Jungen vorgesehen) und eine 1550 in Grimma (zuvor sollte sie in Merseburg entstehen, das kam aber nicht zustande). Der Unterhalt der Schule in Porta wurde durch die Einnahmen der ehemaligen Klostergüter gedeckt; es mußte kein Schulgeld bezahlt werden. Aus den ehemaligen Mönchszellen wurden die Schülerkammern. Das alte Refektorium wurde dreigeteilt und zu Klassenräumen für die Prima, Sekunda und Tertia umgebaut. Unter Rektor Johann Gigas konnten am 23.1.1544 bereits 50 Jungen als Schüler gezählt werden. Der eigentliche Stiftungsbrief "Fundation der Schulen Pforta" wurde aber erst 1550 ausgefertigt. 1568 wurde das Schlafhaus nach Westen verlängert, weil man mittlerweile 150 Stipendiaten unterzubringen hatte. Eine Erinnerung an das Klosterleben war die Forderung, daß die Lehrer ehelos bleiben sollten. Besagte Lehrer wohnten im Abtshaus, das aber schon 1573 zum sogenannten Fürstenhaus umgebaut wurde. Einen Rückschlag gab es im Dreißigjährigen Krieg, in dessen Verlauf die Schule Pforte wegen durchziehender Truppen und Plünderungen insgesamt neunmal geschlossen werden mußte: Am 31.8.1631 plünderten die kaiserlichen Truppen, am 11.3.1639 und am 14.4.1641 jeweils die schwedischen Truppen. Erst am 29.10.1673 sammelten sich hier wieder Lehrer und Schüler, um den Neuanfang in die Wege zu leiten. Seit 1682 gab es fünf Klassen. 1782-1805 beobachten wir eine rege Bautätigkeit, in deren Verlauf erhebliche Erweiterungen entstanden. Die Schule bestand unter Führung der Herzöge von Sachsen bis 1815.

Abb. oben: Die spätromanische Siechenkapelle entstand am ehemaligen Krankentrakt des Klosters. Heute wird sie Abtskapelle genannt. Sie ist ganz im Osten der Anlage zu finden, mit ihrer Schmalseite an die Abtei angesetzt. Sie mißt 11,50 m x 5,88 und besitzt einen 4,10 m tiefen, fünfseitigen Polygonchor im Osten. Das Schiff ist in zwei fast quadratische Joche unterteilt. Während die Klosterkirche selbst gotisch umgebaut wurde, hat diese 1220-1230 erbaute Kapelle ihren spätromanischen Charakter und ihre üppigen Formen des Übergangsstils mit verschwenderisch verwendeten Säulchen, Profilen und Schaftringen beibehalten und ist heute der schönste Raum der ganzen Anlage. Zeitweise hat man in nachreformatorischer Zeit dieses entzückende Bauwerk als Keller genutzt und eine Zwischendecke eingezogen, was zu empfindlichen Verlusten des Bauschmucks führte, weil man einfach Säulen und Kapitelle, die im Weg waren, abschlug, den Chor durch eine Mauer abtrennte und die Fenster vermauerte. Die Schule nutzte die Kapelle bis ins 19. Jh. als Holzlager und als Waschhaus. Erst 1891 wurde die Kapelle wieder von diesen Zutaten befreit und später in ihren ursprünglichen Zustand versetzt.

Der nördlich der Klosterkirche liegende Kreuzgang stammt im wesentlichen im Norden, Westen und Süden aus dem 12. Jh. Die großen romanischen Fensterbögen wurden lediglich durch Entfernen der einst darin befindlichen kleinen Säulenarkaden verändert und wirken daher heute kahl, zu groß und zu offen. Die betreffenden drei Hallen wurden 1573 neu gewölbt. Eine Besonderheit des Kreuzgangs ist, daß die an die Klosterkirche angrenzende Südseite zweischiffig ist (Abb. unten); als Vorbild kommt Kloster Walkenried in Frage. Hier wurden aber die einst tragenden Säulen bei der Neuwölbung durch Viereckpfeiler ersetzt. Der Kreuzgang ist 33,30 m lang und 28,50 m breit und läßt einen Innenhofgarten von 26,40 x 20 m frei, in dem sich früher ein Brunnen befand. Die einzelnen Flügel sind 2,90 bzw. an der Kirchenseite 4,40 m breit. Nur die Ostseite ist später umgebaut worden; sie wurde 1725 bis auf die beiden Eckpfeiler abgebrochen. Die Mauer wurde um 2,30 m nach Westen herausgerückt; das Gewölbe wurde durch eine flache Holzbalkendecke ersetzt, so daß im Obergeschoß der neuen Bebauung Wohnungen eingerichtet werden konnten.

Auf der Nordseite des Kreuzgangs befand sich früher das 32,40 m x 8,15 m messende Refektorium (Speisesaal, Coenaculum) der Mönche. Dieser 1724 renovierte, 1802 teileingestürzte und ohne Gewölbe mit einer flachen Balkendecke wiederhergestellte Raum dient heute noch in veränderter Form als Speisesaal der Landesschule. Über dem Refektorium lag früher das Dormitorium mit 36 Zellen beiderseits eines Mittelkorridors. Diese Zellen wurden in der Schule zu Schlafstuben (cubicula) der Stipendiaten und zu Studierzimmern (musea). 1724 wurden sie in 26 einfache und drei dreifache Stuben umgebaut.

Im Westen des Kreuzgangs lag der Speisesaal (Refektorium) der Laienbrüder, das Speise-, Sprech- und Gesellschaftszimmer der Konversen. Nach der Auflösung der klösterlichen Gemeinschaft entstanden dort 1543 drei Klassenzimmer. Darüber waren im Obergeschoß 20 Zellen eingerichtet. Im Osten erkennt man in der Wand noch die zugesetzten Fensterbögen des 7,50 m x 11,75 m messenden Kapitelsaals, der einen Türdurchgang zur Sakristei hatte. Heute erstreckt sich im ersten Stock über dem Kreuzgang der Internatsbereich. 2012-2016 wurde de gesamte Bereich saniert. Auf den vier Fluren ist seitdem Platz für 43 Mädchen und 27 Jungen des Internats. Im Dachgeschoß liegen zwei Chorprobenräume, Übungsräume, ein Clubraum und Gästezimmer.

Abb. oben: Fürstenbau oder Fürstenhaus. Dieser Bau ist aus dem ehemaligen Infirmarium zur Pflege alter und kranker Mönche abseits des eigentlichen Klausurbereiches hervorgegangen. Der Zugang erfolgt über einen runden Treppenturm an der Westseite. Das untere Geschoß ist durchgehend mit Gewölben versehen. Ein kreuzgewölbter Gang führt durch das ganze Gebäude. Der Nordgiebel besitzt einen erkerartigen Vorbau. Unter dem Dachansatz läuft folgende Inschrift für den Bauherrn entlang: "AVGVSTVS DEI GRATIA DVX IN SAXONIA SACRI ROMANI IMPERII ARCHIMARSCHALLVS ET ELECTOR LANDGRAVIVS THVRINGIAE MARCHIO MISNIAE ET BVRGGRAVIVS (MAGDEBVURGI)". Kurfürst August von Sachsen ließ das Gebäude 1573-1575 auf den Grundmauern des ehemaligen Klosterkrankenhauses errichten. Dabei entstand ein mehrgeschossiger Bau mit den Gäste- und Repräsentationsräumen für den Landesherrn und dessen Verwalter. Hier war bis zum 19. Jh. die Schulverwaltung untergebracht. Seit 1908 wurde das Gebäude als Lehrerwohnhaus genutzt. Nachdem eine umfassende Sanierung erfolgt ist, gehören die Räume seit 2010 zum Internat und dienen in den beiden oberen Etagen der Unterbringung von knapp 60 Schülerinnen und Schülern. Im Erdgeschoß und im Anbau befinden sich Gemeinschaftsräume.

Abb. unten links: Klosterkirche. Die Grundsteinlegung für die Kirche, die nach allgemeiner Zisterziensersitte der Jungfrau Maria geweiht war, fand im Jahre 1137 statt. Die erste Kirche, deren Bauzeit bis ca. 1150 anzunehmen ist, war eine kreuzförmige Basilika der Romanik mit Stützenwechsel und einer Gesamtlänge von 51,50 m, wovon 34,50 m auf das Langhaus entfielen. Es ist kein gebundenes System erkennbar; das Hauptschiff bestand aus vier ungleichen Rechtecken; die Seitenschiffe sind schmäler als die halbe Mittelschiffsbreite. Vierung, Kreuzarme und Chorraum bilden Rechtecke. Gegenüber zeitgleichen Bauten etwa der Hirsauer Tradition erscheint die Architektur durch Verzicht auf damals bereits üblichen gestalterischen Standard rückständig. Zwillingskapellen beseiten den Chor.

Der gotische Umbau erfolgte im zweiten Viertel des 13. Jh. und dauerte bis 1320. Dabei wurde bis 1268 (Weihe) der frühgotische Chor völlig neu konzipiert; er ist der architektonisch interessanteste Teil der Kirche. Hier ist eine mittelalterliche Grisaille-Fensterrosette hervorhebenswert, die 2013 vollständig restauriert und wieder am Originalplatz eingebaut wurde. Der Umbau des Kirchenschiffes zog sich bis ins 14. Jh. hinein; auch hier sind herausragende gotische Bauformen zu sehen. Gotische Bündelpfeiler wurden an die romanischen Pfeiler angesetzt. Die Raumkompartimente wurden deutlich erhöht. Hervorhebenswert ist das um 1268 geschaffene Triumphkreuz aus Eichenholz, eines von zwei in Europa noch existierenden bemalten Zisterzienser-Monumentalkreuzen. Bis 2017 wurde es konserviert und wird seitdem wieder im Kirchenschiff gezeigt. Die für eine Kirche der Zisterzienser ungewöhnlich reich mit Bildnissen (künstlerisch armselig, starker Kontrast zur klassischen Architektur innen) ausgestattete Westfassade mit einer Kreuzigungsgruppe im Giebelfeld (hundsmiserable Kopie der um Klassen besseren Kreuzigung im Naumburger Westlettner) entstand vermutlich nach 1300.

 

Aus sächsischer Zeit haben sich zwei Wappensteine erhalten. Über einer Tür im Westflügel des Kreuzgangs befindet sich ein farbig gefaßtes Wappen von Friedrich August I. Kurfürst von Sachsen und König von Polen (12.5.1670-1.2.1733), gen. August der Starke.

Die Inschrift unter dem Wappen ist in extrem verschwurbelten, äußerst blumigen Latein ("Pforten-Latein") abgefaßt und lautet: "HEIC PIA SALAIDES PANDVNT SACRARIA MVSAE / ADMITTVNT INTRA SINDONA QVANDO SVOS / NEMPE FORES VT SVNT MVSARVM SEMPER APERTAE / SIC QVOQVE NOSTRA BONIS BIBLIOTHECA PATET / I NVNC ET PINDO SCOPVLOLOS OBIICE CALLES / HEIC DATVR AD MVSAS CVRRERE PLANA VIA / REPARAT AN(NO) MDCCXI". Das altlateinische "HEIC" statt "HIC" wirkt zwar vordergründig altertümlich, doch Metrik und gestelzte Ausdruck haben spätlateinische Dichter zum Vorbild. Hinter den entsetzlich geschraubten Worten verbirgt sich eine einfache Einladung in den Musentempel der Bibliothek und die entscheidende Information, daß hier 1711 umgebaut wurde und aus dem einstigen Refektorium der Laienbrüder eine Bibliothek der Schule wurde.

Dieses Wappen stammt aus der Zeit des Kurfürstentums, als der sächsische Kurfürst zugleich König von Polen war, und es werden Komponenten dargestellt, die seit der Jülich-Kleveschen Erbschaft als Anspruch geführt wurden. Der heraldisch rechte Schild steht für Polen-Litauen und ist geviert, Feld 1 und 4: in Rot ein silberner Adler, eigentlich golden gekrönt (Königreich Polen), Feld 2 und 3: in Rot ein silbernes Roß mit geharnischtem Reiter, mit bloßem erhobenen Schwert in der Rechten dargestellt, mit eigentlich blauer Satteldecke und blauem Schild, darin ein goldenes Doppelkreuz (Großfürstentum Litauen).

Der heraldisch linke Schild steht für Kursachsen und ist geviert mit Herzschild, Feld 1: von Schwarz und Gold eigentlich neunmal, hier nur siebenmal geteilt, darüber ein grüner schrägrechter Rautenkranz (Sachsen, Wettiner), Feld 2: Markgrafschaft Meißen, in Gold ein schwarzer Löwe, rot bewehrt, Feld 3: Herzogtum Kleve, in Rot ein goldenes Glevenrad mit silbernem Schildchen, Feld 4: Herzogtum Jülich, in Gold ein schwarzer Löwe, Herzschild: i von Schwarz und Silber geteiltem Feld zwei schräggekreuzte rote Schwerter (Kurschwerter, Zeichen des Erzmarschallamtes, Archimareschallus). Über beiden Schilden in der Mitte werden der Kurhut und die polnische Königskrone übereinander dargestellt. Zwei goldene Löwen dienen als Schildhalter.

In der Klosterkirche befinden sich etliche Beispiele für Funeralheraldik, stellvertretend für die vielen Steine in durchweg restaurierungsbedürftigem Zustand die Platte (Abb. unten) für "D(ominus) Caspar Christian Gutbier Erb-, Lehn- und Gerichts Herr auf Plotha u(nd) Auligck (= Auligk, zu Groitzsch) u(nd) Churfürstl(ich-sächs(ischer) Amtman(n) in Pforta geb. d. 4. Octobr(is) 1709 gest. d. 27. Jan(uarii) 1785." Das sehr ungewöhnliche und kuriose Wappen der aus Langensalza stammenden Familie Gutbier wird beschrieben im Siebmacher Band: Sa Seite: 30 Tafel: 32: In Blau ein nackter, weiblicher Rumpf mit abfliegenden goldenen Haaren, auf dem Helm mit blau-silbernen Decken zwei nackte, weibliche Rümpfe mit abfliegenden goldenen Haaren. Otto Titan von Hefner schreibt zu Recht über dieses Wappen: "Die Erscheinung von z w e i Rümpfen auf e i n e m Helm gehört der schlechtesten Art von Heraldik an" - diesem ästhetisch vernichtenden Urteil schließen wir uns vorbehaltlos an. Die Brüder Christian Ludwig Gutbier, kursächsischer Regimentsquartiermeister des Kürassier-Regiments "Kurfürst" und Rentbeamter zu Schwarzenberg, und Johann August Gutbier, kursächsischer Leutnant, wurden am 6.7.1792 von Kurfürst Friedrich August III. als Reichsvikar unter Beibehaltung des bisherigen Familienwappens geadelt. Im Siebmacher Band: Bg12 Seite: 46 Tafel: 64 wird eine erweiterte Version des Familienwappens beschrieben: In Blau der hersehende Rumpf einer aus einer silbernen Mondsichel wachsenden nackten Frau mit bis unter die Schulter herabwallendem Haar, auf dem Kopfe eine silberne liegende Mondsichel, in der Mitte mit einer goldenen Rose belegt, auf dem Helm mit rot-silbernen (sic!) Decken zwei nach außen schräg geneigte Rümpfe wie beschrieben, jeweils mit den zwei Mondsicheln, aber ohne die Rose. Diese Variante trifft hier nicht zu.

 

Caspar Christian Gutbier (4.10.1709-27.1.1785) war promovierter Jurist und seit 1746 kurfürstlich-sächsischer Amtmann in Pforta. Der Justizamtmann in Pforta hatte nicht nur die Landesschule mit ihren ehemaligen Klostergütern und den daraus erzielten Einkünften zu verwalten, sondern auch die hohe und niedere Gerichtsbarkeit, also die Zivil- und Kriminalgerichtsbarkeit, und die Polizeiverwaltung über die Einwohner in Pforta und den 22 zugehörigen Ortschaften. Caspar Christian Gutbier folgte in diesem Amt seinem Schwiegervater, Kommissionsrat H. J. Spindler. Caspar Christian Gutbier war Erb-, Lehn- und Gerichtsherr auf Plotha, Auligk und Kleinbrießlich. Seine Brüder waren Christian Ernst Gutbier und Johann Ludwig Gutbier, wobei es allerdings nach dem Tod des ersteren gerichtlichen Streit mit letzterem gab wegen Besitzergreifung des Lehngutes in Westgreußen, dem Biehlengut oder sogenannten Crabornischen Vorwerk. Der letzte Justizamtmann in Pforta war Sigismund Polycarp Gutbier (30.10.1753-3.12.1829), Sohn des Caspar Christian Gutbier, und er hatte ihm nach seinem Jura-Studium in Leipzig bereits seit 1779 in der Amtsausübung assistiert, ehe er das Amt selbst 1785 übernahm. Dessen Brüder waren Carl Theodor Christian Gutbier, Moritz Adolph Gutbier und Ludwig Heinrich Gutbier.

In der Durchfahrt des neugotischen Torhauses ganz im Westen der Anlage ist in der mittleren Gewölbe-Seitennische eine ältere steinerne Wappentafel aufgestellt. Sie wurde 1697 aus Anlaß der Krönung des Kurfürsten Friedrich August I. zum polnischen König geschaffen. Die vielfach von Kulturbanausen überkratzte Inschrift im Sockelbereich ist nicht mehr zu entziffern.

 

Friedrich August I. Kurfürst v. Sachsen und König von Polen (12.5.1670-1.2.1733), gen. August der Starke, führt hier eine Wappenversion mit geviertem Hauptschild und Herzschild, wie sie auch sein Sohn und Nachfolger führen wird: Feld 1 und 4: in Rot ein silberner Adler, golden gekrönt (Königreich Polen), Feld 2 und 3: in Rot ein silbernes Roß mit geharnischtem Reiter, mit bloßem erhobenen Schwert in der Rechten dargestellt, mit blauer Satteldecke und blauem Schild, darin ein goldenes Doppelkreuz (Großfürstentum Litauen), Herzschild gespalten, rechts in von Schwarz und Silber geteiltem Feld zwei schräggekreuzte rote Schwerter (Kurschwerter, Zeichen des Erzmarschallamtes, Archimareschallus), links von Schwarz und Gold neunmal geteilt, darüber ein grüner schrägrechter Rautenkranz (Sachsen, Wettiner). Über dem Herzschild ein Kurhut, über dem Hauptschild die polnische Königskrone.

Das Torhaus weckt mit seinen schräg angesetzten Strebepfeilern, dem polygonalen Erker, den steinernen Profilleisten und den gotisierenden Fensterformen in rechteckigem Rahmen etc. auf den ersten Blick Assoziationen mit Torhäusern der Colleges von Cambridge und Oxford. Dieser Eindruck liegt nicht nur an der historistischen Bauweise des 1854-1860 nach Plänen von Friedrich August Stüler erbauten neugotischen Torhauses, das ein älteres Torhaus aus der Klosterzeit ersetzte, sondern spiegelt vermutlich bewußt den Anspruch der Schule wider, sich mit den britischen Vorbildern auf Augenhöhe zu bewegen. Zwei Figuren zieren die Fassade, rechts Bruno vom Pleißengau, der fiktive Klostergründer, links Moritz von Sachsen, der Schulgründer.

Auf der Frontfläche der Erkerbrüstung ist das redende Wappen der Lehranstalt zwischen gotisierenden Blattranken angebracht; es zeigt auf einem Felsen rechts eine Klosterpforte, ein offenes spitzbogiges Tor in einer Fassade mit Stufengiebel, aus dem ein nach links gerichteter Arm mit weitem Ärmel hervorkommt, dessen Hand einen schräglinks gestellten Abtsstab mit Sudarium hält. Der Stufengiebel mit dem (halb angeschnittenen) Torbogen ist auch heute noch prägendes Motiv im von der Landesschule verwendeten Logo.

Nach der Neuordnung der politischen Landschaft infolge der napoleonischen Kriege kam die Landesschule 1815 unter preußische Herrschaft, die aber wegen der Anwendung neuhumanistischer Bildungsprinzipien nach Wilhelm von Humboldt nun eine Blütezeit erlebte. Im Laufe des 19. Jh. entstanden etliche Neubauten auf dem Schulgelände, darunter das Torhaus, das Aulagebäude und ein neues Schulhaus mit Sternwarte. 1935 wurde die Schule in eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt umgewandelt und erst 1945 wiedereröffnet. Die Schule, bisher für Jungen reserviert, wurde 1946 auch für Mädchen geöffnet, die auch 1949 erstmals ins Internat aufgenommen werden konnten. 1950 wurde die Landesschule in eine sozialistische Oberschule umgewandelt mit vierjährigem Curriculum. Bis 1967 war die Schule rein altsprachlich orientiert. Ab 1981/1982 gab es Spezialklassen für Russisch, Englisch und Französisch. Seit 1990 befindet sich das Internatsgymnasium in der Trägerschaft des Landes Sachsen-Anhalt und bietet maximal 320 Plätze ab der 9. Klasse und drei Schwerpunkten der Schullaufbahn: Sprachen, Naturwissenschaften und Musik.

Literatur, Links und Quellen:
Lokalisierung auf Google maps: https://www.google.de/maps/@51.1429491,11.7521803,17z - https://www.google.de/maps/@51.142222,11.7527409,174m/data=!3m1!1e3
Wilhelm Paul Corssen: Alterthuemer und Kunstdenkmale des Cisterzienserklosters St. Marien und der Landesschule zur Pforte, Halle, 1868,
https://archive.org/details/alterthuemerund00corsgoog/page/n6 - https://books.google.de/books?id=WYMKAwAAQBAJ
Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Sachsen, bearbeitet von Dr. Heinrich Bergner, hrsg. von der Historischen Commission für die Provinz Sachsen und das Herzogtum Anhalt, 26. Heft: Kreis Naumburg (Land), Otto Hendel Verlag, Halle 1905,
https://archive.org/details/beschreibendeda08anhagoog/page/n7 - https://archive.org/download/beschreibendeda08anhagoog/beschreibendeda08anhagoog.pdf
Hinweistafeln auf dem Schulgelände
Stiftung Schulpforta:
https://www.stiftung-schulpforta.de/ - Rundgang: https://www.stiftung-schulpforta.de/schulpforte-erleben/rundgang/ - Geschichte: https://www.stiftung-schulpforta.de/schulpforte-erleben/geschichte/
Landesschule Pforta:
https://www.landesschule-pforta.de/ - Klostergeschichte: https://www.landesschule-pforta.de/de/geschichte/kloster.php - Schulgeschichte: https://www.landesschule-pforta.de/de/geschichte/schule.php - historische Bibliothek: https://www.landesschule-pforta.de/de/geschichte/bibliothek.php - Gebäude: https://www.landesschule-pforta.de/de/internat/gebaeude.php
Auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Schulpforte
Auf Wikipedia:
https://de.wikipedia.org/wiki/Landesschule_Pforta
Caspar Christian Gutbier:
https://de.wikipedia.org/wiki/Caspar_Christian_Gutbier

Ortsregister - Namensregister - Regional-Index
Zurück zur Übersicht Heraldik

Home

© Copyright / Urheberrecht an Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2019
Impressum